Satz statt Bild

1968 besteigt Peter K. Wehrli den Zug nach Beirut. Für eine Fotoreportage. Aber er hat seine Kamera vergessen. Seither hält er Bilder jeweils mit einem einzigen Satz fest. 2061 Mal bisher.

Peter K. Wehrli mit dem aufgeschlagenen «Katalog von Allem», an dem er schon 13 Jahre länger schreibt, als Rodin am berühmten «Höllentor» arbeitete. Foto: Fabienne Andreoli

Peter K. Wehrli mit dem aufgeschlagenen «Katalog von Allem», an dem er schon 13 Jahre länger schreibt, als Rodin am berühmten «Höllentor» arbeitete. Foto: Fabienne Andreoli

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Als das Gespräch, das nun schon seit knapp zwei Stunden eine herrlich grenzenlose Tour d’Horizon ist, langsam in den Sinkflug übergeht – zeitlich, nicht qualitativ –, stelle ich ihm, wohl aus einer übermütigen Laune heraus, jene Frage, die man einem Künstler (und vor allem einem Schriftsteller!) niemals stellt, sie lautet: «Herr Wehrli, haben Sie in all den langen Jahren eigentlich mal über den Sinn der ganzen Sache nachgedacht?»

Statt mir empört die Tür zu weisen, lehnt er sich lächelnd zurück, denkt ein Weilchen nach, nimmt einen Schluck paraguayischen Mate, den er uns zubereitet hat, nickt zufrieden und sagt: «Ein wichtiges Thema der Hippie-Bewegung – und der ‹Katalog von ­Allem› ist ja ein Kind dieser Zeit – war die Sensibilisierung, ein Schärfen der Sinne. Sollte es mir gelungen sein, dank meiner notierten Wahrnehmungen die Wahrnehmung anderer zu sensibilisieren, wäre diese Sinnfrage für mich ­zufriedenstellend beantwortet.»

Ach, wie wohltuend es ist, gerade in der hysterischen Hektik dieser Tage, eine solche an Aberhunderten gelebten und – die Bücher lugen noch aus der kleinsten Nische der Wohnung hervor – gelesenen Abenteuern geschulte, gewitzte Gelassenheit zu spüren. Speziell wenn man weiss, dass dieser Mann, inzwischen 79, einst ein kecker Stürmer und Dränger gewesen war.

Damals, ab Mitte der 60er-Jahre, als sich die Jugend der Welt entfesselt, der prüden Bourgeoisie in den Allerwertesten tritt, das Graue bunt pinselt und sich intellektuell und kulturell, sexuell und spirituell neu zu orientieren beginnt, ist dieser Peter Konrad Wehrli nämlich mittendrin statt nur dabei. Er hockt gern im Odeon, bei den letzten Dadaisten und anderen Revoluzzerkünstlern, gleichwohl verdient sich der Kunstgeschichtsstudi sein Zubrot als freier Journalist bei der bürgerlichen NZZ. Bei der «alten Tante», wo die Artikel in jenen Tagen nur mit Kürzeln gezeichnet werden, erhält er auch das Pseudonym «PKW», mit dem man ihn seither in entlegensten Weltregionen grüsst; ja selbst an der internationalen Medienkonferenz zu den 100-Jahr-Dada-Feierlichkeiten im Februar 2016 wird er von Kulturdirektor Peter Haerle mit diesem Markenzeichen vorgestellt.

Die verhinderte Blamage

Dass Wehrli da zugegen ist, hat natürlich einen Grund: Er nämlich ist es, der 1966 den damaligen Kulturchef daran erinnert, dass Zürich das 50-Jahr-Jubiläum der am 5. Februar 1916 im Cabaret Voltaire entstandenen Kunstbewegung feiern sollte; man hätte es – quelle ­honte! – glatt vergessen. An der schrägen Feier im Odeon hält PKW dann eine fürwahr flamboyante Rede, bei der er auch eine offizielle Festschrift abfackelt, weil sich die Stadt darin mit dem Erscheinen der Dadaisten Arp, Huelsenbeck oder Janco brüstet, wobei diese dann in Tat und Wahrheit überhaupt nicht präsent sind.

