Am Drücker

Der Türknopf am Tram verursacht unzählige Dramen. Die Stehengelassenen lassen sich dabei in zwei Kategorien einteilen: Depressive und Aggressive.

Zehntausende Betroffene, keine einzige Selbsthilfegruppe: Trotz aller Probleme mit dem Türknopf dürfen seine Verdienste nicht vergessen werden. Foto: Reto Oeschger

Zehntausende Betroffene, keine einzige Selbsthilfegruppe: Trotz aller Probleme mit dem Türknopf dürfen seine Verdienste nicht vergessen werden. Foto: Reto Oeschger

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Die Wut, die er auslösen kann, ist ihm nicht anzusehen mit seinem bescheidenen Durchmesser von drei Zentimetern. Wenn der runde Türknopf mit den grün leuchtenden Punkten Funktionsbereitschaft signalisiert, nimmt man ihn für selbstverständlich; niemand jubelt, wenn am Tram oder am Bus die Tür aufgeht, niemand klatscht. Doch wehe, das Licht erlöscht kurz vor unserem Zeigefinger – und trotz drücken-drücken-drücken die Tür keinen Wank tut. Dann gehts ans Existenzielle!

Diese Ohnmacht: stehen gelassen zu werden, gescheitert zu sein, ausgeschlossen. Ganz kurz – so kurz, dass es manche gar nicht merken – stellt sich das Gefühl ein, es wieder einmal nicht geschafft zu haben. Wie so oft: das Leben als Niederlage, CVP in der Stadt Zürich, ich, der Floh im Universum. Weder die Schule noch Schopenhauer, der Denker des Trübsinns, haben uns auf die Krise vor der Tramtür vorbereitet.

Jedes Tram muss mal abfahren, sonst wäre es kein öffentlicher Verkehr, sondern öffentlicher Stillstand.

Die Psychologie des Türknopfs ist noch nicht geschrieben, nur den Titel gibt es schon: «Lichterlöschen im öffentlichen Verkehr». Oder: «Die Heimtücke der Haltestelle». Und weil das Phänomen in Lehre und Forschung unbekannt ist, fehlen auch die Selbsthilfegruppen der vom Tram Stehengelassenen, obwohl es doch Zehntausende von Betroffenen gibt.

Auf das Erlöschen des Türknopfs reagieren die Opfer entweder mit Kurz­depression oder Aggression. Die Sekundendepression sieht so aus: Die Betroffenen wenden sich ab, gehen sofort weg vom Ort ihrer Niederlage, meist ist es ein Schlurfen mit hängenden Schultern. Orthopädisch gesprochen: Ein schlaffer Rundrücken stellt sich ein. Etlichen Betroffenen macht überdies die Schadenfreude zu schaffen, die sie bei denen vermuten, die das Scheitern am Türknopf beobachtet haben. Doch das ist ein Trugschluss, denn niemand hat etwas gesehen, alle kneten ja ihr Handy.

Tritte gegen die Tür

Häufiger als mit einer Mikrodepression reagieren die Opfer des heimtückischen Knopfs mit körperlicher, optischer oder verbaler Gewalt. Sie malträtieren den Knopf mit dem Daumen in der Annahme, er habe einen Wackelkontakt. Oder es läute vorn beim Fahrer. Sie schlagen den Knopf mit der flachen Hand im Sinne einer Ohrfeige. Sie strafen ihn mit bösen Blicken. Grobiane treten gar gegen die Tür. Oder sie eilen an die Spitze des Trams und gestikulieren in Richtung Pilot. Doch der gibt vor, nichts zu bemerken, und fixiert das Lichtsignal, das ihm die Wegfahrt erlaubt.

Woher kommt diese Aggression? Wo doch alle wissen, dass jedes Tram mal abfahren muss, sonst wäre es ja kein öffentlicher Verkehr, sondern öffentlicher Stillstand. Anders als der Depressive deutet der Aggressive die verschlossene Tür nicht als Schicksal, als Wille einer höheren Macht – des Fahrplan-Manitus –, sondern als vorsätzliche Tat des Piloten: Diese Person hat den Schalter im vollen Bewusstsein umgelegt und damit den Türmechanismus blockiert. Unsere Persönlichkeit, Einzigartigkeit, Bedürftigkeit ist dieser anonymen Figur schnurzegal. Und kurz überkommt einen das eisige Gefühl, dort vorn hocke der ganze Staat mit seinen Verboten, Gebühren, Bussen, der Polizei und dem Steueramt. Klingt die Bosheit nicht schon im Namen an: Wagenführer?

Die Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ) kennen diese Problemzone. Deshalb nennen sie die Wagenführer mittlerweile Trampiloten, und sie bringen auch immer wieder dieselbe Entschuldigung vor: dichter Fahrplan, überfüllte Kreuzungen, knapper Timeslot für die Abfahrt. Würde jedem Einzelnen nachträglich die Tür geöffnet, kämen weitere Fahrgäste angerannt, bis das Zeitfenster schliesst und die Verspätung garantiert ist. Was dann die wartenden Fahrgäste an den folgenden Haltestellen aggressiv macht. Öffentlicher Verkehr als ein Hauen und Stechen.

Der Allmächtige sitzt vorne

Diese Erklärung hat etwas, doch taugt sie nur für die Stosszeiten. Sonst haben die Trampiloten durchaus Spielraum, um einen Nachzügler kurz einzulassen. Sie tun das manchmal auch, man hat es selber schon erlebt oder beobachtet. Genau deshalb fragt man sich dann draussen vor der Tür: Warum hat der Allmächtige jetzt in meinem Fall keine Gnade walten lassen? Was hat er gegen mich? Männer argwöhnen, dass er einer jungen Frau die Türe geöffnet hätte – oder einem jungen Mann, je nach Vorliebe. Was müssen erst Ausländer oder Farbige denken, wenn die Tür am stehenden Tram geschlossen bleibt? Diskriminierung?

Die Fachleute für Diskriminierungen sind in Zürich die SP und die Alternativen. Sie haben im Gemeinderat schon wiederholt der Stadtpolizei «Racial Profiling» vorgeworfen und verlangt, dass Personenkontrollen nicht aufgrund von Äusserlichkeiten wie der Hautfarbe durchgeführt werden dürfen. Diskriminierungen am Türknopf erwähnten sie allerdings noch nie. Das kann bedeuten, dass es diese Benachteiligung von Minderheiten im Tramwesen gar nicht gibt. Oder dass die Linken selten Tram fahren, weil ihnen das Velo mehr ökomoralischen Bonus bietet.

Trotz aller Probleme mit dem Türknopf dürfen seine Verdienste nicht vergessen werden. Zum einen öffnet er die Tür. Zum anderen verhilft er zu der nützlichen Erkenntnis: Wenns am Tram keinen Türknopf hat, will man auf der falschen Wagenseite einsteigen. Das müssen sich Neuzuzüger und Auswärtige merken – besonders auf der Tramlinie 1.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.03.2018, 21:04 Uhr

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