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Die kleinen Zürich-Missverständnisse

Flüsse, Kamele und ein Fussballstadion: Was die diese Stadt und ihre Bewohner so alles an Verwirrung produzieren.

In Zürich gibt es einige Dinge mit Verwechslungsgefahr. Video: Mario von Ow

Für uns Zürcher ist irgendwie alles logisch hier. Für die Abfallsäcke zahlt man horrende Summen, am Sechseläuten verbrennt man einen überdimensionierten Schneemann, und wenn vom Knabenschiessen die Rede ist, dann wissen wir, dass dabei keine jungen Menschen zu Schaden kommen. Aber seien wir ehrlich: Auch wir sind schon dem einen oder anderen Zürcher Irrtum aufgesessen. Wie ist das erst für Neuzuzüger und Besucher? Hier eine kleine, logischerweise unvollständige Sammlung von Missverständnissen.

  • Die Stadt heisst Zürich, ihre Bewohner jedoch Zürcher, nicht Züricher.
  • Die Einzigartigkeit von Zürich. Allein in den USA gibt es sechs verschiedene Ortschaften gleichen Namens, einen ­Asteroiden, einen Ort in den Niederlanden und eine gar nicht mal so kleine ­Versicherungsgesellschaft.
  • Auf die Sihl zeigen und die Limmat meinen. Zürich, die Zweistromstadt.
  • Es ist zwar ein paar Jahre her, aber immer noch wahr: 2002 rückte ein angehender Zürcher Soldat statt in Freiburg, Kanton Freiburg, im deutschen Freiburg im Breisgau in die Rekrutenschule ein. Viel anzufangen wusste man dort allerdings nicht mit ihm. Er schaffte es schliesslich mit einem Tag Verspätung doch noch in die Romandie – pünktlich zur ersten Zugschul-Lektion.
  • Stellvertretend für die Missverständnisse sprachlicher Art, die sich auf Zürichs Strassen tagtäglich abspielen, hier die Geschichte einer Zürcher Abendgesellschaft: Das gemischtgeschlechtliche Trio stieg – schon recht angeheitert – am Bellevue in ein Taxi. «Ab ins Trüebli!», befahl es dem Fahrer. Doch statt zur Trüebli-Bar an der Ecke Zeughausstrasse/Kanonengasse fuhr sie der Chauffeur ans Triemli. Die Sache endete in einem wüsten Handgemenge.
  • Auch sehr verfänglich: Orte und Lokalitäten mit dem gleichen Namen. Wahrscheinlich ist jedem klar, dass «Wir treffen uns im McDonald’s» oder «Komm in den Starbucks» eine viel zu ungenaue Angabe ist – beide Ketten betreiben mehr als ein halbes Dutzend Filialen in der Stadt. Bei Restaurants wie Restaurant Weisses Kreuz (gleich zweimal in der Region Bellevue) oder dem Botanischen Garten (alt und neu) wird es schon schwieriger.
  • In die gleiche Kategorie fallen Orte mit ähnlichem Namen wie Dietikon und Dietlikon. In einer dieser Ortschaften befindet sich eine Filiale eines grossen schwedischen Möbelhauses, nur wo schon wieder?
  • Fast schon ein Dauerbrenner: Man will ins Schauspielhaus und reist statt zum Schiffbau an den Pfauen (oder umgekehrt).
  • Monatelang rätselten zwei Neuzuzügerinnen, eine Spanierin und eine Brasilianerin, über einen Ausspruch, den sie in ihrer neuen Heimat ständig hörten. Trotz täglichem Training konnten sie nicht verstehen, wovon die Zürcherinnen und Zürcher da in fast jeder Konversation sprachen. Da dieses Wort so oft benutzt wurde, werweissten sie: Vielleicht war jeweils von unzumutbaren Verhältnissen die Rede? Es klinge so nach Chaos, meinte die eine. «Vielleicht ein sehr populäres Schimpfwort?», meinte die andere. Schliesslich notierten sie das Wort, um sich in ihrem Umfeld schlauzumachen. Auf dem Zettel stand: «Kayonic». Was das wohl zu bedeuten habe? Auf Deutsch gesagt: keine Ahnung.
