Auf die Länge kommt es an

Wer keinen hat, existiert nicht: der Schatten. Facetten einer markanten Erscheinung zwischen Physik, Kultur und Politik, die auch Zürich prägt.

Schatten – der Existenznachweis, der dadurch entsteht, dass ein Gegenstand dem Licht im Weg steht und hinter sich einen unbeleuchteten Raum erzeugt. Foto: Urs Jaudas

Schatten – der Existenznachweis, der dadurch entsteht, dass ein Gegenstand dem Licht im Weg steht und hinter sich einen unbeleuchteten Raum erzeugt. Foto: Urs Jaudas

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Schatten, was ist das? Anruf beim bekannten Zürcher Fotografen Willy Spiller; sein Studio an der Florhofgasse heisst «Licht & Schatten En Gros». Warum der Name? «Es ist das, was wir liefern», sagt Spiller. Der Schatten mache ein Ding körperlich, erklärt er, die Kartografen brauchten ihn darum, um das Relief einer Landschaft herauszuarbeiten. Das Gespräch über Schatten wird alsbald philosophisch: «Schatten bedeutet Existenz. Wenn einer keinen Schatten hat, gibt es ihn nicht. Der Schatten ist der Beweis, dass du existierst», sagt Spiller. Dazu passt Adelbert von Chamissos Märchenerzählung «Peter Schlemihls wundersame Geschichte» aus dem Jahr 1813. Der Protagonist lässt sich von einem grauen Herrn für unbegrenzt viel Gold den eigenen Schatten abhandeln. Bald erkennt Schlemihl, dass er sich aus der Gemeinschaft der Menschen ausgeschlossen hat. Die Leute fürchten sich vor ihm.

Zurück aus der Literaturgeschichte in Zürichs Gegenwart. Grün Stadt Zürich liefert auf Anfrage freundlicherweise drei Orte mit besonders schönem Schatten. Ort eins: unter der Platane in der Bäckeranlage. «Es gibt Leute, die dort in der warmen Jahreszeit praktisch wohnen», sagt Sprecher Lukas Handschin, manchmal sehe man Migranten, die unter dem Baum eine Art Deutschkurs mitmachten. Ort zwei: der Bambushain im Alten Botanischen Garten hinter dem Völkerkundemuseum. Der Bambus sei dort so hochgewachsen, dass der Weg hindurch praktisch einem Tunnel gleichkomme. Ort drei ist der Schanzengraben. An heissen Tagen gluckert das Wasser, der Schatten währt praktisch den ganzen Tag. Vorn beim Baur au Lac, wo die Häuser nah an den Graben rücken, fühle man sich wie in Venedig, findet Handschin. Oder wie in Hamburgs Speicherstadt.

Ärger mit dem Schlagschatten

In den Akten des Zürcher Ehegerichts findet sich um 1538 folgende Formulierung: «werind sy bin räben am schatten glägen.» Ein Film läuft ab im heutigen Leser: ein Liebespaar im Weinberg, Ehebruch in Fluntern, doch bald rücken die Sittenwächter an. Oder so ähnlich.

Ein Politikum ist der Schlagschatten, den der 118 Meter hohe Swissmill-Turm auf das Zürcher Flussbad Unterer Letten legt. «Eine Qualitätseinbusse» nannte ihn kürzlich in dieser Zeitung Patrick Müller, Leiter der städtischen Badeanlagen. «Der Schlagschatten eines Gebäudes, dem man nicht ausweichen kann, wird in der Regel nicht als positiv empfunden. Der Schatten eines Baumes, den man wieder verlassen kann, schon.» Auf die Frage, ob es im Lettenbad Sonnenwanderer gebe, antwortete Müller: «Der Platz ist durch die vielen Badegäste oft so begrenzt, dass ein Wandern mit der Sonne nicht möglich ist.»

Fledermäuse im Halbdunkel

Kleiner Exkurs aus der Stadt. In Oetwil am See gibt es die Autogarage Shadow Car. Anfrage beim Garagisten, wie es zu dem Namen kommt. «Mich haben sie schon in der Schule ‹Shadow› gerufen», sagt der Mann. Er heisst Martin Schatt.

