Das gallische Dorf

Die Bernoulli-Häuser sind vor bald 100 Jahren gebaut worden. Im heutigen Zürich-West erinnern die Siedlung und ihre Bewohner an das Widerstandsnest von Asterix und Obelix.

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Eingeklemmt zwischen Autoverkehr auf der Hardturmstrasse und Freizeitverkehr an der Limmat, scheinen die Bernoulli-Häuser in der heutigen, urbanen Um­gebung von modernen Geschäfts- und Wohnhäusern wie aus der Zeit gefallen. Oder wie sich Patrick Gmür, bis vor kurzem Direktor des Amts für Städtebau der Stadt Zürich, ausdrückt: Die zwischen 1923 und 1930 erbaute Siedlung erinnere an das «kleine gallische Dorf» von Asterix und Obelix, denn es habe nicht aufgehört, der Entwicklung in diesem Stadtkreis die Stirn zu bieten.

Tatsächlich sind diese Häuser, die einst den Übergang von Stadt zu Land ­signalisierten, in vielerlei Hinsicht eine Insel des Widerstands: städtebaulich, architektonisch, sozial. Und so bieten sie natürlich auch Stoff für gute Geschichten.

Dies war mit ein Grund für das Buch «Wohnen wir im Paradies?» von Dokumentarfilmerin Marianne Pletscher und Fotograf Marc Bachmann. Sie porträtieren Einzelpersonen, Paare und Familien, die in der «Trutzburg» leben. Pletscher kennt diese Menschen, sie wohnt selbst da.

Backen für die ganze Hofgemeinschaft

Bachmann jedoch trägt den «Aussenblick» ins Buch, das nach simplem, aber wirksamem Muster gebaut ist: Alle Personen wurden stets in ihrem Wohnzimmer und draussen im Garten fotografiert. Die älteste Frau in den Bernoulli-Häusern ist die 88-jährige Fränzi Z. Seit ihrer Kindheit lebt sie beinahe ununterbrochen in der Siedlung. Bachmann zeigt sie, wie sie zusammen mit ihrem Pudel auf dem Fauteuil thront, umgeben von Erinnerungen und Nippes.

Fast ein bisschen nostalgisch blickt sie auf ihre Kindheit zurück und erzählt, wie sie damals auf der mit Ulmen gesäumten Hardturmstrasse «Versteckis» gespielt habe. Heute sei das Gemeinschaftsleben nicht mehr so intensiv. «Meine Mutter hat noch regelmässig Weggen für die ganze Hofgemeinschaft gebacken», sagt sie. «Eine andere Frau überraschte uns jeweils mit selbst gemachter Wähe.» Die Gärten, die heute mehrheitlich mit Blumen bepflanzt sind, dienten damals noch profanen Zwecken. «Während des Zweiten Weltkriegs waren wir fast Selbstversorger», erzählt Fränzi Z. «Wir haben Gemüse angepflanzt und Chüngeli gezüchtet.»

Ein Haus für 24'000 Franken

Hans Bernoulli, Architekt der Reihenhaussiedlung, hatte ursprünglich beabsichtigt, Wohnraum für Familien von Arbeitern zu schaffen. Dass dies nicht gelang, hatte mit den Baubehörden zu tun, die keine Genossenschaft wollten. Trämler, Bähnler und mittlere Angestellte konnten sich diese erschwinglichen Häuser leisten. Fränzi Z.s Vater, ein Monteur beim städtischen Wasserwerk, bezahlte für sein Anwesen 24'000 Franken. Unterdessen leben auch Akademiker in den alten Häusern, die längst nicht mehr derart erschwinglich sind – sie werden inzwischen für eine Million gehandelt.

Nach wie vor sind sie aber «niedlich» und ringhörig, sie befinden sich praktisch allesamt noch im Urzustand. Ältere Bewohner schätzen die Kleinräumigkeit und die damit verbundene Geborgenheit. Jüngere hingegen haben Wände herausgerissen, aus mehreren kleinen einzelne grössere Zimmer gemacht und dem heutigen Bedürfnis nach mehr Raum nachgegeben.

Von der «Bruchbude» zum «Schmuckstück»

Einer, der dies genau verfolgt, ist der Maler Peter M. Er hat viele der renovierten Innenräume eigenhändig gestrichen – und 1990 selbst ein Bernoulli-Haus gekauft: «Damals lag der Hypozins auf hohen 9 Prozent», sagt er. Das Quartier sei in dieser Zeit nicht trendy, sondern eine Art Ghetto gewesen. M. will sein Haus nach der Pensionierung verkaufen; seiner Frau ist der Verkehrslärm zu viel geworden.

Entspannt wirkt hingegen das junge Paar Andrea D. und Christian L. Die beiden sitzen in ihrem neu gestalteten Wohnzimmer, das sie spärlich, aber geschmackvoll eingerichtet haben. Als sie das Haus Mitte 2014 kauften, war es eine «Bruchbude»; es war zuvor ein halbes Jahr leer gestanden, dann schaltete die Erbengemeinschaft einen Makler ein. D. und L. steckten viel Eigenarbeit in den Umbau und erschufen «ein Schmuckstück»; einzig der Garten sei noch fast so verwildert wie zu früheren Zeiten, als hier Randständige gelebt hatten. Die beiden kannten die Bernoulli-Siedlung vom Joggen entlang der Limmat, und sie waren fasziniert, dass es möglich ist, in der Nähe der City noch so ländlich wohnen zu können.

Vorfahre der Kalkbreite

Marianne Pletscher zeichnet in ihren Texten ein liebevolles Bild der Bernoulli-­Bewohner, sie zeigt, wie individuell die Menschen dort leben, wo einst uniform gebaut wurde. Und sie erinnert daran, dass «sinnvolles, verdichtetes Bauen mit der Möglichkeit zur Kommunikation untereinander schon vor 100 Jahren ein Thema war».

So gesehen ist das «gallische Dorf» ein Vorfahre alternativer Zürcher Wohnprojekte wie beispielsweise Karthago, Kraftwerk und Kalkbreite. Das ist kein Zufall: Als Hans Bernoulli die Siedlung in den 20er-Jahren entwarf, schwebte ihm ein gemeinsames Zusammenleben vor. Doch nicht alles wurde so, wie es sich der Pionier vorgestellt hatte: Die Vorplätze beispielsweise waren als Begegnungsorte vorgesehen; heute sind es mehrheitlich Parkplätze, nur ab und zu findet da ein Hoffest statt.

(Erstellt: 04.10.2016, 11:54 Uhr)

Buch

Marianne Pletscher, Marc Bachmann: Wohnen wir im Paradies?, Lars Müller Publishers, 112 S., 45 Fr.

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