Darf es noch ein Talent mehr sein?

Rahel Senn findet, sie sei nun alt genug, sesshaft zu werden. Deshalb kehrt die 29-jährige Pianistin, Komponistin, Autorin und Unternehmerin aus Singapur zurück nach Zürich.

Videoclip zu Rahel Senns Stück «Secret Garden». Video: Rahel Senn Steinway Artist / Youtube


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Viele Talente können manchmal auch ein Fluch sein. Rahel Senn ist ein gutes Beispiel dafür. Sie spricht acht Sprachen, ist Pianistin, hat drei CDs mit Eigenkompositionen veröffentlicht, drei Musicals geschrieben und inszeniert, ein bemerkenswertes Buch über den Sohn von Albert Einstein veröffentlicht. Dabei pendelt sie zwischen Zürich und Singapur wie andere Leute zwischen Kilchberg und der Bahnhofstrasse. Kein Wunder liebt sie Flughäfen: «Das sind Orte, wo Leute ankommen und abreisen – und alle Menschen gleich heimatlos sind.»

Rahel Senn, die vor wenigen Monaten von Singapur nach Zürich zurückgekehrt ist, wird dieses Jahr 30. Man könnte sagen, in ihrem Leben hat sich ein erster Kreis geschlossen. Ihre ungewöhnliche Karriere begann vor elf Jahren. Damals verfasste sie als Maturaarbeit ein Musical. Titel: «Der totale Wahnsinn». Das war auch die Arbeit selbst. Die damals 18-Jährige hat eigentlich alles selber gemacht. Von ihr stammte der Text, sie hat die Musik komponiert, mit Profimusikern die Playbacks aufgenommen. Sie hat die Rollen mit geeigneten Schülern besetzt, sie hat die Schauspieler motiviert und Überzeugungsarbeit geleistet, sie hat um Geld verhandelt, das Musical zum Teil vorfinanziert und nächtelang durchgearbeitet. Es hat sich gelohnt: «Der totale Wahnsinn» wurde in der Schweiz 40-mal aufgeführt, mehr als 3000 Besucherinnen und Besuchern haben es gesehen.

Das Musical hat mit einem Schlag all ihre Talente sichtbar gemacht – und sie in ein Dilemma gestürzt. Was bloss sollte sie studieren? Die Eltern plädierten für ein Medizinstudium. Da war aber auch das Klavier, sie spielt das Instrument, seit sie acht ist. Es hatte ihr bei den vielen Wohnortswechseln ihrer Eltern jeweils über die anfängliche Einsamkeit hinweggeholfen. Rahel Senn entschied sich zunächst für Jura, sattelte um, als sie die Bestätigung vom Konservatorium Luzern bekam. Eine Vorzeigestudentin wurde sie nie, «ich habe mich in vielen Fächern gelangweilt.» So begann ihre zweite Karriere. Sie verfasste ein zweites Musical, ein Theaterstück, einen weiteren Roman.

Eine von 50 Steinway-Artists

Kaum hatte sie den Master als Musikpädagogin in der Tasche, stand Rahel Senn erneut vor einer Entscheidung: Womit sollte sie ihr Leben bestreiten? Zunächst musste sie eine Grundsatzfrage klären. Schon immer hatte sie das Gefühl begleitet, nicht richtig dazuzugehören. In der Schweiz galt sie als Ausländerin, weil ihre Mutter aus Singapur stammt. In Singapur, wo sie jeweils ihre Ferien verbracht hatte, wurde sie gefragt, woher sie komme. Wer bin ich eigentlich? Diese Frage wurde immer drängender. Um eine Antwort zu finden, entschloss sie sich, nach Singapur zu ziehen.

Hat sie nun ihre Identität gefunden? Über Privates gibt Rahel Senn keine Auskunft: «Meine Lebensumstände haben sich verändert», sagt sie knapp – und fügt hinzu, sie könne nicht ewig reisen, schliesslich werde sie dieses Jahr 30 und es sei ihr wichtig, einen festen Wohnort zu haben, um unabhängig zu sein.

