Büro mit Caféanschluss

Das Auer ist vermutlich das Zürcher Café mit der höchsten Laptopdichte. Das ist nicht weiter verwunderlich: In diesem Ambiente ist Arbeiten ein Genuss.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es ist nicht so leicht zu finden, dieses Auer. Man darf die Passage zum Innenhof am Sihlquai 131 nicht verpassen. Auch der Eingang zum Lokal im statt­lichen Industriebau aus dem 19. Jahrhundert lässt sich nicht ganz einfach ausmachen. Am besten folgt man jemandem mit einer grossen Umhängetasche oder Kopfhörern. Sie haben mit grosser Wahrscheinlichkeit dasselbe Ziel.

«Hello World» steht auf einem kleinen Schild über der Tür. Im Auer geht es global zu und her. Die Gespräche werden hauptsächlich auf Englisch geführt. Da und dort sind spanische oder italienische Wortfetzen zu hören. Dazwischen natürlich auch Schweizerdeutsch in allen Schattierungen. Das Café selbst könnte mit seinen Backsteinwänden und den hohen Fenstern problemlos als New Yorker Coffeeshop durchgehen.

11.15 Uhr: Kein Tisch ohne Laptop

Laptops sind das verbindende Element des heterogenen Publikums. Wie metallene Menükarten stehen die aufgeklappten Bildschirme auf sämtlichen Tischen. Ins rasante WLAN flutscht man gratis und ohne Passwort. Das muss auch so sein, denn das Auer ist im Grunde genommen mehr Büro denn Café.

Es befindet sich im sogenannten Colab, das Teil des internationalen Netzwerks Impact-Hub ist. Auf zwei Stockwerken werden hier «inspirierende Räumlichkeiten» angeboten, in denen man sich einen Arbeitsplatz auf Zeit einrichten kann – allein oder zum sogenannten Co-Working. Kommt man mit den Infrastrukturen nicht zurecht, eilt ein «Hubonaut» zu Hilfe.

11.30 Uhr: Worken ohne Hubonauten

An diesem Tag hat er allerdings nicht viel zu tun. Die Sitzungszimmer hinter den Glaswänden in der oberen Etage sind leer. Dafür ist der meterlange Holztisch gut besetzt, der fast die gesamte Fläche einer Galerie über dem Café einnimmt. Auch hier kommt man nicht zum Tafeln zusammen, sondern zum Tüfteln. Ein untrügliches Anzeichen dafür ist die Steckdosenleiste in der Tischmitte, die Aorta zahlloser Elektrogadgets.

Am einen Tischende hat sich eine Gruppe Frauen eingerichtet und bespricht ein Projekt, weiter hinten sitzen Männer paarweise vor ihren Computern. Welchen Berufen gehen diese Leute nach? Ist der Mann mit dem schwarzen Rollkragenpulli Grafiker, Architekt, Künstler? Arbeitet die Frau am Nebentisch an einem Drehbuch? Und die anderen beiden? Diskutieren sie gerade Börsenkurse?

11.45 Uhr: Fokussiert bei «Dies irae»

Jedenfalls gehen alle erstaunlich fokussiert etwas nach. Einige haben Kopf­hörer aufgesetzt, um sich besser konzentrieren zu können. Das Gros lässt sich aber auch ohne Ohrenstöpsel durch nichts stören. Nicht einmal durch Verdis Requiem, das aus den Boxen in alle Ecken des Raums dringt. «Dies irae» schmettert der Chor in die Welt hinaus. Hornstösse und Streichersalven unterstreichen die finstere Botschaft vom «Tag des Zorns». Eine aussergewöhnliche Hintergrundmusik für ein Café.

«Es ist ein Konzert, das Aaron Copland dirigiert hat», erklärt der Barista. «Er ist mein Lieblingsdirigent. Ich studiere Orchesterleitung an der ZHDK.» Sagt es und zaubert einen perfekten Milchschaum samt herzförmigen Ornamenten in eine Tasse. Das Auer rühmt sich auf seiner Website, «the best coffee in town» anzubieten. Nach einem Schluck lässt sich bestätigen, dass er zumindest einer der besten ist. Auch das Gipfeli hält dem Urteil der Testerin stand.

