Das Geheimnis um die vermeintlich peinlichste Anmache der Welt

Briefmarkensammler und -händler waren einst galante Verführer. Heute hoffen sie auf junge Frauen und Chinesen.

Verfüherisch: Briefmarken dienten um 1900 als Statussymbol. Fotos: Urs Jaudas

Verfüherisch: Briefmarken dienten um 1900 als Statussymbol. Fotos: Urs Jaudas

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Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, genau: bei der Frage, was es eigentlich mit dem (in der Regel männlichen) Annäherungsversuch «Hast du Lust, meine Briefmarkensammlung zu sehen?» auf sich hat – eine Anmache so altbacken und anachronistisch, dass jene, denen sie heutzutage zu Ohren kommt, sofort Mitleid und/oder Fremdscham fühlen. (Teil 1 lesen Sie hier)

Natürlich kennt Ingomar R. Walter den Spruch. Und wir liegen wohl nicht völlig falsch, wenn wir vermuten, dass der Patron der Philatelie Walter oberhalb des Bellevues, bei der wir zwecks Szene-Erkundung seit gestern zu Gast sind, in seiner Jugend die Briefmarkensammlung selbst das eine oder andere Mal als «Lockstoff» eingesetzt hat – notabene gentlemanlike, weil er um die historischen Hintergründe weiss, und die lassen die verpönte Flirtmasche in einem ganz anderen Licht erscheinen.

Die Ursprünge vermutet der ehemalige Weltverbandspräsident der Briefmarkenhändlervereinigungen ums Jahr 1900. In jener Zeit galt das Sammeln und Handeln der Postwertabzeichen noch vornehmlich als Privileg der «besseren Gesellschaft»; nur deren Vertreter konnten sich diesen Zeitvertreib überhaupt leisten. Hinzu kam, dass die soziale Kontaktaufnahme damals viel förmlicher ablief, «eine Dame kennen zu lernen, war für einen galanten Herrn eine richtig aufwendige Sache», so der 77-Jährige nicht ohne Schalk. «Wenn also eine Frau die Einladung erhielt, die stolze Briefmarkensammlung eines Mannes präsentiert zu bekommen, durfte sie das als Ehrbekundung und aufrichtiges Interesse verstehen, das hatte gar nichts Schlüpfriges an sich.»

Cyrill und Ingomar R. Walter in ihrem Markentempel.

Wieso und wann die ehedem seriöse Sache den Gout einer verklemmten Anmache erhalten habe, wisse er nicht, gesteht Ingomar R. Walter. Doch letztlich passe das biedere Image irgendwie schon: «Uns Philatelisten wird ja vieles unterstellt, aber als abgebrühte Machos gelten wir nun wahrlich nicht.»

Der Frauenanteil wächst

«Dennoch ist die Philatelie seit je eine Männerdomäne.» Gast hin oder her, aber dieser Einwand muss sein. Genauso muss Cyrill Walter den Einwand nun kontern: «Früher war das so, da kam eine Frau auf hundert Männer, doch das hat sich deutlich verschoben.» Speziell jüngere Frauen seien inzwischen sehr Briefmarken-affin, bemerkt der Geschäftsführer. Steht auf, holt eine Ausgabe von «Stamps 4 You» und zeigt aufs Impressum. «Redaktion und Verlag dieses wirklich gut gemachten Briefmarken-Magazins für Jugendliche sind in Frauenhand, das ist doch toll.»

Es ist vor allem überraschend. Dass sich der Briefmarkenhandel wegen des Internets in einem Kultur- und Strukturwandel befindet, ist keine Neuigkeit. Doch bekannt waren bislang vor allem die negativen Aspekte: vom neuen Tempo überforderte Sammler. Eine künstliche Preistreiberei. Ein Aussterben der Fachgeschäfte. Vom Fiskus nicht erfasste Deals zwischen Privatpersonen, deren Summe man jährlich auf etwa sechs Milliarden schätzt – was bereits einem Viertel des mit Briefmarken erzielten Gesamtjahresumsatzes entspricht, Tendenz steigend. Und, generell, ein seit längerem stagnierender Markt.

