Zum Hauptinhalt springen

Als Kulisse nicht mehr gefragt

Die Grand Tour soll uns helfen, etwas Ruhe abseits der hektischen Stadt zu finden. Das gelingt besonders gut in der Leventina, inmitten einer beeindruckenden Kulisse aus der Belle Epoque.

In der Leventina gibt es einen Hauch Belle Epoque, idyllische Wasserfälle und zutrauliche Sommervögel. Foto: Instagramm bellevuegoestourist
In der Leventina gibt es einen Hauch Belle Epoque, idyllische Wasserfälle und zutrauliche Sommervögel. Foto: Instagramm bellevuegoestourist

Autoübergabe in Bellinzona. Die Anzeige über der Einkaufsstrasse zeigt 36 Grad. Viel zu heiss. Zu viele Leute auch, die dem Ziel der Reise, endlich einmal aus der Stadt zu kommen, irgendwie im Weg stehen. Nicht absichtlich. Bellinzona ist verglichen mit Zürich eine sehr gemächliche Stadt, sie wirkt wie high an diesem Hitzetag. Aber trotzdem. Nur noch kurz rein ins Kaufhaus, in die kühle Luft und kurze Hosen kaufen. Pinkfarbene Hemden gibt es Stangenweise im Sonderangebot, weisse Jeans ebenso.

Kollege Wyss wusste von einem Bähnli im Ortsteil Monte Carasso, das bis weit hoch in die bewaldeten Berge führt. Bei der Talstation erklärt ein junger Mann, die Bahn fahre Tag und Nacht. Abenteuerlich. Er sagt auch, dass man die Ortschaft Montera nur mit dieser Luftseilbahn erreiche. «Picknick?», frage ich, als ich seine prallen Einkaustüten sehe. Nein, er übernachte den Sommer hindurch immer dort oben. «Es ist so wunderbar ruhig.» Und: «Immer 10 Grad kühler.» Perfekt. Die Aussicht geht über die verbaute Magadino-Ebene, die von oben schlimmer aussieht als das Glatttal. Aber hier: endlich kühle Luft. Oben lohnt sich ein kurzer Spaziergang zwischen Ferienhäusern, duftenden Wäldern und einem kleinen, mit Familien bevölkerten See. Beim Herunterfahren in der Abendsonne ist niemand ausser mir in der Seilbahn. Irgendwann bleibt sie für ein paar Minuten stehen und schaukelt im Wind.

Etwas Ruhe soll es auch in der Leventina geben. Seit der Zug so tief unter der Erde fährt, ist die Gegend für die Zugreisenden nicht einmal mehr Kulisse.

Was wäre das Gegenteil von Zürich? Womöglich ein schwarzes Loch im Universum. Immerhin gibt es in Faido, dem Hauptort der Leventina, aber ein paar Dinge, die gegenteilig sind zu Zürich: Die Mieten sind so günstig wie fast nirgendwo in der Schweiz. Oder Historische Bauten werden nicht umgenutzt und aufgewertet, sondern bleiben leer. Es gibt hier eine Überfülle solcher Gebäude, alte Mailänder Villen, viel zu pompös gebaut für diese Berggegend, daneben einstmals stolze Hotels. 36 davon gab es in Faido – übrig geblieben sind bloss noch drei.

Einstmal war Faido auf jener Grand Tour, zu der sich die Bürgersöhne aus dem Norden zu Bildungszwecken aufmachten, und die nichts mit unserer Grand Tour zu tun hat, eine wichtige Station. Weil es an einer der wichtigsten Achsen Europas liegt. Aber das ist lange her.

