Auf Walfahrt

Sie hiessen Jonas, Hercules und Goliath und kamen per Sattelschlepper oder mit der Eisenbahn. Die präparierten Riesenwale waren bis in die 70er-Jahre eine Sensation.

Der präparierte Finnwal fasziniert im März 1952 die Menschen am Sihlquai. Foto: Sammlung A. Heer

Der präparierte Finnwal fasziniert im März 1952 die Menschen am Sihlquai. Foto: Sammlung A. Heer

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«Sehr gross», «irgendwie gruslig», «es roch seltsam», «man konnte sogar hindurchlaufen». Das sind die Eindrücke, die geblieben sind, bei jenen, die die Tiere damals «live» erlebt haben. Damals, das war in den 50er-, 60er- und 70er- Jahren, als regelmässig Schausteller mit riesigen präparierten Walen durch die Schweizer Städte tingelten.

Immer wieder wurden damals präparierte Wale auf öffentlichen Plätzen ausgestellt, beim Zürcher HB etwa, auf dem Winterthurer Neumarkt oder in St. Gallen. Die tonnenschweren, meist mehr als zwanzig Meter langen und mit Formalin vollgepumpten Kadaver waren auf Sattelschleppern oder Flachwagen der Bahn aufgebahrt. «Der Wal lag einfach auf dem Anhänger, mit offenem Mund», erinnert sich eine Besucherin an eine solche Wal-Show, «die Barten waren sichtbar, und ich glaube, man konnte sie sogar berühren.»

Die Shows wirken aus heutiger Sicht eher makaber. Obschon die Faszination dafür bis heute ungebrochen ist: Als der britische Künstler Damien Hirst 2010 vier seiner in Formalin schwimmender Haie in der Stadt zeigte, war das Interesse jedenfalls riesig.

Die Tiere hatten immer Namen

Damals lagen die Tiere, also ihre Hülle, offen da. Die Eingeweide waren bei der Präparation entfernt worden, ein ­stählernes Gestell im Innern hielt den Tierkörper in seiner Form, erzählt Kurt Breitenmoser. Der heute 76-Jährige aus Schlieren tourte zu Beginn der 60er-Jahre als Chauffeur eines Schaustellerunternehmens mit dem präparierten Finnwal Jonas durch Deutschland. Von seinen Erlebnissen berichtete kürzlich die «Limmattaler Zeitung».

Jonas war offenbar eigens zu Ausstellungszwecken im Meer vor Norwegen erlegt worden. Das Tier wurde präpariert und auf ein spezielles Sattelfahrzeug verfrachtet. Auf deutschen Marktplätzen wurde Jonas als «grösstes Tier der Welt» und «einmalige naturkundliche Sehenswürdigkeit» angepriesen.

In Zürich war Jonas damals nicht zu sehen, erzählt Breitenmoser. Aber es gab noch mindestens drei andere Schausteller, die bis in die 70er-Jahre auch in der Schweiz mit Wal-Shows auf Tournee gingen. Neben Jonas waren die Riesenwale Goliath und Hercules unterwegs, wie aus dem Forum Circusworld.de hervorgeht. Besonders Hercules erwies sich als Publikumsmagnet.

«Unsere Leute mischten regelmässig eine stinkende Mischung und sprühten damit den Wal ein.»Ein Schausteller von 1975

«Damals war das eine erfolgreiche Tournee mit durchschnittlich 1000 Besuchern pro Tag, während der Wuppertaler Woche waren es täglich zirka 3000 Besucher», berichtet ein Schausteller, der 1975 mit dem ausgestopften Tier auf Tournee ging. Ihm machte der Geruch des Kadavers zu schaffen: «Dazwischen mischten unsere Leute regelmässig eine stinkende Mischung und sprühten damit den Wal ein.»

Nicht alle gezeigten Wale waren echt. Auch solche Geschichten finden sich auf Circusworld.de: Da war ein Schausteller lange Zeit mit einem angeblich echten Walfisch unterwegs, bis eine deutsche Illustrierte dahinter kam, dass der Koloss «aus Polyester in einer Geisterbahnfabrik gebaut» wurde. Der Wal sei täuschend echt gemacht gewesen. «Lediglich die Barten, die wie Besen aussahen, hatten mich früh stutzig werden lassen», heisst es in dem Bericht.