12.00 Uhr: Bärtige jagen Backwaren

Inzwischen ist es Mittag geworden. Das Stimmengewirr im Raum, bis dahin ein dezentes Summen, wächst sich zu einem Rauschen aus. Vor dem Tresen in der Mitte des Lokals bildet sich eine kleine Schlange. Bärtige Männer und Studentinnen gruppieren sich hinter einer Mutter mit Kinderwagen, Geschäftsleute aus den umliegenden Büros treffen zum Lunch ein, ältere Herren kommen samt Hund ins Lokal. Demografisch ist fast alles vertreten. Einzig kleine Kinder fehlen. Eine Kiste mit Bauklötzchen in der Sofaecke lässt darauf schliessen, dass auch sie im Auer willkommen wären.

Weil sich die Sonne zeigt, haben die meisten Gäste ihre Sandwiches – oder genauer ihre Wraps – mit nach draussen genommen. Auf lang gezogenen Holzpodesten und Sitzbänken suchen die Kreativen ein Plätzchen für sich und ihren Laptop.

12.15 Uhr: Analoges Mittagessen

«Let’s sit at a table», schlägt einer seinem Kollegen vor. «Okay, I’ll be right with you. Let me finish this here first», ­antwortet dieser ohne vom Computer aufzublicken. Und er hält Wort: Nachdem er seinen Satz fertig geschrieben hat, klappt der den Computer zu und setzt sich zu seinem Freund an den ­Bistrotisch.

Das persönliche Gespräch ist hier genauso wichtig wie die Arbeit im Netz, und anders als in manchen Restaurants schielt beim Essen niemand auf das Handy. Schliesslich lässt es sich auch analog wunderbar networken – vielleicht sogar ein wenig flirten. «It was a real pleasure talking to you», sagt eine Frau, die sich gerade von einem Mann verabschiedet. «Yes! I hope we can take it from here some other time. Are you around often?» So geht das hin und her. Ganz locker. Nie aufdringlich.

Es ist faszinierend, wie diese Mischung aus entspanntem Miteinander und kreativem Elan ihre Wirkung entfaltet. Die unaufgeregte Geschäftigkeit der Leute ist beinahe ansteckend, aber das Auer ist durchaus ein Ort, an dem man sich auch dem Dolcefarniente hingeben kann. Es gibt jede Menge Platz für alle und alles und ist trotzdem gemütlich. Für noch mehr Behaglichkeit brauchte es einzig noch ein Feuerchen, das in einem Cheminée vor sich hinflackert. Aber es geht auch ohne.

Erstellt: 23.03.2018, 15:51 Uhr

Zürcher Caféprotokolle (6/6)

Es gibt Leute, die gehen jeden Morgen in dasselbe Café, in «ihr» Café, wo sie sich jeden Morgen an denselben Platz setzen, dasselbe Heissgetränk konsumieren, dieselbe Zeitung lesen und um dieselbe Zeit wie am Vortag «ihr» Café wieder verlassen. Weshalb kann man sich nicht entscheiden, ob man das nicht mehr möchte oder ob man das auch möchte? Diese Woche hat das «Bellevue» den Alltag in sechs Zürcher Cafés protokolliert. (TA)

Artikel zum Thema

Wasser oder Wodka?

Serie Wer genau verweilt eigentlich auf der Terrasse des Café Lang am Limmatplatz? Ein trinkseliger Querschnitt durch die Stadtbevölkerung. Mehr...

In Zürichs Entschleunigungsmaschine

Serie Im Café Schober scheint seit Jahrzehnten die Zeit stillzustehen. Doch das Straussenleder verrät etwas anderes. Mehr...

Wie die Zeit vergeht

Serie Das Café Uetli ist ein Relikt aus einer anderen Zeit – wer hierhin kommt, tut das schon lange. Mehr...

Paid Post

Dank Hightech sicherer im Schnee unterwegs

Gewinnen Sie mit Bächli Bergsport und Mammut ein Lawinenverschütteten-Suchgerät der neusten Generation.

Kommentare

Blogs

History Reloaded Die erste Frau im britischen Parlament

Mamablog Wem nützen Hausaufgaben eigentlich?

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...