Die Walters arbeiten noch mit analogen Katalogen, viele Sammler arbeiten heute mit Verzeichnissen im Internet.

Dennoch malen die Waltersvor dem 50. Geburtstag ihrer Philatelie im nächsten Jahr kein schwarzes Zukunftsbild. Auch kein grellbuntes, nein, aber Pastelltöne, die sind da. Ein wichtiger Faktor: die Chinesen! Cyrill Walter erklärt, dass durch den Kurs der Öffnung von Staatschef Xi Jinping gerade wohlhabende Chinesen die Briefmarke als Sammel- oder Investitionsobjekt entdeckt hätten. Und zwar nicht nur oberflächlich, als schnelllebiges Hobby: «Sie sind mehrheitlich bereit, sich in die Essenz der Briefmarkenkunde einzuarbeiten.» Noch sei das nicht mal ansatzweise ein Boom, stellt er klar, ob es jemals einer werde, stehe in den Sternen. «Doch allein schon die Aussicht auf eine neue Interessengruppe tut der Branche gut.»

Dies auch, weil das «Nachwuchsproblem» keinesfalls gelöst ist – das «Wunder» der Vinylplatte hat sich bei der Briefmarke leider nicht wiederholt. Der Abgesang des Tonträgers wurde ja wiederholt angestimmt, dank der DJ-Szene konnte sie sich aber stets knapp über Wasser halten. Bis vor einigen Jahren eine neue Generation an Vinylfans auftauchte. Des unsinnlichen Downloadens und Streamens überdrüssig, fingen diese Teenager an, sich durch die Sammlungen ihrer Eltern zu wühlen. Und realisierten dabei, dass ein Album und selbst eine Single ein haptisches und visuelles Erlebnis sein können.

Die Sache ist voll «Hygge»!

Diese Sozialisierung war der erste Schritt, die anderen ergaben sich von selbst. Plötzlich ging es bei vielen Plattenläden wieder langsam, aber stetig bergauf, irgendwann konnten sich die Idealisten hinter den Ladentheken statt ums Überleben endlich auch wieder ums Leben kümmern.

«Der Briefmarke fehlt halt der Coolness-Faktor der Schallplatte», sagt Ingomar R., um eine Erklärung gebeten, wieso der Jungbrunnen in der Philatelie nicht so wirklich sprudeln mag. Dafür habe sie andere Qualitäten; um sie aufzuzählen, nimmt er die Finger zu Hilfe: Erstens sei die Beschäftigung mit Briefmarken entschleunigend und gemütlich. Zweitens führe sie zu kleinen Glücksmomenten; «wer je ein Basler Dybli vor sich liegen hatte, weiss, wovon ich spreche.» Drittens sei die Marke eine gute Vernetzerin: «Auf Auktionen oder Börsen und in Geschäften trifft man angenehme, interessante Menschen, da tun sich neue Horizonte auf. Der eine ist vielleicht Bankdirektor, der andere Postauto-Fahrer, doch vor der Marke sind wir alle gleich.»

Angenehm, entschleunigend, gemütlich, glücklich? Alles Adjektive, die eng verwandt sind mit dem dänischen Begriff «Hygge» – also jenem scheinbar tröstlichen Zeitgeistgefühl, nach dem sich unsere reizüberflutete Gesellschaft derzeit geradezu sehnt. Anders gesagt: Das Briefmarkensammeln mag zwar kein Trend sein, liegt aber paradoxerweise dennoch voll im Trend.

Wahrscheinlich hatte ich das schon damals gespürt, als ich 1975 vor der Vitrine dieses Ladens stand und mich in eine Apollo-Sojus-Marke verguckte.

Erstellt: 14.08.2019, 15:21 Uhr

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