Beruflich hat sie sich etabliert. In Zürich will sie ihre eigene internationale Steinway-Akademie für Kinder und Erwachsene aufbauen. Sie selbst ist – als einzige Schweizerin – ein «Young Steinway Artist», ein Titel, den man ein Leben lang behalten darf. Nur das Adjektiv «Young» fällt mit 35 Jahren weg. Steinway ist eine alte traditionsreiche Firma. Weltweit gibt es etwa 50 Steinway-Artists aus allen Stilrichtungen. Dazu zählen Stars wie Diana Krall oder Billy Joel.

In Asien bereits ein Star

Die Steinway-Akademie ist das dritte Standbein in Senns Berufskarriere. In Singapur ist es ihr gelungen, sich als Musikerin zu etablieren. Die Stadt hat sie geprägt. «Sie ist unheimlich schnell, und es kommt einem so vor, als würden die Menschen in einem Wettrennen mit sich selber befinden.» Fern von der Schweiz hat sie herausgefunden, dass das Klavier in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielt. «Ohne die Jahre in Asien wäre ich nicht an dem Punkt, an dem ich heute bin.» Im Stadtstaat erhielt sie an der Raffles Institution den Auftrag, ein Departement für Musicals aufzubauen. Sprachgewandt wie sie ist – sie spricht auch Chinesisch und den Inseldialekt Hokkien – war das für sie kein Problem.

In Singapur hat sie ihr drittes Musical geschrieben und inszeniert. Rahel Senn ist in Asien als Pianistin und Komponistin ein Star geworden. Ihr Foto erschien auf den Titelblättern verschiedener Magazine. Sie wurde zu offiziellen Anlässen eingeladen.

Ihre Musik hat sich in Singapur ver­ändert von rein klassisch zu einer ­Mischung aus Klassik und Pop. Die Entwicklung ist auf ihren drei CDs gut zu hören. «Ich bin immer noch auf der Suche nach meiner eigenen Sprache», sagt sie. Was sie inzwischen weiss: «Ich kann mit dem Klavier Geschichten erzählen, ohne Worte zu gebrauchen. Ich kann aus­drücken, was ich fühle.»

Inzwischen ist Rahel Senn auch Schriftstellerin geworden. Ihr erster veröffentlichter Roman heisst «Der kleine Tete» und handelt vom Schicksal des zweiten Sohns von Albert Einstein, eben, Tete genannt. Der hochsensible Eduard (1910–1965) war bei der Trennung der Eltern erst vier Jahre alt. Er litt darunter, dass sein Vater so weit weg und seine Mutter seelisch krank war. Tete flüchtete sich in die Poesie und ­Musik, später wurde bei ihm eine ­Schizophrenie diagnostiziert.

Die Geschichte von Eduard Einstein hat Rahel Senn nicht mehr losgelassen. Der Wahnsinn fasziniert sie. «Ich weiss, dass zwischen Genie und Wahnsinn nur ein schmaler Grat liegt», sagt sie und verweist auf Künstler wie Van Gogh oder Robert Schumann. Tetes Schicksal ­interessiert sie aber noch aus einem ­anderen Grund: «Schizophrenie ist immer noch ein Tabu. Die Gesellschaft fürchtet sich davor, weil sie nicht damit umgehen kann.»

Welches Talent verfolgen?

Für ihr erstes Buch hat Rahel Senn hart gearbeitet. Sie wählte dabei eine anspruchsvolle Erzählweise und schildert die Lebenslage eines innerlich zerrütteten Menschen durch äussere Ereignisse. Unterstützung erhielt sie durch ihren Mentor, den erfolgreichen Schriftsteller Charles Lewinsky. «Sie schildert einen kranken Menschen, kriecht gewissermassen in ihn hinein und lässt den Leser die Welt durch seine Augen sehen», lobt der Schriftsteller im Nachwort.

Anders als Eduard Einstein hat Rahel Senn festen Boden unter den Füssen. Sie wird in Zürich weiter schreiben, weiter komponieren, weiter üben. Sie ist hier angekommen. Ihr fast unersättlicher Wissensdurst wird jedoch dafür sorgen, dass sie nicht in Routine verfällt: «Ich bin wie ein Schwamm, sauge alles auf und will jeden Tag etwas Neues lernen.» Die Frage bei ihr ist nicht, ob sie es schafft – sondern welche ihrer Talente sie am besten weiterentwickeln kann.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.04.2016, 18:40 Uhr

Rahel Senn im Zunfthaus zur Waag, wo sie jeden Tag übt. Foto: Sabina Bobst

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