  • Viele halten Leimbach für einen ­Mythos oder Schwamendingen für unbewohnbar. Vielleicht ist dies eines der grössten in Zürich vorherrschenden Missverständnisse: dass die Aussenquartiere keinen Charme haben. Völlig zu Unrecht, wie eine Anekdote zu Witikon zeigt: Die Zürcher Musikproduzenten Valentino Tomasi und Domenico Ferrari haben ihre dortigen topmodernen Räumlichkeiten Florida Studios genannt. Das Quartier habe ein ähnliches Flair wie der als Urlaubsziel hochbeliebte amerikanische Sunshine State.
  • Unser einziges Stadion mit Namen Letzigrund darf in dieser Liste leider nicht fehlen. Das ist kein Stadion, sondern ein Missverständnis. Ein Windspiel mit fraglicher Statik.
  • Ein zum 500-Jahr-Jubiläum der Reformation passendes Missverständnis: Zwingli sei lustfeindlich gewesen. Stimmt gar nicht, sagen seine Biografen. So Franz Rueb: «Seine Briefe etwa sind sehr schön, unglaublich lang, ­intensiv, sie nehmen Argumente anderer Leute auf, diskutieren sie. Ein ­verhärteter Mensch schreibt keine solchen Briefe», sagte er im «Tages-Anzeiger». Ausserdem sei Zwingli ein sehr familiärer Mensch und sehr musikalisch gewesen.
  • Die Play Bar an der Badenerstrasse, das Rothaus oder das Longstreet an der Langstrasse: Lokalitäten, die, anders als man von aussen meinen könnte, wenig Schlüpfriges bieten.
  • In und um Zürich herum gibt es etliche Verkehrsschilder, die den Weg nach Koblenz weisen. Bei vielen deutschen Mitbürgern kommt dabei ein heimeliges Gefühl auf. Dabei handelt es sich nicht um die Stadt in Rheinland-Pfalz an der Mündung der Mosel in den Rhein, sondern um die Gemeinde im Bezirk Zurzach an der Mündung der Aare in den Hochrhein.
  • Sehr missverständlich: die Zürcher Verkehrsführung, etwa am Escher-Wyss-Platz und an der Langstrasse.
  • «Werden die Kamele auch an der Street-Parade mitlaufen? Und sag: Wieso ist das Kamel eigentlich das Wappentier dieser Stadt?», wurde der Autor dieser Zeilen kürzlich von einem zugezogenen Chinesen gefragt. Hä? Die Limmatstadt eine Beduinenhochburg? Little Big Camelcity? Wie kann man denn auf diese Idee kommen? Die verdutzte Rückfrage beantwortete der Herr aus Hongkong folgendermassen: Er habe bis jetzt bei jeder grösseren Veranstaltung in dieser Stadt Kamele angetroffen – am Züri-Fäscht, am Polyball der ETH und zuletzt am Sechseläuten. Daraus habe er geschlossen, dass es sich dabei um ein Tier mit hohem Symbolcharakter handeln müsse. Wikipedia gibt darüber Auskunft, warum die Zunft zum Kämbel derart in die Höckertiere vernarrt ist: «Der Ursprung des Wappentiers ist auf das Kürschnerhaus zum Kämeltier am Münsterhof zurückzuführen. Kämeltier wurde im Spätmittelalter die Angoraziege genannt, deren weiches Fell die Kürschner zu feinen Pelzen verarbeiteten und nach dem sie ihr Zunfthaus benannten.» Trotzdem müssen wir uns fragen: Hat Zürich eine Paarhuf-Obsession? Was ist mit der Löwen-Lobby? Oder hat die Zunft zum Kämbel schlicht eine gute PR-Abteilung? Kleine Randbemerkung zum Schluss, damit keine weiteren Missverständnisse auftauchen: Die Kamele, die regelmässig durch Zürichs Strassen im Passgang gehen, sind meistens die ­gleichen. Sie stammen vom Kamelhof Olmerswil in Neukirch an der Thur in der Gemeinde Kradolf-Schönenberg und hören auf die Namen Rashid, Sambal, Farouk, Gambai und Hemangi.

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