Bunker? Seilbahnstation? Wohnhaus!

Der Zürcher Architekt Michael Meier hat sich am Lyrenweg in Albisrieden sein Eigenheim geschaffen – einen «Findling am Waldrand».

«Turmartiges Erkerhaus»: Die «Lyrenburg» von Architekt Michael Meier am Hang in Albisrieden.

«Turmartiges Erkerhaus»: Die «Lyrenburg» von Architekt Michael Meier am Hang in Albisrieden. Bild: Urs Jaudas

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Die These ist naheliegend – Architekten wollen einmal in ihrer Karriere ihr eigenes Wohnhaus planen, schliesslich haben es die Grossen der Gilde vorgemacht. Oscar Niemeyer etwa baute sich ein Haus mit Pool bei Rio de Janeiro, Frank Lloyd Wright entwarf sich in Illinois sein Anwesen (notabene mit geliehenem Geld), Alvar Aalto verwirklichte sich den Traum des Eigenheims in seiner finnischen Heimat.

Der Zürcher Architekt Michael Meier bestätigt die These. Der Partner des Büros Meier Hug hat sich am Lyrenweg in Albisrieden 2012 sein Eigenheim geschaffen. Das Büro der beiden Partner ist weit über Zürich hinaus bekannt, diverse ihrer Bauten wurden ausgezeichnet. So trägt etwa das Züri-WC vor dem Stadthaus ihre Handschrift, derzeit planen sie den zivilen Flugplatz in Dübendorf.

Per Zufall auf Grundstück gestossen

Dennoch sagt Meier, dass er diesen Traum nie gehabt, diese Herausforderung nie gesucht habe. «Im Gegenteil, ich hatte Respekt davor, mein eigener Bauherr zu sein.» Ihn habe die Vorstellung abgeschreckt, dass meist nur namhafte Architekten ihre eigenen Wohnhäuser bauten. Ganz glauben will man Meier diese Koketterie nicht.

Per Zufall ist Michael Meier auf das Grundstück unterhalb des Hasenrains gestossen. Die ruhige Lage mit Aussicht gefiel ihm als Wohnort für sich und seine Familie, die schwierigen Gegebenheiten der Parzelle reizten ihn: 90 Quadratmeter bebaubare Fläche an Hanglage und in einer Zone für zweistöckige Bauten. Meier aber wollte ein Zweifamilienhaus bauen, wegen der beschränkten Fläche idealerweise mit mehr als zwei Geschossen. «Ich wollte wissen, welcher Bau sich da realisieren lässt.»

Ausblick auf den Sitzplatz oder Ausblick auf die Schafe – eine Frage der Perspektive. Bild: Urs Jaudas

Also begann er, mit den Formen und Grundrissen zu spielen. Und er tat es gekonnt. Der Hang erlaubte ihm, ein «Zürcher Untergeschoss» zu planen, mit zwei Normalgeschossen und einer Attika kam er auf vier. Für die Grundrisse rückte er von der orthogonalen Vorstellung ab, auch weil er im Innern vieleckige Räume mit Nischen und äusserlich vielfältigen Ansichten schaffen wollte – mal gross, mal lieblich, mal verspielt.

«Weil die Landschaft um das Gebäude so üppig ist, liessen wir das Gebäude als Kontrast bewusst roh.»Architekt Michael Meier

Entstanden ist, wie Meier es nennt, ein «turmartiges Erkerhaus». Es wirkt in seiner unkonventionellen Art spannend, muss sich seine Zustimmung aber erst erkämpfen. Auch der Stilbezug zu den umliegenden Gebäuden – Einfamilienhäuser aus den 30ern – ist nicht eben offensichtlich. Deren symmetrische Körper und die Übereckfenster hat Meier aufgenommen, bloss sind die seinen raumhoch, was den Vergleich erschwert.

Für die Fassade hat sich Meier für Sichtbeton entschieden. «Weil die Landschaft um das Gebäude so üppig ist, liessen wir das Gebäude als Kontrast bewusst roh. So entstand der Findling am Waldrand», sagt der Architekt. Manche verleitet der Bau wegen der Materialisierung zu wenig schmeichelhaften Analogien. Sie nennen ihn Bunker oder Seilbahnstation. Die Bewohner bezeichnen ihr Zuhause liebevoll als «Lyrenburg».

Das Haus steht in steilem Gelände. Bild: Urs Jaudas

Und das ist kein Zufall, hat Meier doch bewusst mit Elementen aus der ritterlichen Architektur experimentiert. Weil ihm weite Blicke die Fassade entlang wichtig sind, hat er Enfiladen geplant – Verbindungstüren zwischen den Zimmern, wie man sie aus Schlössern kennt. Die Türen sind ebenfalls raumhoch, der Griff höher als in der Norm. Diese gezielte Irritation weckt Kindheitserinnerungen.

«Kaum ist ein Projekt fertig, will man neu experimentieren.»Architekt Michael Meier

Bis Bauende liess Meier offen, welche der beiden Wohnungen er beziehen wollte. «Das hat die Planung einfacher gemacht, weil ich so nicht alles auf uns massgeschneidert geplant habe.» Schliesslich gab die Familie der unteren Wohnung den Vorzug – und sie lebt bis heute gerne da. Auch die Sorge, die unkonventionellen Räume nicht möblieren zu können, erwies sich als unbegründet.

Rückblickend sagt Michael Meier: «Es ist eine Momentaufnahme jener Zeit unseres Schaffens und hat sich als solche sehr bewährt.» Aber er betont auch: «Kaum ist ein Projekt fertig, will man neu experimentieren.» Bei der Farbgestaltung im Innern zum Beispiel. Und sonst? Einen Mangel gebe es, sagt Meier: Die Garage hat er als Architekt um einige Zentimeter zu niedrig geplant, sodass sich der VW-Bus, den er sich später als Bauherr wünschte, nicht darin parkieren lässt.

Die Kolumne «Bauzone» widmet sich ausgefallenen, spannenden, hässlichen oder schrägen Häusern, die im Kanton Zürich stehen. Sämtliche über hundert bisher erschienenen Beiträge finden Sie hier: bauzone.tagesanzeiger.ch.

Erstellt: 28.05.2019, 14:41 Uhr

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