Das taugen Fussball-Heftli

Wo holt man sich das Fachwissen für den qualifizierten Trash-Talk im Hinblick auf die WM 2018 in Russland? Teil 2 unseres Tests.

Vorfreude auf die WM: Wir stellen vier weitere Fussballmagazine vor. Bild: Foot/Sport Bild

Vorfreude auf die WM: Wir stellen vier weitere Fussballmagazine vor. Bild: Foot/Sport Bild

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Die Fachkraft
«Foot»

Zahlen und Fakten

9 Ausgaben pro Saison: Da ist der unkonventionelle Erscheinungsrhythmus von «Foot», das sich selbstbewusst als «Das Fussball-Magazin der Schweiz» anpreist. Im Einzelverkauf ist der Preis 7.50 Franken, dafür bekommt man rund 80 vierfarbige Hochglanzseiten. Die Auflage, saisonal bedingte Ausreisser ausgenommen, liegt im Schnitt bei 18'000 Exemplaren. In der Heftmitte hat es, wie bei «Bravo Sport», ein Poster – auf der einen Seite ist Steven Zuber im Nati-Dress zu sehen, auf der andern Juve-Star Higuain.

Angepeiltes Publikum

Wer «Foot» von vorne bis hinten durchblättert, hat am Ende nicht das Gefühl, er sei nachhaltig irritiert worden. Allerdings glänzen auch die Überraschungseffekte durch Abwesenheit: Da liest man ein (notabene sympathisches) Interview mit YB-Sportchef Spycher, dann ein Porträt von Samuele Campo (FCB), dann eins von Kevin Rüegg (FCZ), dann eins von Jeffren (GC), dann eins von Spielmann (Thun), später gibts nochmals ein Inti mit Neo-FCL-Trainer Seoane. Andere, kreative Formen? Müsste man erst transferieren. Kurz: All das ist grund­solide gemacht, und dementsprechend ist auch das anvisierte Publikum bodenständig, unaufgeregt, ohne Verlangen nach künstlich erzeugter Sensation.

Coolness-Faktor

Wenn ein Fussballcover so daherkommt, dass man es auch für die Titelseite eines Wirtschafts- oder Bauingenieurmagazins halten könnte, kann es mit der Coolness nicht weit her sein. Anders ­gesagt: «Foot» wirkt wie die zuverlässige Fachkraft, die man arbeitsmässig schätzt, die man am Weihnachtsapéro aber mangels Sex-Appeal (oder eben, Coolness) links stehen lässt.

Möglicher Werbeslogan

«Nume nid gsprängt, aber gäng echly hü!» (ausgesprochen von jemanden mit einem klassisch-schönen Bääärndütsch)

Titelchancen

Der klarste Tipp: Unsere Fussballmagazin-WM ist für «Foot» zu Ende, bevor sie richtig begonnen hat.

Der Darling
«Zwölf»

Zahlen und Fakten

Das Magazin «Zwölf» wird sechsmal pro Jahr vom Verein für Fussballkultur mit Sitz in Bern herausgegeben. Am Kiosk berappt man für das knapp 70 Seiten starke Heft 8.50 Franken, die verkaufte Auflage beläuft sich auf 10'900 Stück.

Angepeiltes Publikum

«Fussballgeschichten aus der Schweiz» – das ist das bescheidene, ja zu bescheidene Versprechen der «Zwölf»-Redaktion. Denn der Connaisseur weiss: Was tatsächlich geboten wird, sind die aberwitzigsten, bewegendsten, entlarvendsten, tiefgründigsten und überraschendsten Fussballgeschichten aus der Schweiz (die oft auch darum so gut sind, weil sie die Sprache behandeln, wie Iniesta den Ball behandelt). Gepunktet wird aber nicht nur beim Inhalt, die mit Liebe zum Detail realisierte Gestaltung ist jedes Mal wieder ein Augenschmaus. Was wir also eigentlich sagen möchten: Ähnlich wie beim Wiener «Ballesterer» (siehe «Bellevue» vom Mittwoch) zielt auch dieses Magazin auf schöngeistige (Mit-)Denker und Lenker und weniger auf die Supporter von mentalen Blutgrätschen ab.

Coolness-Faktor

Mit Mämä Sykora, dem Fussballvermittler vor dem Herrn, mit Silvan Lerch, dem Kulturredaktor mit Flair fürs relevant Nischige, mit Sascha Török, dem fürwahr wirksamen Gestalter, oder mit Kultkolumnist Pascal Claude ist die nötige Coolness bei «Zwölf» quasi «sui generis» gegeben. Doch das scheint im Team niemanden gross zu interessieren, lieber spielt man jene Rolle, die man draufhat wie kaum jemand sonst – die des Souffleurs fürs intelligente Fussballgespräch.

Möglicher Werbeslogan

«Zwölf isch elf plus 1, oder 4-5-3 . . . oder Dölf mit Zw, aber ohni D.»

