Zum Hauptinhalt springen

Beiläufiges Musikhören

In den nächsten Wochen werden in Zürich die besten Schweizer Musikschaffenden ausgezeichnet. Wir haben uns bei einer Autofahrt die Nominierten angehört.

Ganz so feudal war unser Mietwagen nicht ausgerüstet. Aber wir haben gehört, was wir hören mussten. Foto: Aleksei Lazukov (iStock)
Ganz so feudal war unser Mietwagen nicht ausgerüstet. Aber wir haben gehört, was wir hören mussten. Foto: Aleksei Lazukov (iStock)

Wohin die Reise geht, konnten wir zu Beginn noch nicht sagen. Klar war, wir wollten uns der besten Schweizer Musik annähern – eine Autofahrt lang. Denn beiläufiges Musikhören, etwa im Sattel eines Doppelachsers, im Café oder in der Warteschlaufe, ist zwar sehr verbreitet, doch berücksichtigt wird diese Konsumart kaum. Dabei senkt sich gerade beim Autofahren die Erwartungshaltung schlagartig. Musik wird zur Beilage, verschwindet im Hintergrund. Aber auch eine Art Gewöhnung spielt mit, denn bekanntlich erwartet man von Deutschschweizer Radios nichts Originelles. Im Auto findet man also faire Bedingungen vor, die sich auf Schweizer Musik anwenden lassen könnten.

Anlass für unseren Test sind die Jahresauszeichnungen vom Wohnzimmerradio GDS.FM und vom Stelldichein der Schweizer Musikbranche, den Swiss Music Awards (SMA). Beide finden in den nächsten Wochen statt. Dabei wird nichts weniger als die beste Schweizer Musik ausgezeichnet. Nun muss man diese nur noch auf Schweizer Strassen testen.

Die von Tunneln durchzogene Route von Zürich aus durchs Säuliamt bis an die Grenze des Kantons Zug scheint optimal für dieses Unterfangen. Heim kehren wir auf dem Landweg über den Albis durchs Sihltal.

Musik für den Stau

So viel vorweg: Die musikalischen Unterschiede zwischen den beiden Awards sind beträchtlich, aber mehr dazu im Fazit. Wir fahren los. Das Auto ist von Mobility geliehen. Unsere Kriterien sind: Was empfinde ich nach zehn Sekunden? Wie rasch muss ich die Musik wegschalten? Wie unterstützt sie meine Stimmung? Wie untermalt sie die gerade vorherrschende Umgebung?

Bald stecken wir bei der Gessnerallee im Stau. Dies erfordert eine besonders sorgfältige Auswahl, denn die Nerven werden strapaziert. Dave Eleanor (GDS) ist hierfür der falsche Mann, wir zappen weg: Zu aufdringlich-aggressiv kommt er daher. Als die Kolonne endlich anrollt, kommt Nickless ins Spiel (SMA). Weg­klicken ist vorerst nicht nötig. Der Song ist zwar ausgesprochen seicht, doch fügt er sich quasi nahtlos in die Erwartungen ein, die man ans Deutschschweizer Radio stellt. Das Lied fordert einen in etwa so heraus wie eine Fahrt im beheizten Gondeli. Das ist ganz o. k., wünscht man sich doch auch, dass die Fahrt im geliehenen Auto einigermassen geradlinig verläuft.

Nominiert in der Kategorie «Best Hit» (Swiss Music Awards): Dabu Fantastic - «Angelina». Quelle: Youtube/ dabufantasticVEVO

Eine wichtige Erkenntnis stellt sich kurz vor dem Uetlibergtunnel ein: Es gibt gefährliche Autofahrmusik. Jene nämlich, bei der man selbst in dichtem Nebel oder einem temporeichen Überholmanöver verleitet ist wegzuschalten. Dabu Fantastic (SMA) mit ihrem Song «Angelina» gehören in diese Kategorie.

