Ein zivilisierter Mann bedeckt seine Wampe

Bei Hitze sind Männer auch fern von Badis gerne ohne Shirt unterwegs. Ein Unding, findet unser Autor.

Wirklich fotogen ist eine nackte Männerbrust selten, tolerierbar nur an Stränden. Foto: Nancy Honey (Getty Images)

Wirklich fotogen ist eine nackte Männerbrust selten, tolerierbar nur an Stränden. Foto: Nancy Honey (Getty Images)

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Da joggt einer vorbei, in der linken Hand eine Flasche Wasser, in der rechten das zusammengeknüllte T-Shirt. Brust, Hüften, Bauchfett in Bewegung – auf und ab und auf und ab, bis der Jogger aus dem Blickfeld verschwindet.

Kaum wird es wärmer, begegnen sie einem: die Oben-ohne-Freizeitler. Sie spielen Boule oben ohne, fahren Velo oben ohne oder gehen mit dem Hund Gassi oben ohne. Meist sind sie natürlich recht gut gebaut, sonst würden sie das wohl nicht tun. Und doch möchte man ihnen raten, es lieber sein zu lassen.

Zum Beispiel, weil viel erfüllt sein muss, damit eine entblösste männliche Brust gut aussieht. Der Halbnackte braucht etwa eine gewisse Grundbräune: Käsebleich gibt das entblösste Körperteil nicht wahnsinnig viel her (nichts gegen Bleiche!), krebsrot ebenso wenig (nichts gegen Beratungsresistente!). Und eben: Einige Muckis sind Pflicht – wobei, zu viele auch wieder nicht (no offense!).

Das Optische spricht dagegen

Schwimmringe, Love-Handles und Co. zeugen von einer gewissen Selbstsicherheit und Zufriedenheit mit dem eigenen Körper trotz der Problemstellen. Gegen diese Haltung kann man eigentlich nichts einwenden. Gegen die Optik aber schon: Wir wollen nicht von jeder Person wissen, wie sie drunter aussieht.

Schon befinden wir uns als Kritiker in einem Dilemma: Einerseits wollen wir nicht fat-, body- oder sonst irgendwie «shamen». Andererseits fragt man sich: Wie weit darf die Zufriedenheit mit dem Körper nach aussen getragen werden? Respektive: Inwiefern sind andere in ihrer Freiheit beeinträchtigt, den Anblick eines Körpers nicht ertragen zu müssen?

In Badis, am Strand oder am See darf jeder Mann selbstverständlich oben ohne sein. Schliesslich (sonnen-)badet es sich am besten mit möglichst wenig Stoff. Zudem geht es in der Badi auch ums Sehen-und-Gesehen-Werden. Im Sommer aber die ganze Stadt zur Halbnackt-Zone zu erklären, ist Quatsch. Badende, die oben ohne den Fischerweg entlanggehen, um irgendwo wieder in die Limmat zu steigen – okay. Badende, die oben ohne ins Tram steigen – pfui.

An der Öffentlichkeit ständig oben ohne zu sein, ist ein wenig wie überall zu rauchen: Draussen hat man natürlich das Recht, es überall zu tun, aber alle anderen haben das Recht, es nicht tolerieren zu müssen.

Für Frauen ist Blüttlen kompliziert

Aber kommen wir zum schwerwiegendsten Grund: Es ist eine schreiende Ungerechtigkeit. Denn während Männer sich erlauben können, mit barer Brust herumzustolzieren, werden Mütter schon zurechtgewiesen, wenn sie öffentlich ihr Baby stillen. Also genau das mit ihrer Brust tun, wozu die Brust überhaupt konzipiert ist.

Frauen, die in den Augen gewisser Männer zwar hübsch sind, aber zu viel Haut zeigen, werden schnell als Schlampen bezeichnet. Frauen, die in den Augen gewisser Männer nicht hübsch sind und zu viel Haut zeigen, werden von diesen unwirsch dazu aufgefordert, sich zu bedecken. Bei Frauen gilt also nicht: Jede kann, wie sie will. Sie muss nur stets damit rechnen, angefeindet zu werden.

Wenn Frauen nur in der Frauenbadi ohne Angst vor aufdringlichen Sprüchen oben ohne sünnelen können, könnten Männer ihr Blütteln auch auf dafür vorgesehene Einrichtungen beschränken.

Bitte bedeckt euren Super-Body

Fragt sich, was Männer mit dem Blüttlen überhaupt bezwecken wollen. Beeindrucken? Die Kühlfunktion des Schweisses ausnützen? Grossflächig bräunen? Der Verdacht liegt nahe, dass es etwas mit dem Ego zu tun hat. Es wirkt meist so, als wolle ein Mann mit nackter Brust sein Revier markieren. Oder sein Gefieder präsentieren (sind Vergleiche mit Pfauen in Ordnung?). Die blanke Körperpartie zu präsentieren, kommt also aus einem archaisch-animalischen Trieb ­heraus. Umso mehr sollten wir das als zivilisierte und progressive Männer unterdrücken. Wir haben den Frauen schon genug lange übertrieben maskulines Verhalten zugemutet.

Wenn es euch also bloss darum geht, zu zeigen, wie gut gebaut ihr seid, liebe Oben-ohne-Männer, dann lasst euch sagen: Das sehen wir euch auch im T-Shirt an. Darüber hinaus ist ein wesentlicher Bestandteil der Erotik – und darauf wollt ihr ja wohl hinaus – die Vorstellungskraft. Darum, bedeckt doch bitte euren Astral-Body, behaltet eure «guten Argumente» selbstbewusst für euch!

Erstellt: 24.08.2019, 15:58 Uhr

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