Das Haus «vom anderen Keller»

Eine der unbekanntesten Gedenktafeln Zürichs ist einem unbekannten Autor mit prominentem Namen gewidmet.

Der andere Keller: Gedenktafel an der Heinrich-Federer-Strasse. Fotos: Dominique Meienberg

Der andere Keller: Gedenktafel an der Heinrich-Federer-Strasse. Fotos: Dominique Meienberg

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An etlichen Zürcher Häusern gibt es ja diese quadratischen blauen Tafeln, etwa 30 auf 30 Zentimeter gross, die der historischen Einordnung dienen – und zwar primär derjenigen des Gebäudes, auch wenn darauf wichtige Bewohner oder Pächter in den meisten Fällen ebenso genannt sind. Auf dem Schild, das neben dem Eingang des Traditionsrestaurants Zum Kropf» unweit des Paradeplatzes montiert ist, liest man zum Beispiel: «Seit 1888 Restaurant und Bierhalle. Das mittelalterliche Haus erhielt 1881 mit dem Einbau einer Ladenfassade durch die Architekten Chiodera & Tschudi sein heutiges Aussehen. 1888 Innenumbau durch Architekt Friedrich Kronauer mit neubarocken Dekorationsmalereien von A. J. Soldenhoff für den Wirt Heinrich Toggweiler-Kölliker. Unter Denkmalschutz seit 1975».

Anders verhält es sich mit den nicht normierten, steinernen (oder in seltenen Fällen auch metallenen) Gedenktafeln, die man meist über den Haustüren entdeckt: Sie stellen nicht die Architektur, sondern deren in irgendeiner Form «besonderen» Bewohner ins Zentrum. Eines der berühmtesten Exempel befindet sich über dem Portal der Spiegelgasse 14 im Niederdorf, wo geschrieben steht: «Hier wohnte vom 21. Februar 1916 bis 2. April 1917 Lenin. Der Führer der russischen Revolution».

Der Unbekannte aus dem Quartier

Sozusagen das Gegenteil davon – also eine der zweifellos unbekanntesten Gedenktafeln der Stadt – ist über dem Hauseingang der Heinrich-Federer-Strasse 6 in der urbanen Peripherie Wollishofens angebracht. Dass dieser Nebenschauplatz hier und heute gleichwohl prominent beleuchtet wird, hat mit dem früheren Primarlehrer Ernst Reutlinger vom Schulhaus im Lee zu tun. Der nämlich erklärte in einer Stunde, in der unsere Klasse gut amüsiert Gottfried Kellers «Die Leute von Seldwyla» durchackerte, eher beiläufig, es gebe übrigens noch einen anderen, weit weniger bekannten Zürcher Schriftsteller namens Keller, den Walter Alvares, der habe lange Zeit im Quartier gelebt und gearbeitet und als Romancier einen fidelen Abenteurer namens Peter Stäubli erschaffen, die meisten Werke seien seines Wissens vergriffen (ein Begriff, den wir Fünftklässler zwar kannten, aber bis dahin nie mit Büchern in Zusammenhang gebracht hatten), doch in der Bibliothek, meinte er, sollten wir bei Interesse fündig werden.

Wenn ich mich richtig entsinne, lieh ich mir «Peter Stäubli in Brasilien» aus und war durchaus angetan davon. Weshalb ich dann eines Tages vor dem grünen Haus an der Heinrich-Federer-Strasse 6 stand, ehrfürchtig des anderen Kellers Ehrentafel bestaunte und schliesslich entschied, ich würde später ebenfalls Schriftsteller werden wollen. Dieser Bubentraum – ein leiser Seufzer sei hier gestattet – ist irgendwo auf dem holprigen Lebensweg verloren gegangen (oder, das ist ehrlicher: an den Wohlstandsansprüchen zerschellt) – und so längst kein Thema mehr.

Das Haus in Wollishofen aus der Ferne.

Ganz lang kein Thema mehr war auch der 1966 verstorbene Walter Alvares Keller. Wahrscheinlich wussten nicht mal mehr spätere Bewohner seines Hauses, dass er in «Der weisse Mantelsaum» seine Jugend im ruralen Wollishofen geschildert hatte. Dass seine Mutter ledig Stäubli hiess. Dass er 1927 nach Brasilien ausgewandert und dort unter anderem als Transporteur gearbeitet hatte. Dass er, wie Literaturblogger Christoph Roos schreibt, von der offiziellen Kritik geflissentlich ignoriert wurde, mit seinen Büchern allerdings Auflagezahlen erreichte, «von denen manch ‹richtiger› Literat nicht einmal zu träumen wagte». Oder, dass er von 1951 bis 1965 für die SP im Zürcher Gemeinderat politisierte, dann aber in seinem sozialkritischen Roman «Anny» aus dem Jahr 1965 parteiinterne Missstände anprangerte – und es sich so prompt mit den Genossen verscherzte.

Ja, und dann wäre der andere Keller vor fünf Jahren ums Haar aus dem Tal der Vergessenen zurückgeholt worden – als es nämlich darum ging, dem 2009 neu gestalteten Platz an der Endhaltestelle Wollishofen einen Namen zu geben, schlug der Quartierverein auch die Variante Walter-Alvares-Keller-Platz vor; die Stadt entschied sich dann pragmatisch für Wollishoferplatz. So bleibt die Hoffnung, dass eines Tages wieder ein junger Mensch ergriffen vor dieser Gedenktafel steht, beschliesst, das Leben der Belletristik zu widmen – und dieser Absicht später eindrückliche Taten folgen lässt.

Die wöchentliche Kolumne «Bauzone» widmet sich den vielen ausgefallenen, spannenden, hässlichen oder irgendwie schrägen Häusern, die überall im Kanton Zürich stehen. Sämtliche über hundert bisher erschienenen Beiträge finden Sie hier: bauzone.tagesanzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.02.2019, 14:42 Uhr

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