Butler der Langstrasse

Der Inder Arjun Jois fährt mit seinem Rikscha-Taxi durch Zürichs Ausgehviertel. Eine Tour mit ihm ist weit mehr als bloss Transport.

Die Antithese zu den meisten Taxifahrern: Arjun Jois ist fröhlich, kommunikativ und für jeden Spass zu haben. Fotos: Urs Jaudas

Die Antithese zu den meisten Taxifahrern: Arjun Jois ist fröhlich, kommunikativ und für jeden Spass zu haben. Fotos: Urs Jaudas

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Wenn die Langstrasse am Wochenende zum Ballermann wird, gibt es einen, der die Contenance bewahrt: Arjun Jois. Zwischen Partyvolk, zerbrochenen Flaschen und Bierkartons bahnt sich der 35-jährige Inder seinen Weg. Mit adretter Uniform und gut sitzender Gelfrisur sitzt der Bike-Butler auf seinem Fahrrad und beweist Haltung. Im Schlepptau eine Rikscha.

Auf Tour mit überdrehten Teenies. Videos: bikebutler.ch

Sein Anblick wirkt in dieser Umgebung etwas grotesk. «Hey Mann, sind wir hier in Bombay oder was!?», schreit einer über die Strasse. Jois kontert: «Nein, aber ich kann dich nach Helsinki fahren, wenn du willst.» Damit meint er nicht die finnische Hauptstadt, ­sondern den Club bei der Hardbrücke. Kurz darauf nimmt der Jugendliche auf der Rikscha Platz, aus deren Boxen die Party­bässe dröhnen. Fahrende Disco, Taxi und Small-Talk-Zentrale in einem: Jois weiss, wie er seine Kunden bei Laune hält.

Bonus bei Sympathie

Im Grunde ist Jois die Antithese zu den meisten Taxifahrern: fröhlich, kommunikativ und für jeden Spass zu haben. «Ich will die Leute unterhalten, doch ich lasse mich auch gerne unterhalten.» Vergangenes Wochenende führte er eine Gruppe Jugendlicher drei Stunden lang zu den Hotspots des Zürcher Nacht­lebens: Escher-Wyss-Platz, Kreis 4, Kaufleuten. Die Fahrt endete um vier Uhr morgens am Zürcher Seebecken und mit einem Sprung ins Wasser: «Solange es Spass macht, bin ich für alles zu haben. Das ist Teil meines Jobs», sagt Jois. Der Preis? Der sei Verhandlungssache. Für gewisse Kunden gebe es einen Sympathiebonus. 350 Franken brachte sein bisher lukrativster Auftrag ein.

«Skor in da house!» Der Rapper in der Rikscha.

Um seine Passion auszuüben, ist Jois weit gereist. Im streng hierarchisierten Indien befände er sich als Rikschafahrer auf einer unteren gesellschaftlichen Stufe. Dieser Demütigung wollte er entgehen. «Hier werde ich zwar auch nicht reich, aber ich spüre den Respekt, den mir die Leute entgegenbringen.» Als Jugendlicher war für Arjun Jois ein anderer Lebensweg vorgesehen: In der Millionenmetropole Bangalore studierte er Mathematik. Guter Lohn, ein Haus, eine Familie – ein solides Leben in Indiens aufstrebender Mittelschicht schien programmiert.

«Die Aussicht auf ein durchgeplantes Leben machte mir Angst», sagt Jois. Ermutigt durch seine freigeistige Mutter, begab er sich auf eine jahrelange Selbstfindungsreise: quer durch Indien, nach Singapur und Osteuropa. In London erhielt er ein Arbeitsvisum: Nach diversen Jobs in Bars und Restaurants heuerte er schliesslich beim grössten Anbieter für Rikscha-Taxis an. Als Dienstleistungserbringer im pulsierenden Nachtleben wurde er glücklich: «Die Nacht wurde zum Tag, die soziale Interaktion zu meinem Antrieb.»

Anfangs eine Ferienromanze

Ein Trip in die Schweiz im Jahr 2011 ­geriet zur Schicksalsreise. Arjun Jois ­verliebte sich in eine Zürcherin und verbrachte mit ihr «eine tolle Zeit». ­Wenige Monate später und wieder zurück in London klingelte sein Telefon. Seine Ferienromanze übermittelte ihm die Botschaft, dass sie schwanger sei.

«Mir war sogleich klar, dass ich in der Nähe meines Kindes wohnen will», sagt Arjun. Kurz nachdem er nach Zürich gezogen war, zerbrach die Beziehung, doch seinem Beruf und damit seinem Lebensmotto ist er treu geblieben: «Es ist egal, was du tust. Hauptsache, es macht dich glücklich.» Diese Botschaft vermittelt er seinen Taxigästen ebenso wie seinem dreijährigen Sohn. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2015, 09:55 Uhr

Stets zu Diensten: Arjun Jois fährt Gäste durch die Langstrasse.

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