Das Fake-Haus

Das Globus-Provisorium an bester Lage soll einem Platz weichen – dem «Platz der fehlenden Ideen».

Sehen Sie, was die sehen? Glaubt man nämlich gewissen Architekten, hebt das Globus-Provisorium, diese Bretterbude, «die Sonderstellung des HB» hervor. Foto: Urs Jaudas

Sehen Sie, was die sehen? Glaubt man nämlich gewissen Architekten, hebt das Globus-Provisorium, diese Bretterbude, «die Sonderstellung des HB» hervor. Foto: Urs Jaudas

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Die Zürcher Wappenlöwen schütteln die Mähne, und den Stadtheiligen Felix und Regula fällt der Kiefer herunter: Unglaublich, dem Globus-Provisorium geht es jetzt doch noch an den Kragen! Die Stadt will das flache Gebäude mit dem Coop drin abbrechen und das Papierwerd-Areal als Platz nutzen. 50 Jahre hielt das Provisorium stand; 1960 wurde es gebaut, 1968 hätte es verschwinden sollen, wenn Globus seinen neuen Hauptsitz am Löwenplatz bezieht. Das Vertrakte daran: Ein Provisorium, das ein halbes Jahrhundert überdauert, ist kein Provisorium mehr, sondern eine Provokation, ein Etikettenschwindel, eine Falschdeklaration, zeitgemäss gesprochen ein Fake-Haus.

Frivoler Witz der Geschichte

Die Provokation besteht darin, dass es sein provisorisches Wesen seit einer halben Ewigkeit auslebt; sowohl im Namen wie auch im Aussehen mit dem verwitterten Holz und dem bröckelnden Anstrich. Und das als direkter Nachbar der Monumentalgebäude Du Pont et Du Nord und vis-à-vis dem wuchtigen Hauptbahnhof. Es ist die Nähe zu diesen Prunkbauten aus Stein, die dem zwei- stöckigen Globus-Provisorium den Schimpfnamen «Bretterbude» eingetragen hat. Den Titel «Schandfleck» verdankt es der offensichtlichen Unternutzung an diesem Ort, wo märchenhafte Mieterträge möglich wären.

All diese Anwürfe zu überleben, ist schon ein Erfolg. Doch nun feiert das Globus-Provisorium einen weiteren Triumph: Die städtische Denkmalpflegekommission hält es für schutzwürdig. Damit ist der Gipfel der Ironie erreicht, ein frivoler Witz der Stadtgeschichte: das Provisorium als Ewigkeit. Auch der Bund Schweizer Architekten (BSA) setzt sich für den Erhalt ein; das flache Haus hat dem BSA Qualitäten eingeflüstert, auf die man so schnell nicht kommt. «Das Gebäude ist stadträumlich bedeutungsvoll, weil es den Bahnhofquai fasst, die Sonderstellung des Hauptbahnhofs im Stadtkörper lesbar macht und diesen dadurch monumental erscheinen lässt.»

Warum ist das Globus-Provisorium so zäh? Was macht es so stark? Würde ohne dieses Gebäude der Flussraum geschwächt, wie der BSA meint? Liegt es an der Kunst des Architekten Karl Egender, dem Zürich auch das Hallenstadion, das Museum für Gestaltung oder den «definitiven» Globus verdankt? Nein, das sind untergeordnete Aspekte. Die Stärke des Globus-Provisoriums ist die Schwäche seiner Konkurrenten. Fünf Jahrzehnte lang wurde eine angemessene Nutzung für das Papierwerd-Areal gesucht, ein Wurf sollte es sein, ein Leuchtturm. Es gab unzählige Ideen und Vorschläge: Touristenzentrum, Stadtmuseum, Flughafen-Terminal, städtisches Rathaus und alle möglichen und unmöglichen Kulturzentren. Doch nie konnte ein Projekt diesem zentralen Ort der höchsten Erwartungen genügen.

Jetzt aber wird es ernst, jetzt geht es dem Provisorium an die Balken, was den Hausgeist im Untergeschoss erstmals richtig nervös macht. Der Zürcher Gemeinderat verlangt ultimativ den Abbruch zugunsten eines Platzes. Der Stadtrat will das eigentlich nicht, doch hat ihn die Mehrheit des Parlaments, bestehend aus GLP, SP und SVP, mit einer Motion dazu gezwungen. Vier Millionen Franken für die weitere Planung hat er deshalb vor kurzem beschlossen. 2020/21 soll ein konkretes Projekt vorliegen, das letztlich vom Stimmvolk bewilligt werden muss. Verblüffend an der Koalition SP/SVP ist in diesem Fall, dass beide für einmal ihre Gebetsmühlen zu Hause gelassen haben: Die SP fordert keine bezahlbaren Wohnungen, die SVP keinen privaten Renditebau. Noch im Untergang kann das Globus-Provisorium das Narren nicht lassen.

Nicht originell, aber richtig

Nun ist ja ein Platz keine besonders originelle Idee, aber sie ist immerhin mehrheitsfähig. Die Zürcherinnen und Zürcher sind ganz wild auf Plätze und bewilligen alles, was ihnen auf den Stimmzettel kommt: Sechseläutenplatz, Münsterhof, Vulkanplatz – um nur die jüngsten zu nennen. Doch ein Platz auf dem Papierwerd-Areal hat auch wortgewandte Gegner. Für Heimatschützer und historisierende Architekten muss dort unbedingt ein Gebäude sein, weil seit dem Mittelalter dort immer Häuser standen. Wie ja auch die Limmat überbaut war. Auf dem Fluss war es unterhalb der Rudolf-Brun-Brücke so eng wie in der Altstadt an Land. Streng historisch betrachtet, ist aber auch das Limmatquai falsch. Es wurde erst im 19. Jahrhundert vor das Niederdorf gesetzt.

100 Jahre später war Schluss mit Flussbauten. Die Stadt wollte raus aus der mittelalterlichen Enge. Zuerst wurden die beiden Mühlestege abgebrochen, dann wurde 1951 per Volksvotum die «freie Limmat» gefordert. Sie kostete der Fleischhalle neben der Gemüsebrücke den Kopf, und sie galt eigentlich auch für das Papierwerd-Areal.

Ein Platz dort ist also – wenn auch mit gewaltiger Verspätung – demokratisch legitimiert. Und er hat inzwischen noch eine hinterhältige Pointe: Seine Leere führt vor Augen, dass es für diesen Ort nie eine grandiose Idee gab, obwohl sich Zürich doch für offen, fortschrittlich und kreativ hält. «Platz der fehlenden Ideen» soll der Platz heissen. Dazu gehören in diesem Fall auch die gescheiterten Ideen, die Fehlplanungen und die grossen Illusionen von Zürich. Sie alle werden auf dem Platz mit Inschriften gewürdigt: ­U-Bahn, Schnellstrassen-Y, HB-Südwest, Eurogate, Fussballstadion, Kongresszentrum, Rosengarten-Tunnel, Velostadt, die bürgerliche Wende.

Erstellt: 28.02.2018, 20:14 Uhr

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