Zürichs Auftritt ist ein unseliges Durcheinander

Verklebte Werbetrams, Tulpenbäume und neue Abfallkübel mit Pizzaschachtel-Ablagen überall. Dabei sollte die Stadt doch offen, karg und farblos sein.

War ursprünglich mal als offener Platz geplant – nun schränken zahlreiche Stühle die Bewegung ein: Der Sechseläuteplatz. Foto: Keystone

War ursprünglich mal als offener Platz geplant – nun schränken zahlreiche Stühle die Bewegung ein: Der Sechseläuteplatz. Foto: Keystone

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Der Name Belibo komme von «beliebig», sagen die, welche den Stadtbaumeister durchschaut haben. Er selbst behauptet, aus einer alten Tessiner Dynastie zu stammen – nur steht der Name in keinem Adressverzeichnis.

Dafür finden sich Belibos Taten in Zürich an jeder Ecke. Zum Beispiel auf der unteren Bahnhofstrasse. Dort sieht man ein Baugespann für einen Werbebildschirm. 10 digitale Werbeanlagen gibt es schon auf den Trottoirs der Stadt, in zwei Jahren werden es 30 sein.

Das ist aus zwei Gründen bemerkenswert: Erstens brauchen digitale Werbeträger mehr Energie als herkömmliche Plakate und widersprechen allen Bemühungen des rot-grünen Zürich für die angestrebte 2000-Watt-Gesellschaft. Zweitens widersprechen neue Plakatsäulen dem Leitbild des Stadtrats für die Gestaltung des öffentlichen Raums: Zürich soll offen, karg und farblos sein – Eleganz in Anthrazit.

«Ein bisschen Inkonsequenz gehört zum Leben.»

Mehr Stromverbrauch trotz Sparauftrag, Trottoirs verstellen trotz Anweisung zum Entrümpeln? «Das ist kein Widerspruch», antwortet der Stadtbaumeister ungefragt, «das ist Dynamik. Neue Technologien verlangen flexibles Handeln. Die 4,5 Millionen Franken Einnahmen pro Jahr sind auch nicht zu verachten.»

Und was ist mit der Tramhaltestelle Börsenstrasse, die jetzt neu Kantonalbank heisst? Welche Technologie hat das nötig gemacht? Belibo lächelt: «Gute Frage. Ich habe da ein wenig nachgeholfen. Ein bisschen Inkonsequenz gehört zum Leben.»

Aber immer verschwindet Belibo

Eigentlich ist die Praxis der Zürcher Verkehrsbetriebe: Namen müssen zwecks Orientierung Bestand haben. Darum heisst die Haltestelle Rentenanstalt immer noch Rentenanstalt, obwohl sich die Firma längst Swiss Life nennt. Ausnahmen machten die VBZ bisher nur bei neuen Publikumsmagneten: Toni-Areal statt Duttweilerbrücke, Sihlcity-Nord statt Utobrücke. Aber ist die ZKB ein Publikumsrenner? Dann müsste der Paradeplatz ja Sprüngliplatz heissen.

Die ZKB ist mit Sonderbehandlung schon früher aufgefallen. Nach der Renovation 2015 durfte sie ihr tonnenschweres Panzernashorn – ein Kunstwerk aus Eisen – vom Eingang aufs Trottoir zügeln, obwohl es doch erklärtes Ziel des Tiefbauamtes war, die neu gestaltete Bahnhofstrasse schlank und leicht aussehen zu lassen.

Ist dieser Verstoss gegen den Grundsatz der Kargheit auch das Werk von Stadtbaumeister Belibo? Wir wollten ihn fragen, aber immer verschwindet er in den Kellergewölben der alten Amtshäuser.