Bald fahren wir von der Autobahn ab und nehmen die Landstrasse. Ländliche Musik wirke besser in ihrer angestammten Umgebung, dachten wir. Und es stimmt. Trauffer (SMA) erzählt Geschichten vom Dorf, es geht dabei ums Händeschütteln und ums versöhnliche Reden im Streitfall. Generell wird das Dorf als beste aller möglichen Welten stilisiert. Und man möchte diese Zeilen gerne glauben, es funktioniert sogar eine Weile lang, während man an schneebedeckten Wiesen vorbeirollt. Doch als im Dorfkern erste Coiffeur­salons und Restaurants erscheinen, verpufft diese Stimmung auf seltsame Weise wieder.

Hirsch gegen Hecht

Wir schwenken aufs Kontrastprogramm: Jimi Jules und Kalabrese (GDS) mit ihrem Rotwii-Lied. Das Stück passt wunderbar in die Landschaft und kommt der Prämisse der Beiläufigkeit wunderbar entgegen. Der Bass treibt nach vorne, tolle Autobahnmusik. Kritikpunkt: vielleicht fast zu cool für die Landschaft. Zu der passt wie angegossen Serafyn (GDS) mit ihrem Hauchgesang, zumindest jetzt, da noch Schnee an den Hängen klebt.

Am Grenzübergang zu Zug der Härtetest: Wie macht sich Schlagerstar Beatrice Egli in diesem Zusammenhang?

Am Grenzübergang zu Zug dann der Härtetest: Wie macht sich wohl der Schlagerstar Beatrice Egli (SMA) in diesem Zusammenhang? Unser Befund: Sie funktioniert wie Reality-TV – man bleibt hängen, auch wenn man eigentlich schon lange wegzappen möchte.

Einen Gag erlauben wir uns beim Tierpark Langenberg, den wir kurz vor der Stadtgrenze kreuzen. Wir verlangsamen die Fahrt, denn vier Bands auf der Liste tragen ein Tier im Namen: Hecht (SMA), Dachs (GDS), Wolfman (GDS) und Lapcat (GDS). Drei der Stücke eignen sich super für die Autofahrt, eines ganz und gar nicht. Wir denken, dass wir mit dem Hecht eine ganze Hirschfamilie in die Flucht treiben könnten.

Nominiert in der Kategorie «Bestes Album» (Swiss Music Awards): Beatrice Egli - «Kick Im Augenblick». Quelle: Youtube/ ICH FIND SCHLAGER TOLL!

Der beste Song, den wir in dieser Zeit nun gehört haben, stammt von der Band Melodiesinfonie (GDS). Er erfüllt alles, was ein Autosong benötigt: nicht zu fröhlich, nicht zu traurig, angenehm in der Melodie, zurückhaltend in der Instrumentierung. Er passt sowohl in den Tunnel als auch auf die Landstrasse. Er gewinnt hier unseren ganz persönlichen Mobility-Automusik-Award.

Nach zweistündiger Fahrt sind wir wieder am Ausgangspunkt. Auch wenn sich die Musik der beiden Awards massgeblich unterscheidet - es gibt mit dem Musiker Pablo Nouvelle genau eine Gemeinsamkeit - wollten wir den Stadt-Land-Graben in diesem Fall nicht bemühen. Ein paar Indizien sprechen allerdings für sich: Hier die hypersensiblen Lieder, ausgezeichnet mit einem goldenen Lachs, dort die Ballermann-Nummern, prämiert mit einem Pflasterstein.

Trotzdem hat die Autofahrt ihre Wirkung nicht verfehlt: Musik, die man zu Hause abschalten würde, lässt man hier durch. Die Rundreise durch Stadt und Landschaft erwies sich als geeignet, die Dinge in einem anderen Licht zu betrachten.

Die GDS.FM-Award-Zeremonie findet am Samstag statt. Die Swiss Music Awards werden am 10. Februar verliehen.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch