An der Arbeit arbeiten

48 Stunden müssen reichen, um die Arbeitswelt der Zukunft zu entwerfen. Zumindest am Design-Marathon an der Zürcher Hochschule der Künste – wir stellen drei Ideen vor.

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Wer beruflich auf gute Ideen kommen muss – zum Beispiel als Werber oder als Architektin –, der weiss, dass eine klare Versuchsanordnung beim Entwickeln hilft. Von Studierenden der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK) im Toni-Areal kommt jetzt ein Konzept, das der Kreativbranche gefallen könnte: der Design-Marathon, kurz Designathon, inspiriert von den Hackathons der Computerszene. Letztes Wochenende fand der Designathon zum ersten Mal statt.

In 48 Stunden erarbeiteten 90 junge Menschen in selbst gewählten Gruppen 23 Ideen oder Designs zum Thema «New Work» – was genau bei dem Designathon herauskommen sollte, gaben die Orga­nisatoren, alles Studierende der ZHDK, nicht vor. «Die Arbeiten können gra­fisch, audiovisuell, performativ vorgetragen oder als Objekt im Raum stehend präsentiert werden», stand auf dem Infoflyer. Am Sonntagabend hatte jede Gruppe 90 Sekunden Zeit, um ihre Idee der Jury zu präsentieren. Für die Gewinner gab es Microsoft-Computer, Freitag-Taschen oder Geldbeträge.

Zum Thema «New Work» lieferten die Organisatoren mögliche Fragestellungen mit: Wie wollen wir unser Arbeitsleben in Zukunft gestalten? Wo ist dein Arbeitsplatz? Wie kommunizierst du mit Mitarbeitern und Geschäftspartnern? Welche Berufe entstehen durch die Digitalisierung? Die Teilnehmer sollten in ihren Designs heutige Arbeitssituationen kritisch hinterfragen, in die Zukunft denken und Lösungen erforschen. Wir stellen drei Ideen vor, die zwischen Gastvorträgen, Ruhepausen im Schlafsack und gemeinsamem Brunch entstanden sind.

1. Die mobile Küche

Das Gewinnerprojekt des Designathons heisst «Esszimmer» und ist eine Art tragbare Küche. In Zukunft sollen Arbeitstätige nicht mehr allein Sandwiches vor dem Computer verspeisen, sondern sich in einer Küchenbox mit anderen Menschen zum Essen treffen können.

Dahinter steckt eine vierköpfige Gruppe rund um David Jäggi. «Die Digitalisierung all unserer Lebensbereiche wird weiter voranschreiten», sagt der ZHDK-Student. Dadurch würden viele Abläufe beschleunigt, und das Bedürfnis nach analoger Beschäftigung steige. «Das Schälen einer Karotte, ohne dafür eine App benützen zu können, tut gut.» Im Esszimmer soll stressfrei gekocht und gegessen werden. Am schwarzen Brett trägt sich ein, wer kochen und wer essen will. Nur die Esser zahlen einen Beitrag. Den Abwasch erledigen alle ­gemeinsam.

Das «Esszimmer» soll auch soziale Probleme lösen: Senioren, Asylsuchende, Teilzeiterwerbende oder Arbeitslose sollen die Küchenbox im Franchise-System führen und so den Zugang zur Arbeitsgesellschaft finden, schlägt die Gruppe vor. Ob sie bald ein «Esszimmer» irgendwo eröffnet, sei noch nicht klar. «Wir werden die Idee auf jeden Fall weiterverfolgen.»

2. Karten statt Berufe

Radikal wie ihre beiden Entwickler ist die Idee der Tu’Du-Karten – sie gewann den «Best in Social Impact»-Preis. Verantwortliche sind Nicolà Tissi, ein 26-jähriger Maschineningenieur aus dem Bündnerland, und Jon Wirthner, ein 27-jähriger Interaction-Design-Student aus dem Wallis. Die beiden sind befreundet und kritisieren oft und gerne die Arbeit des anderen. Am Designathon arbeiteten sie zum ersten Mal gemeinsam. «Weil wir uns ebenso gut streiten wie ergänzen, haben wir sogar ein Safety-Word vereinbart», sagt Wirthner. Kreativ bis explosiv sei ihre Zusammenarbeit verlaufen. «Zum Glück war nach 48 Stunden Schluss.»

Bei ihrem Projekt gehen die beiden Bergler davon aus, dass Berufe in der Arbeitswelt der Zukunft durch Kompetenzprofile ersetzt werden, die sich laufend erweitern. So funktionierts: Sämtliche Aufgaben, ob im Büro oder auf der Baustelle, werden auf Tu’Du-Karten notiert. Darauf stehen zwei Werte: die Kompetenzen, welche die Aufgabe erfordert, und die Quality-Time, die man dafür erhält. Die Karten werden zufällig gemischt und an alle Arbeitnehmer verteilt. Diese können Karten annehmen und ausführen oder sie an eine geeignete Person weitergeben. Karten, die keiner will, landen wieder auf dem Stapel und gewinnen dort immer mehr Quality-Time. Wenn sie bei dem Arbeits­tätigen liegen bleibt, verliert sie an Quality-Time und wird immer wertloser – bis sie endlich ausgeführt wird.

Der Bewegungsfluss der Karten soll aufzeigen, wer welchen Job besonders gut und oft tut – und welches die «Schoggi­jobs» und die ungeliebten Aufgaben im Betrieb sind, bei denen Arbeitsbedingungen oder Lohn verbessert werden müssen.

3. Pause mit Rendezvous

Die Kaffeepause immer mit den gleichen Leuten zur gleichen Zeit zu verbringen, inspiriert nicht und unterbricht schlimmstenfalls den persönlichen Arbeitsfluss. Hier setzt die Idee von «Brkr» an, einer Art Tinder für Pausenwillige. Auf einfache Weise, nämlich mit einem einzigen Klick auf einer Webapplikation, kann man andere finden, die gleichzeitig und in der Nähe eine Pause machen möchten. Die Treffen am Pingpongtisch oder im Café förderten den kreativen Austausch, findet das fünfköpfige Team um Silvio Heuberger. Am nächsten Designathon will er wieder mitmachen. «Es tut gut, wieder einmal etwas total anderes zu machen als im Job.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2015, 22:29 Uhr

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