Die drei ehemals wichtigen Hotels liegen beim Bahnhof, von wo aus täglich zwei Züge abfahren. Sie heissen Milano, Faido und Suisse und verströmen einen Hauch der Grandezza aus der Zeit der Belle Epoque. Das schätzte vor hundert Jahren besonders das Mailänder Grossbürgertum, das aus der verrussten Stadt ins obere Tessin flüchtete, in diese kühle, rauhe, schluchtige, dunkelgrüne bewaldete Gegend und in die gute Luft. Doch die Italiener blieben diesem Zufluchtsort nicht treu. Seit dem 1. Weltkrieg kommen sie nicht mehr hierher. Dafür kamen irgendwann einmal wieder die Arbeiter, die an den Verkehrsprojekten mitarbeiteten, den Autobahnbrücken, den Kraftwerken und den Tunnels. Ironisch, dass seit dem neuesten und prestigeträchtigsten Bau, dem Gotthard-Basistunnel, die Ortschaft nicht einmal mehr als Kulisse dient.

«Man muss in Faido viel Energie aufwenden», sagt Daniele Zanzi. Er ist der Kultur- und Tourismusverantwortliche von Faido, der das seit ein paar Jahren macht. Und dies sehr gerne. «Ich liebe diesen Ort», sagt Zanzi, der hier aufgewachsen ist und vor einiger Zeit zurückgekehrt ist. Dies, obwohl die kantonalen Stellen abwandern und nur schwer einen Kredit kriegt, wer hier investieren möchte.

Zanzi hat einen Schlüssel zum Hotel Suisse und führt mich durch die alten Hallen, die alle verstauben und zerfallen sind. Wir gehen durch die oberen Stockwerke, wo in den Zimmern die Tapeten im Liberty-Stil vergilben. Schmuckvoll verzierte Decken überall, Zeitzeugen. Auch im Dachstock, wo in Zürich gefertigte Ziegel aus dem Jahr 1905 zu sehen sind.

Zanzi sagt, für Faido wäre es am besten, wenn das Naturhistorische Museum in einen der alten Kästen ziehen würde. Dafür setzt er sich ein. Ebenso, dass der Kanton in die Leventina investiert. Aber das geschehe im Moment nicht. Noch nicht, wie er sagt. Als Standort fürs Museum bevorzuge die Kantonsregierung höchstwahrscheinlich Locarno, weiss Zanzi.

Im Garten vor dem ehemaligen Speisesaal zeigt Zanzi auf den Mammutbaum, der um die vorletzte Jahrhundertwende aus den USA eingeschifft worden war. Einer von zwei, der andere musste kürzlich gefällt werden. Der Baum streckt sich in den Himmel, wie nichts sonst im Dorf.

Ein Hotel in der Region, das heute noch gut läuft, ist das frisch renovierte Des Alpes in Dalpe, einer Ortschaft in den Bergen, wo jener Bergbach rauscht, der nach Faido fliesst und schliesslich in den Ticino stürzt. Dank ihm darf Faido eines der ersten Elektrizitätswerke der Schweiz seines nennen.

Der märchenhafte Wasserfall ist vom Dorf aus in 40 Gehminuten zu erreichen. Es gibt dort hölzerne Bänkli, auf das ich mich trotz den neu gekauften weissen kurzen Jeans setze, und eine eher marode Absperrung. Daneben steht ein Grabstein eines 1931 mit 24 Jahren verstorbenen Renzo Torriani. Ob er sich von hier aus mit den Fluten ins Tal stürzte oder ob er einfach an diesem zauberhaften Ort begraben werden wollte, ist nicht klar.

Kurz bevor ich in meinen Notizblock notiere: «Keiner einzigen Menschenseele begegnet in Dalpe», tauchen etwas weiter vorne, links und rechts der Strasse auf Bänken sitzend, sechs ältere Frauen auf. Sie seien der inoffizielle Zoll, sagt eine von ihnen. «Wie viel?», frage ich. «100 Franken», antworten alle Frauen gleichzeitig. Seit Jahrzehnten sässen sie in ihrer Freizeit hier, wenn es auf dem Hof gerade nicht so viel Arbeit gebe. So würden sie die Wanderer beobachten, die zu Beginn oder am Ende ihrer Tour durchs Dorf ziehen. Manchmal, würden sie einen Wanderer 20 Jahre lang nicht mehr sehen und dann merken, wie er, wenn er wieder komme, älter geworden sei.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch