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Was uns 2018 beim Lesen stolpern liess

Rammelkammer? Blockrandfetisch? Oblomowerei? Wir haben das ganze Jahr lang merkwürdige Wörter gesammelt.

Keine Kunst: Die Rammelkammern der Borkenkäfer in der Baumrinde. Foto: Davor Lovincic (Getty Images, iStockphoto)
Keine Kunst: Die Rammelkammern der Borkenkäfer in der Baumrinde. Foto: Davor Lovincic (Getty Images, iStockphoto)

Dann sitzen wir Redaktorinnen und Redaktoren vor einer Mitteilung, einem Artikel, einem Blogeintrag und wundern uns. Da stossen wir plötzlich auf Wörter, die uns innehalten lassen, die uns stolpern lassen wie eine etwas höhere Treppenstufe. Weil sie irritieren, weil wir sie noch nie oder schon lange nicht mehr gelesen haben, weil sie zwar einen vertrauten Klang, aber einen unbekannten Kern aufweisen.

Exakt solche Wörter, über die wir im Jahr 2018 irgendwo – das schliesst unsere eigene Zeitung natürlich ein – gestolpert sind, stellen wir Ihnen hier inklusive Erläuterung vor.

Wir wünschen uns, dass Sie, liebe Leserinnen und Leser, gut ins neue Jahr rutschen, 2019 beim Lesen und im richtigen Leben nicht (allzu oft) stolpern.

Sommerbruch

Beim Sommerbruch handelt es sich nicht etwa um ein starkes Sommergewitter, ebenso wenig auch nicht um das rapide oder ein kurzzeitiges Ende des Sommers. Es ist auch keine Beziehung, die im Sommer in die Brüche geht, geschweige denn ein Beinbruch in den Sommerferien. Der Sommerbruch bezieht sich auf Bäume, speziell Buchen, bei denen plötzlich ein Ast abfällt. Während starker Hitzeperioden, in denen es auch nachts nicht abkühlt, können selbst gesunde Äste abbrechen. So geschehen im letzten Sommer wegen akuten Wassermangels – zum Beispiel (manche sagen: ausgerechnet!) im Arboretum am See. Dort brachen zwei dicke Äste einer Rotbuche ab. Das Phänomen des spontanen Astabbruchs wird in der Fachwelt auch als Grünastabbruch beschrieben. Eine wissenschaftliche Erklärung gibt es aber für dieses Phänomen nicht. (roc)

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Prokrastination

Wer das Wort Prokrastination laut und langsam ausspricht, weil man es gar nicht schneller aussprechen kann, ohne darüber zu stolpern, hat dessen Bedeutung eigentlich schon verstanden. Pro- kras- ti- na- tion meint chronisches krankhaftes Aufschieben von Dingen und Pflichten; und Prokrastination sagen ist genau das: ein mühvolles, langes Beschäftigtsein mit etwas, dessen Ende man zwar ersehnt, aber gleichzeitig auch nicht ersehnt, weil das ja heissen würde, dass die wirkliche Arbeit erst noch bevorsteht. Und dann ist man plötzlich sehr müde. (slm)

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Goldparmäne

Der, die oder das Goldparmäne? So ist das mit diesen alten Sachen: Sie verschwinden irgendwann – und tauchen urplötzlich wieder auf. Wie dieses Prachtsstück von Apfel. Schon im 16. Jahrhundert wurde die Reine de Reinettes kultiviert, die auf dem Markt Höchstpreise erzielte. Im Sommer sind die Goldparmänen wieder aufgetaucht: Die Sorte ist anfällig auf Hitze. (bra)

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Ankündigungsverhalten

Am Dienstag, 14. August, um 11.36 Uhr stürzte in Genua die Ponte Morandi ein. Einfach so? Ohne Vorwarnung? Ohne sichtbare Anzeichen wie Risse oder Deformationen? Das könne durchaus der Fall gewesen sein, sagte ein ETH-Professor im Tagi: Es gebe «eben auch Bauweisen mit einem schlechten Ankündigungsverhalten. Bei denen merkt man im Voraus fast nichts.» (bra)

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Basale Kompetenzen

In der Welt der Bildung gibt es jedes Jahr neue Modewörter. Voll im Trend ist derzeit Kompetenz. Wir wissen ja, wer gebildet ist, ist kompetent, wer kompetent ist, bekommt einen guten Job, wer einen guten Job hat, wird bewundert. Logischerweise müsste dies alles auch umgekehrt gelten. Wer bewundert wird, hat einen guten Job, wer einen guten Job hat, ist kompetent, wer kompetent ist, ist gut gebildet. Jetzt haben Forscher herausgefunden, dass dem nicht so ist. Es gibt viele Studenten, die sind überhaupt nicht kompetent. Einen Text lesen können sie zwar, aber verstehen, was sie gelesen haben, tun sie nicht. Früher hätte man gesagt, sie hatten in der Schule einen Fensterplatz. Auf Forschungsdeutsch fehlen ihnen die basalen Kompetenzen. Da fragt man sich, wie so viele die Aufnahmeprüfung ans Gymi geschafft und die Matur bestanden haben. (sch)

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Pfählung

Seit Vlad Tepes ist die Pfählung etwas aus der Mode gekommen. «Warum eigentlich?», dachten sich zwei wohlhabende Zürcher Familien und veranlassten dieses Jahr eine aufwendige Massenpfählung direkt gegenüber des Nobelhotels Baur au Lac. Mit offizieller Bewilligung des Hochbau­departements. Das machte uns skeptisch: Wäre das nicht Sache des Ungesundheitsdepartements? Es stellte sich dann heraus, dass die Pfähle bloss im Untergrund versenkt wurden, zur Stabilisierung der sanierten Villa Rosau. Und wir lernten: Bauingenieure würden sogar den Sechseläutenplatz steinigen, damit man ihn mit dem Velo besser rädern kann. (hub)

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Einkehrschwung

Es sind zwei besonders schöne Freizeitbeschäftigungen, die in dieser Wortschöpfung zusammenkommen. Gemeint ist der Besuch einer Gaststätte am Ende eines Skitags. Wenn man nach der letzten Abfahrt im weiten Bogen (modern: Curving-Schwung) die Beiz ansteuert, die Bretter draussen hinstellt und mit klackenden Skischuhen die warme Hütte betritt. Ein «Kafi mit Güx» taut die Finger wieder auf, die Kälte im Gesicht weicht geröteten Wangen. So kann man nicht nur den Tag gemütlich ausklingen lassen, das Vergnügen wird sogar noch um ein paar Stunden verlängert. Vielleicht sind die Gedanken an diese Momente der Grund dafür, dass dieses Wort schon beim Aussprechen für gute Laune sorgt. (tif)

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Tularämie

Tularämie hat tatsächlich etwas mit Tulare County im US-Bundesstaat Kalifornien zu tun. Die häufig tödlich verlaufende, ansteckende Erkrankung bei frei lebenden Nagetieren ist vom US-amerikanischen Arzt Edward Francis nach dem kalifornischen Ort benannt worden. Denn zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Krankheit zum ersten Mal in der Region Tulare entdeckt. Die Tularämie, auch Hasenpest genannt, wird durch das Bakterium Francisella tularensis ausgelöst und kann auf den Menschen übertragen werden. So sorgte der Fall einer Joggerin für Schlagzeilen, die von einem Mäusebussard angegriffen wurde und bei der danach die Hasenpest diagnostiziert wurde. Obwohl diese bei uns in der Schweiz nur selten auftritt, kam es in den letzten Jahren zu einer starken Zunahme von Hasenpest-Fällen bei Menschen. 2017 stieg die Zahl gar von 56 auf 130 Fälle an. In einer aktuellen Studie konnten Forscher nachweisen, dass in der Schweiz, vor allem im Osten des Kantons Zürich, Zecken die wichtigste Ansteckungsquelle sind. Ihre Bisse sind für rund 60 Prozent der Krankheitsfälle verantwortlich. (roc)

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Vlad Tepes

Auf der Schlussgeraden des Jahres 2018 legt uns ausgerechnet Kollege hub noch diesen sprachlichen Stolpersteinin den Weg. Klärender Anruf beim Schuldigen: «Ja», sagt der hub mit milder Stimme, «das ist Graf Dracula, der posthum den Beiname Tepes erhielt: der Pfähler. Dieser beruht auf seiner angeblichen Vorliebe für die Hinrichtung durch Pfählung.» (bra)

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Rammelkammer

Klingt wie die Verniedlichungsform der Zürcher Verrichtungsbox, ist aber der zentrale Raum im verzweigten Brut­system des Borkenkäfers. Der Ort, wohin er das Weibchen lockt, um mit ihm unverantwortlich viele Nachkommen zu zeugen, auf dass diese über ihre Umwelt herfallen und alles kaputt machen – was ein sprachbegabter Borkenkäfer mit dem Argument rechtfertigen würde, wenner das nicht mache, mache es einfachein anderer, und überhaupt seien andere Käferarten noch viel schlimmer. Werbei der Sexualaufklärung unbedingt Beispiele aus dem Tierreich verwenden muss, sollte es zwecks Realitätsnähe mal damit probieren statt mit Bienchen und Blümchen. (hub)

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Sondersignal

Jedes Fachgebiet hat seine Sprache. Das gilt es zu respektieren. Ein verurteilter Straftäter bekommt eine Freiheitsstrafe, und er kommt nicht in Haft. Die Kürze des Wortes Haft würde zwar beim Titelsetzen so einige Probleme lösen, aber es ist schlicht falsch. Dann gibt es aber Wörter wie Sondersignal. Da darf man getrost den Respekt vor dem Fachjargon verlieren. Gemeint ist: Blaulicht und Sirene. Oops. Entschuldigen Sie. Korrekt: Blaulicht und Martin(s)horn. Sonderbar. (sip)