Titelchancen

An jeder EM oder WM gibts ein Team, das man wegen seiner Unbekümmertheit, wegen seiner Charakterköpfe so sehr ins Herz schliesst, dass man ihm den Titel wünscht, auch wenn die Chancen gering sind. Bei den Fussballheftli ist «Zwölf» genau dieser Darling.

Die Boulevardsau
«Sport Bild»

Zahlen und Fakten

«Sport Bild» aus dem Hause Springer in Hamburg erscheint seit dem 24. Februar 1988 jeden Mittwoch und ist mit 302 599 verkauften Exemplaren (Stand: Januar 2018) die auflagenstärkste Sportzeitschrift in Europa. Sport heisst: 85 Prozent Fussball, eine Portion Formel 1, ein wenig Boxen, US-Sport und Saisonales (wie derzeit Eishockey). Am Kiosk kostet die Einzelausgabe 3.80 Franken, das Heft hat einen Umfang von rund 90 Seiten, diese werden ergänzt durch die Website www.sportbild.de, die rund um die Uhr aktualisiert wird.

Angepeiltes Publikum

Für alle, die im Land des aktuellen Weltmeisters (und mit Abstrichen auch in dessen deutschsprachigen Nachbarländern) über Fussball mitreden wollen, ist die «Sport Bild» Pflicht. Alle heisst: Alt und Jung, Frau und Mann. Mitreden heisst: Man kennt – typisch Boulevardsau-Infos halt – die heissesten Gerüchte, die originellsten Zitate, die wichtigsten Behauptungen, die relevantesten (und dazu noch ein paar echt irre) Statistiken – man weiss also zum Beispiel, dass Kevin Volland derzeit die besten Werte aller Stürmer Deutschlands hat und dass die Bayern nicht nur die Bundesliga-, sondern auch die Ballbesitz-, die Fairness- oder die Zweikampfbilanz-Tabelle anführen . . . bei der durchschnittlichen Laufstrecke des Teams aber, da liegen die faulen Säcke tatsächlich am Schluss.

Coolness-Faktor

Wie jedes Yellow-Press-Produkt vereint auch «Sport Bild» in sich diese irgendwie perverse, aber letztlich auf die meisten eben doch cool wirkende Mixtur aus ­beinahe ekelerregender Abscheu und beinahe leidergeiler Anziehung.

Möglicher Werbeslogan

«Au mia san mia!»

Titelchancen

«Sport Bild» in diesem unserem Magazin-Worldcup keine Finalchancen einzuräumen, wäre ähnlich blöd bis fahrlässig, wie wenn Deutschland an der (richtigen) WM in Russland ernsthaft nicht zu den Topfavoriten zählen würde.

Der Superstar
«11 Freunde»

Zahlen und Fakten

«11 Freunde», im Jahr 2000 lanciert, gibt es einmal pro Monat, der Umfang liegt bei rund 120 Seiten, im Einzelverkauf bezahlt man 8.60 Franken. Die Auflage liegt – Stand Januar 2018 – bei 65 586 Exemplaren. Ergänzt wird das Heft durch die Website www.11freunde.de, die, grad was historische und unterhaltsame Stoffe anbelangt, ihresgleichen sucht.

Angepeiltes Publikum

Dass wir dieses Magazin mit dem Prädikat «Superstar» versehen, hat Gründe. Es sind Gründe in Form von gescheiten Analysen (in der aktuellen Nummer ist es die Untersuchung zur Faszination des Fallrückziehers), feinfühligen Nachrufen, eigenwilligen Gadgets (das gefaltete Poster eines Stadions) doppelbödigen Haudraufkolumnen, substanziellen Titelstorys, packenden Porträts undsoweiterundsofort, alle stets adäquat und originell gestaltet. Anders gesagt: In diesem einzigartigen Heft findet wohl jeder Fussballfreak ein Stück Heimat.

Coolness-Faktor

Wenn es ein Magazin fertigbringt, dass eine beachtliche Anzahl Menschen im deutschen Sprachraum an Champions-League-Abenden ein Spiel nicht mehr vor dem TV, sondern beim Lesen seines gnadenlos dadaistischen Livetickers mitverfolgt (hier ein Post des «11 Freunde»-Tickers vom Mittwoch anlässlich Roma - Liverpool: «Liste aller Vornamen, die für einen Fussballtrainer noch geiler sind als der von Eusebio di Francesco: Pele, Maradona, Jürgen»), ist klar wie Bergquellwasser, dass man sich um solch profanes Zeugs wie die Coolness nicht wirklich Sorgen machen muss.

Möglicher Werbeslogan

«11 Freunde – what else?»

Titelchancen

Eigentlich besteht kein Zweifel, dass der Champion unseres Fussballmagazin-Turniers «11 Freunde» heissen muss; die in diesem Heft versammelte Klasse ist schlicht beispiellos. Und doch weiss man – in grossen Finals sind Faktoren wie Tagesform oder Wettkampfglück ebenso wichtig wie die Qualität.

Erstellt: 03.05.2018, 19:54 Uhr

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