Weitaus bedeutsamer, jedenfalls von der zeitlichen Dimension her, ist indes jene Geschichte, um die es hier und heute geht. Sie nimmt ihren Anfang 1968, im beschaulichen Bahnhof Enge. Daselbst besteigt Peter K. Wehrli eines Nachts den berühmten Orientexpress – der fährt damals tatsächlich nicht über den HB –, «um leibhaftig zu erleben, was ich davor nur in der Literatur von Agatha Christie und anderen hatte ­erleben dürfen», wie er sagt. Das angepeilte Ziel ist Beirut, damals noch gerühmt als «Paris des Orients», wobei er entscheidet, die Tickets etappenweise zu lösen, weil das günstiger wird. Zudem, das ist der grosse Plan, kann er dann all die famosen Städte – Wien, Budapest, Sofia, Bukarest, Istanbul – und deren Sehenswürdigkeiten ablichten. Als der Zug eine Stunde fährt, will er die Kamera hervornehmen – und merkt, dass er sie zu Hause hat liegen lassen. «Das isch typisch Wehrli, blöde Cheib», habe er geflucht, sich aber rasch beruhigt. Denn plötzlich hat er eine seltsame Idee, die ihn begeistert: Er will versuchen, all jene Sujets, die er fotografiert hätte, stattdessen mit Worten zu verewigen. Und schon bald notiert er eine solche «Aufnahme», sie bekommt den Titel «das Blättern»:

das suchend unsichere Blättern des Schalterbeamten im Bahnhof Zürich in anscheinend nie benützten Preislisten und Streckenverzeichnissen, weil er nur selten eine solche Fahrkarte ausstellen musste.

Es ist die erste von 134 Nummern (wie er die Sprachbilder fortan zu nennen pflegt), die er auf der sechswöchigen Reise kreiert. Heutzutage, wo man ­binnen einer Stunde locker doppelt so viele Smartphone-Schnappschüsse knipst, scheint das lächerlich wenig. In der analogen Ära habe man zwangsläufig präziser ausgewählt und zurückhaltender abgedrückt, betont Wehrli, «das war eine kostspielige, zeitintensive ­Betätigung, gerade wenn man selbst entwickelt hat».

Schon unterwegs spürt der knapp 30-jährige Weltenbummler ein Verlangen nach Fortsetzung dieser Sache – «und zwar mit System!». Obwohl er bisweilen zerstreut ist, ist er gleichermassen fasziniert von Methoden, Strukturen oder vom Katalogisieren der Dinge. Darum definiert er für seine Nummern bald ein klares Regelwerk und nennt das Projekt «Katalog»: 1. In der finalen Fassung besteht jede Nummer aus genau einem Satz, analog zum einen Klick beim Fotografieren. 2. Die Gegenstände werden nicht be -schrieben, sondern ge -schrieben (was erheblich anspruchsvoller ist, aber auch zu assoziativeren, ­poetischeren Ergebnissen führt). 3. Weil es im typischen Katalog-Jargon keine syntaktischen Prädikate gibt, gibt es auch im Katalog von PKW keine Prädikate. «Wer eins findet, soll mich an den Ohren nehmen, dann ist das nämlich ein Fehler.»

Dass aus dem gewöhnlichen Katalog irgendwann der «Katalog von Allem» wird, fusst, wie meist, auf einem furios berichteten Abenteuer. Dieses trägt sich 1964 zu. Wehrli ist in Florenz, er besucht Elisabeth Mann Borgese, die jüngste Tochter von Katja und Thomas Mann, aber auch die Tante von Frido Mann, der eines Tages seiner Gymnasiumsklasse zugeteilt wird und mit dem er sich so sehr anfreundet, dass er bei den Manns zum geschätzten Habitué wird.

