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Aus dem Wörterbuch, aus dem Sinn

Jedes Jahr werden Begriffe aus dem Duden gestrichen und gehen vergessen. Dem wollen wir entgegenwirken – mit vier Zürcher Geschichten, angereichert mit verschwundenen Ausdrücken.

Sarah Fluck und Thomas Wyss

Es waren Wörter wie «liken», «Selfie» oder «Arschrunzeln», die 2017 Eingang in die Neuauflage des Dudens gefunden haben. Und weil das Neue immer auch das Aufregende ist, wurden diese fast 5000 Neuzugänge bildlich gesprochen ins grelle Scheinwerferlicht gerückt, derweil die zeitgleichen Abgänge quasi unbemerkt davonschleichen mussten. Das ist bedauerlich, denn «Sprache ist unser Schatz, hüten und pflegen wir ihn», wie Kollege Ebel in seiner immer wieder sehenswerten Online-«Sprechstunde» proklamiert. Aus diesem Grund haben wir entschieden, einige Perlen aus diesem verschwunden Duden-Wortschatz nochmals glänzen zu lassen – indem wir sie in vier verbriefte historische Zürcher Geschichten eingearbeitet haben, die wir hier nacherzählen.

Entnommen haben wir die Begriffe Peter Grafs Buch «Was nicht mehr im Duden steht». In der rund 220 Seiten starken Sprach- und Kulturgeschichte findet man erwartbare Oberthemen wie «Mode und Textilien», «Kulinarisches und Genussmittel» oder «Sexualität und Gesellschaft» – aber auch schrägere Kapitel wie «Die Diminutiv-Welt» oder «Schimpfwörter». Wörter, bei denen wir nicht sicher waren, ob man sie aus dem Kontext heraus versteht, werden im Glossar erläutert.

Die Fluchgasse

Intro: Schimpfen und somit die Scheltwörter werden nie aussterben. Dies wusste auch ein gewisser F. Meinhard, der in seinem 1839 publizierten Werk «Deutsches Schimpfwörterbuch oder die Schimpfwörter der Deutschen» schrieb: «Schimpfen erleichtert jedem das Herz.» Weil auch diese Wortgattung mit dem Trend geht, wäre es langsam an der Zeit für eine Neuauflage von Meinhards Werk.

Geschichte: Eine Sage berichtet, wie die Marktgasse den Beinamen «Fluchgasse» erhalten haben soll: Alsbald, da das Haus zum Elsässer an der Marktgasse noch eine Schänke war, sah man dort öfters ein loses Mägdlein am Fenster sitzen. «Heh du Bierlümmel », röhrte es etwa einem wallenden Pilger zu, «siehst aus wie ein Bierpeitscher .» Oder einen vorbeiziehenden Fuhrmann bezeichnete die Jungfer lautstark als «Donnerhagelskröte ». Doch das kecke Mundwerk währte nicht lange: Das Strafgericht des Himmels brach über sie herein und verwandelte sie in eine Steinstatue, die freundlich auf die Vorbeiziehenden hinunterlächeln musste.

Wer statt Märchen lieber Fakten hat, dem sei gesagt, dass die Fluchgasse ihren Namen schimpfredenden Fuhrleuten verdankte. So diente die Gasse einst als alleiniger Zugang zur einzigen befahrbaren Brücke der Stadt. Wer schon im Stau vor dem Bareggtunnel sass, kann sich vorstellen, wie die Kaufmänner, Pilger und Fuhrleute ob der verstopften Strasse hepten: «Du Spitzbubenherrgottsvater! », «Du Arschmonarch! » oder «Du Scheissenschluker! ».

Die tränige Tatzenstunde

Intro: Andere Zeiten, andere Sitten – und dementsprechend andere Begriffe. Dies galt im Besonderen für die Verhaltensregeln in der Familie oder der Schule, wie das folgende, im städtischen Heimatkunde-Buch verewigte Exempel zeigt.

