Das Relikt

Das Haus mit dem Café Boy in Zürich-Aussersihl hat eine radikale Vergangenheit. Heute soll es hauptsächlich ein guter Ort sein.

Inzwischen gibt es hier Alkohol: Dafür können es sich viele Arbeiter die Preise nicht mehr leisten.

Inzwischen gibt es hier Alkohol: Dafür können es sich viele Arbeiter die Preise nicht mehr leisten. Bild: Urs Jaudas

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Die Genossenschaft Freie Jugend Uster kam 1923 nach Zürich. Sie hoffte auf einen stärkeren Rückhalt in der Arbeiterbewegung, wollte sich besser entfalten und nannte sich fortan Genossenschaft Proletarische Jugend (GPJ). Dies beschreibt der Historiker Luca Stoppa im Buch «Die Geschichte einer linken Genossenschaft zwischen revolutionärer Utopie und reformistischem Pragmatismus».

Auf dem Cover des Jubiläumsbuches steht jedoch viel kürzer: «Oh Boy», in Anlehnung an das legendäre Café Boy, das in Zürich-Aussersihl beim Lochergut zwischen der Sihlfeld- und der Kochstrasse steht. Der charakteristische Schriftzug sieht noch immer gleich aus wie 1934, als das Haus gebaut wurde.

Bekannt geworden ist er, weil das Café Boy jahrelang ein beliebter Treffpunkt von Zürichs Linken war. Zahlreiche, die aus Nachbarländern vor dem Faschismus flüchteten, fanden hier Hilfe. Später, in Zeiten der 68er- und vor allem der 80er-Jahre-Bewegung, war das Haus ein wichtiger Versammlungsort. Verschiedene Gruppierungen wie etwa Revolutionäre Aufbauorganisation Zürich (RAZ), die Werkstatt schreibender Arbeiter oder die kommunistische Frauengruppe Mar Len trafen sich in den Sitzungszimmern, die nach Rosa Luxemburg, Karl Marx und Michail Bakunin benannt sind.

«Der trinkende Arbeiter kämpft nicht!»

Das Haus der Genossenschaft Proletarische Jugend beheimatete nicht nur bekannte Linke wie die Kommunistin Mentona Moser oder Rosa Grimm, eine wichtige Figur der Schweizer Arbeiterbewegung. Man ist offensichtlich stolz auf seine Vergangenheit. Das Restaurant Café Boy wirbt mit der Bedeutung des Hauses als «Hort der aktiven Schweizer Linken», auch wenn längst nichts mehr an einen konspirativen Treffpunkt erinnert. Das Restaurant ist heute eher nobel. Geführt wird es von Stefan Iseli und Jann Hoffmann, die das Lokal 2010 übernommen haben, nachdem sich seit 1990 fünf verschiedene Wirte versucht hatten. Wirklich gut lief es diesen nicht, auch wenn im Boy seit 1987 Alkohol ausgeschenkt werden darf. Zuvor war das Lokal strikt alkoholfrei. Das bestimmte die Proletarische Jugend Zürich so – nach dem Motto: «Der trinkende Arbeiter kämpft nicht!»

Heute können sich viele Arbeiter die Preise im Boy nicht mehr leisten. Gertraud Määttänen, die in den 1960er-Jahren im Café gearbeitet hat und noch heute mit ihrem Mann in dem Haus wohnt, sagt im Jubiläumsbuch: «Wir kochen immer zu Hause, weil das Boy nicht unsere Preisklasse ist.» Inzwischen heisst die Genossenschaft Proletarische Jugend seit 2005 Bonlieu-Genossenschaft.

Man wolle ein guter (bon) Ort (lieu) sein, der Wohnen und Kultur miteinander vereint, wie die Genossenschaft damals unter dem langjährigen Präsidenten Bruno Kammerer erklärte. Der langjährige SP-Gemeinderat hat die Genossenschaft von 1979 bis 2012 geführt. Die Kultur hat auch heute noch eine wichtige Bedeutung im Boy. Die nächste kostenlose Filmvorführung findet am 23. November statt. Dann wird der Film «Die unterbrochene Spur» über Antifaschisten in der Schweiz 1933–1945 von Mathias Knauer gezeigt.

Klare Linien

Doch nicht nur wegen der linken Vergangenheit ragt das Haus zwischen Sihlfeld- und Kochstrasse in Aussersihl heraus. Charakteristisch ist vor allem die Bauweise des Neuen Bauens. «In seiner selbstbewussten Erscheinung kann das Wohnheim Sihlfeld mit zahlreichen Ikonen der Moderne mithalten», schreibt die Kunsthistorikerin Muriel Pérez im Jubiläumsbuch. Das Haus zeichnet sich durch klare Linien aus. Keine geschwungenen Balkongeländer, Erker oder Fensterläden an der Fassade. Entworfen hatte es der weitgehend unbekannte Architekt Franz Stephan Hüttenmoser. Er war damals wohl beauftragt worden, weil er SP-Mitglied war und deshalb über gute Kontakte in den damaligen Vorstand der Genossenschaft verfügte.

Im Innern wurde das Haus 2003 gründlich umgebaut. Ursprünglich war das Haus ausschliesslich mit Einzelzimmerappartements konzipiert worden. Den Mietern wurde der volle Service mit Essen und Wäsche geboten. Heute bietet die Bonlieu-Genossenschaft auch mehrere 2,5-Zimmer-Wohnungen und eine Loftwohnung an. Von aussen aber ist das Haus fast so geblieben, wie es 1934 gebaut worden war.

Die wöchentliche Kolumne «Bauzone» widmet sich den vielen ausgefallenen, spannenden, hässlichen oder irgendwie schrägen Häusern, die überall im Kanton Zürich stehen. Sämtliche über hundert bisher erschienenen Beiträge finden sie hier: bauzone.tagesanzeiger.ch

Erstellt: 30.10.2018, 14:45 Uhr

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