Die Indienreise mit Frau Mann

Als er dann so dasitzt in Florenz, klingelt das Telefon, und Elisabeth Mann erhält vom «Time»-Magazin den Auftrag, in Indien den ersten Ministerpräsidenten Jawaharlal Nehru zu interviewen. Sie sagt zu, besteht aber darauf, die Reise auf dem Landweg mit dem Auto zu machen. Und als sie aufgehängt hat, ruft sie Wehrli zu: «Und du kommst mit!» Er ist derart überrumpelt, dass er zusagt. Diese Reise sei für ihn ein Aufwachen gewesen, sie habe Abenteuerlüste geweckt, die nie mehr versiegt seien. «Als ich irgendwann staunte, das sei ja völlig anders als bei uns, sagte sie, es sei überall immer alles anders?… eine dadaistische Aussage, sie inspirierte mich schliesslich, zu erklären, mein Katalog sei von Allem.» Er lacht.

Als Buch erscheint der erste Katalog 1974, er beinhaltet die «134 wichtigsten Beobachtungen während einer langen Eisenbahnfahrt» – auf Englisch, bei einem Verlag in La Paz! Die Story dahinter ist turbulent, und das ist sie auch bei der Moçambique-Edition und beim ­«Catalogo Latinamericano» (wer sie hören möchte, sollte eine der unnachahmlichen Lesungen besuchen). Und ja, da sind auch deutschsprachige Ausgaben, die ausführlichste – 1697 Nummern aus 40 Jahren – hat der Ammann-Verlag 2008 publiziert; wer sie liest, liest auch eine Art sprunghafte Biografie von PKW.

Die Treue zum Schreibprozedere

Inzwischen hat Wehrli, der 1965 bis 1999 als Kulturredaktor beim Schweizer Fernsehen arbeitete, mit dem Katalog wohl selbst die verwegensten Langzeitprojektkünstler der Welt hinter sich gelassen (Rodin kam mit dem berühmten «Höllentor» grad mal auf 37 Jahre). Gleichwohl sei er verblüfft, wie viele Details auch jetzt noch seine Aufmerksamkeit erobern und so früher oder später zu einer Nummer werden.

Seinem Prozedere ist er bis heute treu geblieben. Am Anfang steht ein Stichwort, das er auf einen Zeitungsrand kritzelt. Daraus entsteht in einem Vademecum eine Rohfassung, diese wird gefeilt, geknetet, geputzt, geschärft. Wenn alles sitzt wie ein Massanzug, kommt das Notat ins grosse Buch (das stets offen daliege, um ihn täglich an seine Pflicht zur Kunst zu gemahnen), und von da, der letzte Schritt, wird die Nummer in den Computer übertragen und der Leserschaft zugänglich gemacht.

Vom letzten Schritt zur letzten Frage. «Wie, Herr Wehrli, bringen Sie den Katalog zu Ende?» Er schmunzelt. «Vielleicht findet sich ja jemand, der ihn nach meinem Ableben weiterschreibt.» Dann nimmt er das grosse Buch und liest die Nummer 2061, es ist die neuste:

der Schwarm von Delfinen, der mit betörender Eleganz – über und unter die Wasserfläche wechselnd – unser Gummiboot auf der Fahrt von der Insel Flores nach der Ilha do Corvo begleitet,

a) und die Fliegenden Fische, die – schwirrend als ginge es um eine Neckerei – die Delfine verfolgten und mir (mit ihrem gegenseitigen Anstacheln) den Grund geben zu sagen, dies sei das schönste, bewegendste Naturerlebnis meines bisherigen Lebens,

b) und dieses schönste Erlebnis, das, solange ich es nicht geschrieben (und nicht etwa be-schrieben!) habe, mein halbschönstes Erlebnis bleiben wird.

Peter K. Wehrli liest aus dem «Katalog von Allem». Fr, 26.10., 20 Uhr, Röslischüür, Röslistr. 9. Katalogvonallem.eu (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2018, 14:31 Uhr

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