Zersägt und auf Ebay versteigert

Neben Hercules tourte damals auch der Wal Goliath durch Europa. Er wechselte mehrfach den Besitzer. «Vor fünf Jahren fand ich ihn wieder, auf einer Industriebrache im nordspanischen Granolier», heisst es auf Circusworld.de. Der Wal sei dort gut erhalten unter einer verschlossenen Plane gelegen, «nur der Sattelauflieger lag gut angerostet fest im Boden. Der letzte Besitzer schaffte es nicht mehr, diesen Transport flottzubekommen. Nachdem nun die Industriebrache bebaut wurde, hat die Stadt Granolier den Transport entsorgt und den Wal zersägt.»

Auch Jonas wurde Ende der 70er-Jahre eingelagert, wie die Zeitschrift «Fluke» berichtet. Laut dem Wal-Magazin für Sammler und Historiker soll Jonas 2008 noch einmal für ein paar Tage in London ausgestellt worden sein. Zwei Jahre später habe der präparierte Kadaver auf Ebay ersteigert werden können.

Ausstellungen mit den Meeressäugern haben eine lange Tradition. Bereits um die Jahrhundertwende gab es Wal-Schaustellungen oder Wal-Zirkusse, wie Autor Anton Heer aus dem sankt-gallischen Flawil sagt, der sich mit dem Phänomen befasst hat. Auf dem Zürcher Sechseläutenplatz etwa soll damals ein Wal gezeigt worden sein, der sich als Fälschung aus Holz entpuppt habe. Auch in den 1930er-Jahren sollen in der Schweiz mehrere Wale als Schauobjekte unterwegs gewesen sein. Später kamen noch Hai-Shows dazu.

«Das gibt es heute in der Schweiz nicht mehr und würde auch kaum mehr auf grosses Publikumsinteresse stossen.»Peter Howald
Präsident Schausteller-Verband Schweiz

Besonderes Aufsehen erregte im März 1952 Mrs Haroy, ein Finnwal, der in Zürich, Winterthur, Rorschach und St. Gallen zu bewundern war. Das Besondere: Mrs Haroy, benannt nach dem Ort in Norwegen, wo sie harpuniert wurde, reiste nicht auf einem Lastwagen, sondern mit dem Zug durch die Schweiz. Halt machte das tote Tier auch am Zürcher Sihlquai.

Die Tageszeitung «Die Ostschweiz» berichtete von einem «Prachtsexemplar eines Monstrumfisches». In der NZZ hiess es: «Da liegt das Ungetüm des Meeres, hört den freundlichen Pressechef die Zukunftsabsicht des Veranstalters, durch den Einbau einer Kühlanlage das Kadaverdasein dieser Kreatur zu verlängern, bekanntgeben (...) hört die Leute im Volksmundstil sagen: ‹Kaspar, wie wärs mit einem Kotelett?›.»


Damien Hirst in Zürich

Heute wären solche Tourneen mit ­präparierten Walen kaum mehr ­denkbar, sie würden wohl sofort Gegner auf den Plan rufen, vermutet Anton Heer. Auch für Peter Howald, Präsident des Schausteller-Verbands Schweiz, ist die Zeit für solche Ausstellungen abgelaufen.

«Das gibt es heute in der Schweiz nicht mehr und würde auch kaum mehr auf grosses Publikumsinteresse stossen», sagt Howald. Hercules & Co. gehörten zu den verschwundenen Attraktionen auf Jahrmarkt- und Chilbiplätzen wie die Entfesselungskünstler oder die 180-Grad-Kinos.

Botschafter aus Plastik

1977 war in Zürich erneut ein Wal namens Goliath zu Gast: nicht als Jahrmarktsattraktion, sondern als Botschafter für eine WWF-Kampagne zum Schutz der Wale. Der einbalsamierte Finnwal, der in Norwegen gestrandet war, wurde beim Landesmuseum ausgestellt und lockte viele Besucher an, die mit ihrem Eintrittsgeld einen Beitrag zur Erhaltung der gefährdeten Tiere leisteten.

1994 verzeichnete die Ausstellung «Welt der Wale» im Zürcher Zoo rund 440'000 Besucher. Hauptattraktion war ein 28 Meter langer Blauwal aus Styropor. 1997 gastierte beim Platzspitz erneut eine von Walschützern organisierte Ausstellung – mit einem Pottwal aus Kunststoff. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.11.2018, 14:10 Uhr

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