Aus fürs Chäs Vreneli

Tina Turner und Prince Charles kauften hier ein. Nun muss das mehr als 100-jährige Geschäft am Münsterhof schliessen.

Die Mitarbeiterinnen des Chäs Vreneli haben bereits wieder eine Anstellung gefunden. Foto: Andrea Zahler

Die Mitarbeiterinnen des Chäs Vreneli haben bereits wieder eine Anstellung gefunden. Foto: Andrea Zahler

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Jürg Wartmann erinnert sich noch gut. Eine Bäckerei, ein Delikatesswarengeschäft, eine Metzgerei und sein Laden, das Chäs Vreneli: Sie alle gehörten zum Bild rund um den Münsterhof, inmitten von Zürichs Altstadt. «Es gab hier eine richtige Dorfplatz-Atmosphäre», sagt Wartmann. «Wer wollte, konnte seine ganzen Einkäufe hier in der Gegend erledigen.» Dieser Dorfplatz, den der ehemalige Besitzer des Chäs Vreneli schildert, existierte bis Ende der Achtzigerjahre. Doch seither hat sich in der Gegend vieles verändert.

Die Geschäfte für den täglichen Bedarf sind längst aus der Gegend rund um den Münsterhof weggezogen. Und nun muss als letztes auch sein ehemaliges Geschäft schliessen, das es an dieser Stelle schon mehr als 100 Jahre gibt. Als Grund gibt er die veränderte Situation rund um den Münsterhof an. Den Druck, der von den grossen Detailhändlern ausgeht, die wechselnde Kundschaft rund um die Bahnhofstrasse.

Wartmann möchte aber nicht wehmütig sein. Er habe gute Zeiten erlebt mit dem Chäs Vreneli, das er Ende der Siebzigerjahre übernahm. In den Neunzigerjahren weitete er das Geschäft aus und durfte fortan das Catering des Flughafens mit Käse beliefern. Kleine,in Plastik verpackte Portionen Appenzeller, Tilsiter oder Emmentaler; 150'000 Portionen pro Woche verkaufte er, 40 Angestellte hatte er zu dieser Zeit.

Geschäft mit Airlines

Der neue Besitzer Daniel Dätwyler, der das Geschäft nach Wartmanns Pensionierung 2015 übernahm, führte auch das Geschäft mit den Fluggesellschaften weiter. Es wird auch nach der Schliessung des Chäs Vreneli am Münsterhof weiterexistieren. Doch die Entwicklungen rund um diesen altehrwürdigen Laden konnte auch er nicht aufhalten. Es begann mit der Finanzkrise im Jahr 2008, woraufhin die CS und die UBS aus Spargründen Teile ihrer Backoffices von der Bahnhofstrasse in die Aussenquartiere verlagerten.

Die Kundschaft ist nach der Aufwertung des Münsterplatzes nicht mehr zurückgekehrt. 

«Die Bankangestellten waren gute Kunden», sagt Wartmann. Es sei die Zeit gewesen, als der «schleichende Rückgang» begonnen habe. Mit dem Umbau des Münsterhofs vom Parkplatz zur verkehrsberuhigten Piazza im Jahr 2016 fielen weitere Kunden weg. «Der Absatz brach nach dem Umbau um ein Fünftel ein», sagt Dätwyler. In den vier Jahren, in denen er im Chäs Vreneli das Zepter führte, musste er auch einige Prozentstellen seiner Angestellten kürzen. Die Kundschaft ist nach der Aufwertung des Platzes nicht mehr zurückgekehrt. Und die vielen indischen und chinesischen Touristen seien nicht so sehr an Käse interessiert, sagt Wartmann.

Prinz Charles und Roger Federer

Anders verhielt es sich mit den Touristen aus England. Es gibt ein Bild, auf dem Margaret Thatcher vor dem Chäs Vreneli posiert. Auch Prinz Charles kaufte bei seinen Besuchen in Zürich im ehrwürdigen Käsefachgeschäft in der Altstadt ein. Ob er vom Münsterhof begeistert war, weil Winston Churchill und die Queen auf dem Platz schon Reden hielten, ist nicht bekannt. Klar ist aber, dass Roger Federer wie auch Tina Turner beim Chäs Vreneli einkauften.

Und so schliesst sich Ende Oktober ein weiteres Kapitel in der Geschichte Dorfplatz Münsterhof. «Der Lauf der Zeit», sagt Dätwyler. Froh sei er darüber, dass alle seine Angestellten eine Stelle bei anderen Käsehändlern gefunden haben.

Erstellt: 22.09.2019, 21:35 Uhr

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