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Oblomowerei

Gestern wurde prokrastiniert, heute frönen wir der Oblomowerei. Will heissen: Wir träumen tatenlos herum. Und denken dabei an den Titelhelden Oblomow aus dem gleichnamigen Roman von Iwan Gontscharow. (bra)

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Blockrandfetisch

Nach der Abstimmung zum Hardturmstadion, bei der die SP in einer Allianz mit bürgerlichen Hönggern vergeblich gegen die Credit-Suisse-Hochhäuser gekämpft hatte, warf der Publizist Thomas Haemmerli seiner früheren Kindheitsfreundin und SP-Nationalrätin Jacqueline Badran vor, sie leide an einem «Blockrandfetisch». Der Blockrand ist ein traditionelles städtebauliches Muster, Häuser um einen Hof. Badran, und mit ihr viele Linke und Architekten, glaubt, dass diese Bebauungsart nach wie vor die dichteste und lebendigste Stadt ermöglicht. Daher wollten sie die Hardturm-Hochhäuser durch einen Blockrand ersetzen. Der Vorwurf lässt sich leicht umdrehen: die Hochhaus-Freunde leiden an einem «Phallusfetisch». (bat)

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Spirituelle Reinigung

Dass eine Wohnung nach einer Bluttat von einer speziellen Reinigungsfirma gesäubert werden muss, ist bekannt. Dass sie auch gereinigt werden muss, wenn das Opfer nicht zu Hause, sondern auf offener Strasse erschossen wird, war bis zum sogenannten Bengalen-Prozess weniger bekannt gewesen. Der Ehemann, der die Bengalin ermordet hatte, glaubte nämlich, dass immer noch der Geist seiner toten Frau in der Wohnung sei, und rief eine Wahrsagerin zu Hilfe, welche eine spirituelle Reinigung durchführte. Dass diese eine verdeckte Ermittlerin der Polizei war, wusste er nicht – und gestand im Gegenzug die Tat. (hoh)

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Geringe Betreuungseinsicht

Ein Wort aus dem Sozialarbeitervokabular. Es tauchte im Zusammenhang mit Problemmietern der Gammelhäuser im Kreis 4 auf. Politisch korrekt benannt, sind das Personen, die intensiv betreut werden müssen, sich der Betreuung aber mehr oder weniger widersetzen. Weniger umständlich könnte man auch von Pennern und Drögelern sprechen. (hoh)

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Non-binäre Geschlechtsidentität

Klar, es wird nicht jedem gerecht, wenn man auf dem Formular sein Kreuzchen nur bei «Männchen» oder «Weibchen» machen kann. Darum kritteln wir hier sicher nicht dran rum, dass die Genossenschaft Kalkbreite die Sache differenzierter angeht. Aber wir haben ein Problem mit den binären Geschlechtsidentitäten. Man muss jetzt nicht das ganz grosse Programmiergenie sein, um zu erkennen, mit welch heikler Frage uns dieser Begriff alleine lässt: Sind wir die Einsen oder die Nullen? (hub)

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Lösungsstelle

Das Geschäft mit mobilen WC ist rabiat und unappetitlich. Kein Wunder, versuchen die Anbieter, neue, sanftere Wörter für ihren Geschäftsbereich zu erschaffen. So wird aus der mobilen Kabine eine Lösungsstelle. Das klingt sauber und genau. Falsch ist der Name nicht. Solche Lösungsstellen vermögen mächtige Probleme zu lösen. Fast besser passen würde der Begriff: Erlösungsstellen. (bat)

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Portugiesische Galeere

Bei der Portugiesischen Galeere handelt es sich nicht um ein zweimastiges, von Sträflingen und Sklaven gerudertes Segelkriegsschiff, sondern um eine giftige Quallenart, die im Frühjahr Badegäste im Mittelmeerraum in Panik versetzt hatte. Ganze Strände mussten wegen der bläulich schimmernden Physalia physalis gesperrt werden. Ihre Tentakel führen bei Menschen zu starken Schmerzen, zu Rötungen der Haut und teilweise auch zu Atemnot. Der Kontakt ist für gesunde Menschen nicht tödlich, geschwächte und Allergiker sind jedoch gefährdet. Eigentlich ist die Portugiesische Galeere im Pazifik und Atlantik heimisch. Starke Strömungen haben sie wahrscheinlich durch die Strasse von Gibraltar ins Mittelmeer gespült. (roc)

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Spiritbeitrag

Wer in der Genossenschaft Kraftwerk lebt und gefragt wird, ob er den Spiritbeitrag schon geleistet hat, könnte versucht sein, etwas für den Teamgeist zu tun, indem er auf viele Schultern klopft und Dinge sagt wie: «Yeah, Leute, ich fühle euch! Ihr seid voll der Burner!» Den Spiritbeitrag muss man dennoch berappen. Er berechnet sich, ganz profan, in Franken. Geld und Geist sind eben doch einerlei. (hub)

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