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Aphrodisiaka für den Geist

Ein Aphorismus ist laut Duden (ungefähr) ein prägnant-geistreicher Sinnspruch, der eine Lebensweisheit vermittelt. Und von diesen triefenden Sätzen haben wir heute eine ganze Reihe für Sie.

Hier auf dem Bild hat es reichlich Platz für Ideen. Denkanstösse liefern wir Ihnen unten. Foto: Yom Lam (Plainpicture)
Hier auf dem Bild hat es reichlich Platz für Ideen. Denkanstösse liefern wir Ihnen unten. Foto: Yom Lam (Plainpicture)

Was man nicht alles findet, wenn man durch alte Notizbücher blättert. In meinem Fall immer wieder einzelne Sätze, die mir geistesblitzartig eingefallen waren und von denen ich wohl zum Zeitpunkt des Schreibens angetan war. Überzeugt, sie könnten als Aphorismen taugen. Jahre später wieder betrachtet, sind sie, nun . . . sind sie es auf jeden Fall wert, einmal genauer angeschaut zu werden. Und weil ich mittlerweile genug Distanz dazu habe, übernehme ich deren Diskussion gleich selbst.

Ein talentierter Perfektionist mag ein nahezu einwandfreies Leben führen, doch ohne eine Spur ­Genügsamkeit nie ein glückliches.

Peng. Fakt. Ich stimme mir absolut zu, auch heute noch. Dieses Paradox, wonach ein perfektes Leben nicht glücklich machen kann und das Leben ohne Glück doch auch nicht perfekt sein kann. Im besten Fall hinterfragt sich der Leser, ob er selbst nach zu viel strebe. Vielleicht freut er sich gar kurz über seine Unzulänglichkeiten.

Zum Eremiten ist nur geeignet, wer sich selbst genügt.

Wer hätte das gedacht. Logik ahoi! Das ist näher an einer Worterklärung als an einem Aphorismus. Aber einverstanden, jeder, der sich überlegt, Eremit zu werden, sollte sich vorher überlegt haben, ob er sich nicht selbst nach einer Weile langweilt.

Warum wollen Homines oeconomici das Irrationale im Individuum ausmerzen, wo es doch für die schönsten Dinge des menschlichen Daseins verantwortlich ist?

Gegenfrage: Wollen das Homines oeconomici wirklich? Und: Was zum Teufel sind Homines oeconomici? Zutreffend ist sicher, dass nicht alles, was wir tun, rational zu erklären ist. Und dass man bei vielem, was Spass macht, das Hirn nicht allzu stark involviert. Um durch vorliegenden Satz zu dieser Erkenntnis zu gelangen, muss ich aber schon recht hirnen. Mir scheint, da wollte vor allem einer mit seinen Lateinkenntnissen angeben. Und noch eine Frage: Kann ein Aphorismus eine Frage sein?

Ich bin ein sehr lebensbejeinender Mensch.

Auch hier: Ist das ein Aphorismus? Was hat das Ich in einem Aphorismus zu suchen? Sind Aphorismen nicht allgemeingültige statt subjektiver Aussagen? Aber im Prinzip schon lustig – gerade wenn man, wie ich, den Autor kennt.

Es ist leichter, den ­Therapeuten zu spielen, als der Patient zu sein.

Word! Dieser Aphorismus ist so wahr, dass er schon fast eine Binse ist. Das ist ja immer die Gratwanderung beim Aphorismenschreiben: Zustimmungswürdig soll es sein, aber doch nicht allzu offensichtlich. Der hier ist wahrscheinlich eine Nuance zu eklatant. Um als Aphorismus zu taugen, fehlt ihm auch noch ein wenig sprachliche Finesse.

Es ist natürlich, egozentrisch zu sein, aber nicht besonders ­weitsichtig.

Glatt, strebt gegen sauglatt. Es schwingt wohl eine Gesellschaftskritik mit. Und ein kleiner Wortwitz. Niedlich.

Nicht der, der viel weiss, kann sich glücklich schätzen, sondern der, der es liebt, dazuzulernen.

