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Am Ende sind wir alle bloss Touristen

Vom Frühstück über die Passhöhe bis zur Hollywood-Kulisse – die heutige Etappe zeigt: Wenn Menschen reisen, wirken sie irgendwie austauschbar.

Schmuckes Brückchen, viele Menschen: Die Ponte dei Salti in Lavertezzo. Fotos: Instagram bellevuegoestourist
Schmuckes Brückchen, viele Menschen: Die Ponte dei Salti in Lavertezzo. Fotos: Instagram bellevuegoestourist

Das Ferien-Frühstück ist ja oft der erste Tiefpunkt des Tages: Vor der Kaffeemaschine herrscht ein Stau wie auf der Sihlhochstrasse, beim Birchermüesli-Schöpfen wird man angerempelt, wodurch man das frische Hemd bekleckert; als sich der Rüpel entschuldigt, verschlägt es einem wegen dessen «Schnurregriech» den Atem. Hockt man endlich am Tisch, spricht das Gegenüber zuerst von den Sorgen («Du, ich han immer nanig chöne ufs WC, es isch jetzt schon de dritti Tag!») und dann von den Plänen («Hüt nämme mers ruhig, uf d Alp Grüm durets nur drü Stund, aso pro Wäg»). Doch im Hotel Alte Herberge Weiss Kreuz in Splügen ist das zum Glück alles ganz anders: Der Kaffee kommt im Kännchen, weit und breit kein Birchermüesli, wir zwei haben weder Verdauungsprobleme noch Ambitionen.

Man fährt in die gleiche Richtung und doch nebeneinander her, kaut immerzu diese klebrigen Ricolas, hört zum gefühlt 48. Mal die immer gleichen Beats und Grooves von der zu kurzen Playlist, anders gesagt: Am zweiten Grand-Tour-Tag hat sich beim Duo Metzler/Wyss bereits eine gewisse Routine eingeschlichen. Um diese zu brechen, beschliessen die beiden auf der Passhöhe des San Bernardino ein Experiment: Jeder hat zehn Minuten Zeit, um sich da oben umzusehen und Notizen zu machen, und danach nochmals zehn Minuten Zeit, um daraus eine 600-Zeichen lange Episode zu schreiben.

Hier Metzlers Resultat: Passhöhen bieten Natur für Bequeme. Töfffahrer in farbigen Fantasie-Overalls steigen von ihren Maschinen, sonnenbebrillte Cabriopiloten verlassen ihre Autos, alle strecken ihre Glieder, blicken um sich, stolz, den Berg bezwungen zu haben. Vor der Erfrischung im Hospiz schlendern sie herum, machen Fotos, entfernen sich dabei aber nur ein paar Minuten von den Maschinen. Die Berge? Bleiben Kulisse. Ab und zu quälen sich Velofahrer zur Passhöhe hoch, verschwitzt und keuchend. Vermutlich schmeckt ihnen der Gipfeltrunk ein bisschen besser als dem motorisierten Rest.

Hier Wyss Resultat: Glaubt man all den Auto-, Motorrad-, Töffli- und E- Bike-Nummern, hat es an diesem spektakulären Ausflugsziel zum Zeitpunkt des Experiments: 3 Thurgauer, 1 Aargauer, 1 Basel-Städter, 1 Burgerländer, 4 Zürcher, 1 San Sebastianer, 2 St. Galler, 1 Zuger, 3 Münchner, 3 Schwyzer, 1 Appenzell Innerrhoder, 1 Bilbaoer, 1 Genfer, 1 Jurassier, 2 Tessiner, 2 Mailänder, 1 Comer, 1 Waadtländer, 3 Südtiroler, 1 Nidwaldner, 4 Berner, 1 Urner, 2 Engländer. Und dann stellt man sich mitten in diese vielen Primaten hinein, schliesst die Augen und denkt: Welch gleichermassen faszinierende wie verstörende Artenvielfalt!

Immer dieser gehypte moderne Schmarren, dachte Wyss früher, die würden besser ein Buch lesen. Und dann nennt man diese Zeitverschwendung auch noch Social Media, dachte er, dabei ist das bloss kaschierte Selbstdarstellung. Zudem, dachte er, meint jeder dieser Jungspunde, man sei kunstschaffend, wenn man fähig sei, auf dem Smartphone einen Auslöser zu drücken. Dann kam der Tag, an dem er den Auftrag erhielt, für die Bellevue-Sommerserie selber Schnappschüsse auf Instagram zu publizieren.