So erging es auch Elmar Ledergerber, als er 1998 als frisch gewählter Stadtrat das Hochbaudepartement übernahm. Dort rannte ihm der Hauseigentümerverband die Tür ein und beschwerte sich über willkürliche Auflagen. Die beschuldigten Mitarbeiter indes bestritten jegliche Willkür und verwiesen auf die Anweisungen des Stadtbaumeisters. Ledergerber setzte eine Taskforce ein mit dem Auftrag: Findet Belibo! Doch fand die Einsatztruppe in den Büros höherer Kader ein Dutzend verschwunden geglaubter Gemälde aus der städtischen Kunstsammlung. Dass ihn die Taskforce nicht verhören konnte, beflügelte den fluiden Stadtbaumeister. Eine Auswahl seiner Werke der Inkonsequenz:

  • All die Stühle, Sonnenschirme, Pflanzentöpfe auf Plätzen und Strassen, die eigentlich als offener Raum gedacht waren (Sechseläutenplatz, Münsterhof, Rennweg).
  • Die Tulpenbäume und Roteichen, die auf dem Sechseläutenplatz gepflanzt wurden, obwohl sie das Stadtklima nicht ertragen.
  • Der neue Abfallkübel mit dem grossen Loch und dem waagrechten Deckel, obwohl bis vor kurzem der Abfallhai gerühmt wurde für seinen kleinen Schlund (gegen Abfallsäcke) und für den schrägen Deckel (keine Ablagefläche für Büchsen und Pizzakartons).
  • Die Verlängerung des Trolleybus 31 bis hinauf nach Witikon, obwohl die VBZ wissen, dass überlange Linien Verspätungen bedeuten.
  • Die verklebten Werbetrams, obwohl der Stadtrat stets beteuert hat, Vollwerbung komme nicht infrage, weil die blau-weissen Trams die Visitenkarte der Stadt seien.

Die Liste zeigt anschaulich, wie volatil die Vorsätze der Zürcher Stadtverwaltung sind, und wie sich Belibo in alter Stadtbaumeister-Tradition in alles einmischt. Fragt man die Beteiligten, wie es zu diesen Entscheidungen gekommen ist, gleichen sich die Antworten: Der Stadtbaumeister tauchte eines Tages ganz selbstverständlich in der Arbeitsgruppe auf und argumentierte fachmännisch und eloquent. Alle Befragten waren von Belibos natürlicher Autorität beeindruckt, verstärkt durch seine Titel: dipl. Arch. ETH/SIA/HMO/HSV/ADHS. Sein Lieblingsspruch sei gewesen: «Just do it.» Da die Arbeitsgruppen aus Mitarbeitern verschiedener Ämter bestanden, nahmen alle an, Belibo sei von einem anderen Departement delegiert worden.

Der Stadtrat schweigt – Amtsgeheimnis

Verantwortlich für die Arbeit der Verwaltung ist letztlich der Stadtrat. Gern hätten wir gewusst, in welchem Verhältnis er zum Stadtbaumeister steht. Hat Belibo ein Mandat? Wird er vom Stadtrat um Rat gefragt oder selber aktiv? Und: Was verdient ein Experte, der auf keiner Lohnliste steht? Doch der Stadtrat schweigt – Amtsgeheimnis. So müssen wir halt eigene Schlüsse ziehen.

Für jede Legislatur setzt die Stadtregierung Schwerpunkte fest und veröffentlicht diese mit viel Pathos. Aktuell: Stadtverwaltung digitalisieren, Tagesschule entwickeln, mehr Sicherheit auf dem Velo. Aber noch nie gab es den Schwerpunkt «konsequent handeln» oder «Prinzipien befolgen». Voilà: Der Stadtbaumeister steckt dahinter.

Ein üblerer Bruch mit Stil und Eleganz ist kaum vorstellbar.

Ist doch nicht so schlimm, wenden die Frohnaturen ein. Lieber ein paar Sonnenschirme mehr auf dem Sechseläutenplatz, als dort verschmoren. Auch ihnen wird die Gleichgültigkeit vergehen, wenn sie in einem Jahr das neue Tram sehen. In der ganzen Welt sind die Trams immer runder und aerodynamischer geworden.

Doch wie sieht Zürichs Neues aus? Wie das Wartehäuschen am Paradeplatz aus dem Jahr 1928. Ein üblerer Bruch mit Stil und Eleganz ist kaum vorstellbar. Was wir uns aber gut vorstellen können: Wie Belibo über seinen bisher unverschämtesten Coup die Hände reibt.

Erstellt: 09.01.2019, 09:18 Uhr

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