Gehe ich recht in der Annahme, dass sich der Autor als Letzteren sieht? Wahrscheinlich. Ist natürlich eine astreine Ausrede: Ich muss nicht viel wissen, weil ich gern lerne. Hat auch etwas von «der Weg ist das Ziel». Der Prozess des Lernens macht uns zufriedener als die Tatsache, dass wir wissen. Und Lernen ist ja eine Lebensaufgabe. Von daher kann man den Satz vernünftigerweise kaum schlecht finden. Raffiniert.

Das schlechte Werk eines Genies bleibt ein schlechtes Werk.

Oho. Simpel, aber wahr. Ein Aufruf zu mehr Objektivität, fernab von Prestige und Name-Dropping. Zu mehr Sein als Schein. Zu Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit. Steckt also einiges drin. Kann man so lassen.

Wir haben nicht Angst davor, zu sterben, sondern davor, nicht mehr zu leben.

Wenn mans genau nimmt, ja, korrekt. Ist jetzt nicht die bahnbrechende Erkenntnis, aber doch legitim zu erwähnen. Wir sprechen ja ständig von der Angst vor dem Tod, aber das, was wir vor allem fürchten, ist doch die Sache danach, das Unsagbare. Das Gegenteil vom Leben. Der Tod ist lediglich die Pforte, nur der Übergang dazu. Der Horror ist das Ungewisse, das folgt.

Ich mag Frauen von Format, es muss aber nicht immer 16:9 sein.

Irgendwie lustig, aber arg verstaubt. Muss ja zwangsläufig aus der Zeit stammen, als 4:3 noch Standard-Fernsehbildschirm-Format war – und man ständig vom revolutionären 16:9 gesprochen hat, das die schwarzen Balken obsolet machte. Sicher mehr Pointe denn Aphorismus. Und sicher näher bei Mario Barth als bei Monty Python.

Die Reichen prahlen: Das habe ich verdient. Die Armen klagen: Womit habe ich das verdient?

Dem Gedanken der Meritokratie wortspielerisch auf den Zahn gefühlt. Und gleichsam die Beliebigkeit aufgezeigt, die unser Schicksal bestimmt: Herkunft, Reichtum, Lebenslauf. Quasi eine Replik auf «Jeder ist seines Glückes Schmied», bloss viel prosaischer.

Auf etwas verzichten zu können, ist vorbildlich, sich etwas zu ­gönnen, meisterhaft.

Wow, das ist ja richtig «deeper shit». Auch wenn sich nur ein Teil der Leser angesprochen fühlen dürfte. Viele haben, denke ich, keine Probleme, sich etwas zu gönnen. Aber alle Sparsamen, Selbstkritischen (hier!) und -geisselnden können sich das zu Herzen nehmen.

Ein Mann, der logisch denkt und nicht streitet, zieht gegen eine Frau immer den Kürzeren.

Autsch, das liest sich wie 15 Wörter Frust. Ist es vielleicht auch. Oder einfach eine schmerzliche Erkenntnis.

Intelligente Menschen zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie Fakten nennen und gescheite Männer ­zitieren können, sondern dass sie sie ­v­erstehen.

Wieder gut als Ausrede geeignet, nämlich für alle jene, die niemanden zitieren können. Und als Provokation für Feministinnen: «gescheite Männer», autsch!

Wo wäre die Welt ohne Ideologen? Und: Wo wäre die Welt ohne ­Ideologen?

Excusez? Hä? – Ach so. Ich glaube, ich verstehe. Der Autor wollte auf die Polarität von Ideologen hinweisen, auf den schmalen Grat, der entscheidet, ob eine Ideologie revolutionär oder verheerend ist. Ideologen sind mitunter für die besten Momente der Weltgeschichte verantwortlich – und gleichzeitig für die schlimmsten. Ganz schön ausgefuchst.

Fotos oder: Die Hoffnung, besser auszusehen als im Spiegel.

Das muss vor der Selfie-Epidemie gewesen sein. Vor dem Smartphone. Denn mittlerweile gibt es so viele Filter und Tricks, dass wir dank Handy auf Fotos viel besser aussehen als in natura. Schade, jetzt ist es nicht mehr so lustig.

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