Er tut es und postet (wie das offiziell heisst) unter «bellevuegoestourist» das eine oder andere Föteli, aber so was von widerwillig, im Fall. Jedenfalls am ersten Tag. Am zweiten, als ihm plötzlich wildfremde Menschen für seine Motive rote Herzchen zufliegen lassen, nimmt sein Widerstand ab, und am Morgen des dritten Tages ist das krasse Tatsache: Wyss, süchtig nach Likes und Followern, ist zum Insta-Junkie mutiert! Er knipst und postet drauflos wie ein getriebenes Tier. Am Abend proklamiert er: «Bis zum Ende unserer Etappe will ich 100 Abonnenten haben!» Bitte helfen Sie ihm! (Stand bei Abgabe dieser Zeilen: 78).

Lavertezzo ist nicht der schönste Ort auf Erden. Auch nicht der schönste Ort der Schweiz, und wahrscheinlich nicht mal der schönste Ort im Kanton Tessin. Doch es ist ziemlich sicher der schönste Ort im Verzascatal; der wilde Fels, das Wasser mit der Farbe eines Sommerdrinks, das schmucke Brückchen ... und dann läuft einfach ein Tourist mit einem aufblasbaren Riesen-Einhorn durch die Szenerie und macht alles kaputt.

Touristische Momente: Wenn das Auto-Navi und Google Maps andere Routen zum Ziel angeben. - Wenn sich Zürcher auf Tessiner Wanderwegen mit «Buongiorno» begrüssen. - Wenn man mit dem Auto an einem schönen Ort vorbeifährt, mittels gefährlichen Wendemanövers umkehrt und sich der Ort als doch nicht so schön herausstellt. - Wenn sich Touristen darüber aufregen, dass es überall so viele Touristen hat. - Wenn man in einem Tessiner Restaurant in schlechtem Italienisch das Essen bestellt und die Antwort in perfektem Schweizerdeutsch bekommt. - Wenn man findet, dass die Sehenswürdigkeit auf dem Foto irgendwie besser ausgesehen hat, als sie es in Wirklichkeit tut. - Wenn das Tagesprogramm länger dauert als geplant und man sich am Abend gestresster fühlt als zu Hause.

Auch Dörfer können sterben. In Corippo, einem Weiler hoch über dem Verzasca-Stausee, wohnen noch 12 Personen. Irgendwann würde jemand das Licht löschen. Doch Corippo soll hell bleiben: Eine Stiftung will aus dem Dorf ein grosses Hotel machen. Vor Ort leuchtet die Idee ein: Corippo besteht aus kleinen Steinhäusern, gebaut am steilen Hang. Die Zufahrtstrasse endet am Dorfplatz, von da führen nur noch schmale Treppen zu den Rustici hoch. Dank der Enge der Wege und der homogenen Architektur kann man sich schon heute vorstellen, dass man die Gänge eines Hotels beschreitet. Schwierig dürfte es werden, wenn man nach dem siebten Grappa sein Zimmer suchen muss.

Hinzu kommt ein Problem, das man aus Zürich bestens kennt: Die wenigen Parkplätze am Dorfrand sind hart umkämpft - unter Autos mit Nummernschildern ähnlicher Herkunft, wie man sie samstags im Kreis 1 kreisen sieht.

Der Marmorera-Staudamm in Graubünden gehört dem Zürcher EWZ. Der Verzasca-Staudamm im Tessin nicht. Leider, muss man bemerken, denn er ist ein konkav in Beton gegossenes Wunderwerk: 220 Meter hoch, an der Spitze nur sieben Meter dick, eingebettet in eine gefährlich tiefe Felsscharte. Richtig weltberühmt wurde der Bau 1995, als sich James Bond in «Golden Eye» da hinunterstürzte. Noch heute wirbt die Bungee-Jump-Anlage auf der Mauer mit 007. Nötig wäre das nicht, die Grandezza des Damms wirkt surreal genug, vor allem auf Höhenangstmenschen wie uns. Plötzlich eine Vision: Wir sehen das aufblasbare Riesen-Einhorn in die Schlucht hinabsegeln. Sieht schön aus.

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