Geschichte: Nach dem Besuch der Kinder- und Hausschule kam ich in die Deutsche Schule am Neumarkt, in der die oberen Primarklassen unterrichtet wurden. Unser Lehrer war früher Wachtmeister gewesen, was man ihm noch im Alter gut anmerkte, obwohl er leicht ältelte . Er wirkte unheimlich wie der Angstmann, verlangte Gehorsam, Ruhe und Ordnung. Sein Unterricht war sehr lehrreich. Wer diesen störte – zum Beispiel durch nafzen –, wurde gehunzt oder mit Tatzen bestraft. In der Pause vor der allwöchentlichen Abrechnung schwalchte der Lehrer aus einer langen Pfeife einen scharfen Tabak. Hierauf zog er hinter dem Ofen einen Haselstock hervor, die kleinen Missetäter mussten sich in eine Reihe stellen und abwechslungsweise die linke und die rechte Hand vorhalten, um ihre Tatzen in Empfang zu nehmen. Wer dabei tränig wurde, bekam vom Lehrer auch noch Spott: «Du bist mir ein schöner Eidgenoss! Wie willst du künftig im Kanonendonner bestehen, wenn du nicht einmal ein paar Tätzlein ertragen magst? Schäme dich!»

Eine Liaison dangereuse

Intro: Der Diminutiv scheint aus der Mode gekommen. Die Verniedlichungsform, die noch in der 9. Auflage des Dudens (1915) populär vertreten war, ist inzwischen grossmehrheitlich einem nüchternen Sprachgebrauch gewichen. Wohl auch, weil vom Diminutiv eine ähnliche Gefahr ausgeht wie von Euphemismen – sie können wahre Sachverhalte verschleiern.

Geschichte: 1701 bewohnte Kingler, damals oberstes Pfärrchen des Städtchens Zürich, mit seinem Goldschätzchen und seinem Töchterchen das Antistitium am Zwingliplatz 4. Ausserdem wohnten zwei Mägdlein im Haus sowie ein Gästlein, Herrchen Wirz – ein Theolöglein, das auf eine Anstellung wartete. Das Pfarrfräuchen hatte in ihrem Schlafzimmerchen ein Glöcklein befestigt, damit das kranke Töchterlein sie im Nächtelein über ein Schnürlein rufen konnte. Doch da bimmelte das Glöcklein eines Nachts wie wild, obwohl sich ihr Göttchen nicht gerührt hatte. Das Pülslein des Frauchens ging hoch. Besonders, als in den folgenden Nächten die Spüklein weitergingen: Schleppende Schrittchen waren hörbar, Büchlein flogen aus den Regälchen, Eimerchen kippten, Möbelchen verschoben sich, und Türchen knallten.

Das Fündlein zu den Rätselchens Lösung kam von Wächterchen Hänschen Müller. Ihm fiel auf, dass ein Büchlein, das ihn traf, aus der Richtung des Theolögleins Wirz kam. Auch musste es ein Mägdlein gewesen sein, das ihn mit einem Äpfelchen bewarf. Die Auswärtigen, berichtete Müller, hatten also das Spüklein inszeniert, indem sie Schnürchen an Gegenständchen banden – um bei ihren unzüchtigen Schäferstündlein gewarnt zu werden. Am Ende musste das Theolöglein für dieses «Verstöss­chen» mit seinem Köpfchen bezahlen; dieses endete unter dem Schwertchen des Richterchens.

Vom Schnabel und den Schuhen

Intro: Die Mode sei so hässlich, dass man sie alle sechs Monate ändern müsse, soll der irische Schriftsteller Oscar Wilde einst gesagt haben. Und so kurzlebig wie die Kleider selbst sind die dazugehörigen Begriffe. Lag in den 1920er-Jahren noch der Schwitzer im Trend, war es zwanzig Jahre später der Überschwupper .

Geschichte: Bereits im 15. Jahrhundert waren es die Franzen, die bei der Kleidertracht den Ton angaben. Zu dieser Zeit war es der sogenannte Schnabelschuh, der die Zürcherinnen und Zürcher begeisterte – trotz seiner Unbequemlichkeit. Er passte gut zum Leibrock . Die Fussbekleidung lief nach vorne hin in eine unnatürlich lange Kogel aus, und oft waren sie aus Kidleder gefertigt. Um sich diesem Trend zu erwehren, beschlossen die Zürcher Schuhmachmeister, dass mit Beginn des neuen Jahres weder Meister noch Geselle solche Schnabelschuhe tragen dürfe. Bei Widerstand soll es «schnipp, schnapp, Schnäbelchen ab» geheissen haben. Geselle Ulrich Steiger trotzte dem Verbot und erschien in der Zunftstube mit dem französischen Modeschuh. Als ihm ein Kollege die Kogel stutzte, kam es zum Gemenge, das später gar die Richter beschäftigte. Diese verurteilten die Beteiligten zu einer Busse. Und das Volk? Trug trotzig weiter die langen Schnäbel zur Schau – man lebte halt gerne auf grossem Fusse.

Peter Graf: «Was nicht mehr im Duden steht». Duden-Verlag, 2018, ca. 23 Fr.

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