Praktisch nur als Schatten erlebt man Fledermäuse, sie fliegen im Stealth-Modus. Im Zoo Zürich gibt es seit kurzem ein Info- und Ausbildungszentrum der Stiftung Fledermausschutz, die «Fledermaus-Welt». Dort erfährt man alles über die im Halbdunkeln vorbeiwischende Kreatur mit den Vampirzähnen.

Der Schatten ist nicht nur eine physikalische Erscheinung, die darin besteht, dass ein Gegenstand dem Licht im Wege steht und hinter diesem einen unbeleuchteten Raum erzeugt, um sich selber, je nach Art des Lichts, scharf oder unscharf abzuzeichnen. Der Schatten ist in zigfachen Varianten auch ein sprachliches Bild. Die Formulierung «Schatten des Zweiten Weltkriegs» tauchte in den Neunzigerjahren häufig in der NZZ auf. Sie bezog sich auf die nachrichtenlosen Vermögen und das Raubgold aus dem Zweiten Weltkrieg im Land.

Gleich wieder ein Anruf, diesmal bei der Zürcher Detektei Leuthold & Kostenas. Wenn ich jemanden beschatten lassen will, wie viel kostet das? Das branchenübliche Wort heisse «observieren», sagt der Detektiv. Der Tarif betrage 140 bis 180 Franken pro Stunde; nachts sei es in der Regel teurer als am Tag.

Ringling und Zwingli

Nach dem Swissmill-Beispiel gleich noch ein Beleg für den politischen Gehalt des Schattens. Als das Bundesgericht kürzlich die Pläne für die Grossüberbauung Ringling in Zürich-Höngg zunichtemachte, gab es den Einsprechern recht. Diese befürchteten, ihre angrenzenden Liegenschaften könnten erheblich an Wert verlieren, wenn der Ringling-Blockrand Schatten darauf werfen würde. Der Schatten, den wir im Sommer alle lieben, ist in anderen Situationen ein Feind. Ein Geldvernichter.

Sucht man im Telefonbuch online mit den Wörtern «Zürich» und «Schatten», kommt man zur Gwerder Art AG Foto und Fine Art Printing. Sie handelt unter anderem mit Schattenfugenrahmen. Die Nachforschung ergibt: Bei dieser Art Rahmen mit L-förmigem Profil bleiben die bemalten Seitenflächen des Gemäldes sichtbar. Weil die Rahmen alle gleich aussehen, betonen sie den Seriencharakter nebeneinandergestellter Werke.

Uff. Das 500-jährige Deutsch des Zürcher Reformators Zwingli liest sich nicht einfach: «Die ceremonien alten testaments, das ist die usserlichen opfer, sind nun ein bedütnus gewesen . . . uff Christum; darum sy ouch als der schatte, so das liechte kumpt, hnygefallen sind, als Christus kummen ist.» Ausgedeutet heisst das: All die Riten des Alten Testaments, die auf Äusserlichkeit angelegten Opfer, bedeuten nur etwas bis zur Ankunft Christi. Darum sind sie auch, wie der Schatten beim Kommen des Lichts, entfallen, als Christus kam.

Apropos Zwingli: 2017 will ein Schweizer Lichtkünstler im In- und Ausland den Schatten projizieren, den die Zwingli-Statue vor der Wasserkirche wirft. Dies jeweils am Ersten des Monats ab dem kommenden Januar.

Pony gegen Hengst

Vor einiger Zeit flog die deutsche Kanzlerin zur Eröffnung des neuen Gotthard-Basistunnels ein. In Zürich stand ihr Regierungsjet dann allerdings neben dem unvergleichlich mächtigeren Flugzeug einer berühmten Band – es sah aus wie ein Pony neben einem Hengst. «Spiegel online» titelte: «Angela Merkel parkt im Schatten von Iron Maiden.»

Fotograf Willy Spiller erzählt am Telefon eine Anekdote. Zusammen mit dem italienischen Fotografen Oliviero Tos­cani (er fotografierte die umstrittenen Benetton-Werbesujets) sitzt er in Zürich in der Beiz. Plötzlich tritt Robert Frank ein, der weltberühmte Fotograf. Man ist nicht miteinander bekannt. Toscani spricht Frank an, wird gleich vorwurfsvoll und sagt zu Frank, er habe einen grossen Schatten auf die Generation nach ihm geworfen. Frank antwortet: «Wieso treten Sie nicht einfach aus ihm heraus?»

Erstellt: 07.09.2016, 21:52 Uhr

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