Das wöchentliche Gipfelitreffen

Jeden Freitagmorgen treffen sich 40 Unternehmer im Kongresshaus zum Frühstück. Das Essen ist dabei Nebensache.

Möchten Sie einen Feng-Shui-Garten? BNI-Mitglieder kennen da bestimmt jemanden. Foto: Everett Kennedy Bron (Keystone, EPA)

Möchten Sie einen Feng-Shui-Garten? BNI-Mitglieder kennen da bestimmt jemanden. Foto: Everett Kennedy Bron (Keystone, EPA)

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Der Erfolg verlangt nach einer straffen Struktur. Zu diesem Schluss gelangt, wer am Freitagmorgen um 7 Uhr als Gast zum Frühstück ins Kongresshaus geladen wird. Frühstücken ist hier kein Genuss. Das hat nichts mit dem Buffet an und für sich zu tun. Sondern mit der Veranstaltung, an deren Rand das Buffet aufgebaut ist. Es hat mit dem Faktor Zeit zu tun. Er fehlt. Frühstücken ist am Freitagmorgen zwar ein fixer Programmpunkt, aber bloss ein nebensächlicher. Sonst stünde das B in BNI für Breakfast – es steht aber für Geld, Umsatz, Geschäft. B wie Business: Business Network International, grösstes Netzwerk dieser Art der Welt.

Immer freitags, 7 Uhr, trifft sich das Chapter «Züri am See» im Kongresshaus. Schreiner, Buchhalter, Finanz- und Ernährungsberater, vorwiegend KMUler, halten sich hier gegenseitig Aufträge zu, Empfehlungsmarketing nennt sich das. «Züri am See» ist die erfolgreichste BNI-Untergruppe im Kanton: 5,5 Millionen Franken Umsatz aus etwas mehr als 1100 Empfehlungen waren es 2014. In diesem Jahr soll es mehr sein, logisch, man orientiert sich nach oben.

Rasantes Wachstum

Oben ist Luzern, Headquarter von BNI Schweiz, inzwischen mitgeführt von der zweiten Generation der Familie Hermetschweiler. Das Modell stammt aus den USA, gegründet hat BNI der Unternehmensberater und Bestsellerautor Ivan Misner (laut CNN der «Father of Modern Networking»). Peter Hermetschweiler war in England als Gast eines Unternehmers auf Business Network International gestossen und importierte die Idee vor zehn Jahren als Franchisenehmer in die Schweiz. Tochter Danja (33) steht heute mit ihm an der Spitze der Organisation, einer GmbH mit 9 festen Angestellten und 40 auf Mandatsbasis. Sie sind die Motoren einer Organisation, die in der Schweiz rasant wächst. Heute zählt BNI knapp 1300 Mitglieder in 53 Chaptern, sie generierten im vergangenen Jahr einen Umsatz von 115 Millionen Franken. Mehr als 35'000 Empfehlungen waren dafür nötig. Ziel für 2020: Chapter- und Mitgliederzahl fast verdoppeln. Im Kanton Zürich sind elf Chapter aktiv und ebenso viele in Planung, in der Stadt deren vier.

Danja Hermetschweiler, also Danja – bei BNI ist man per se per Du –, ist Nationaldirektorin und in Zürich an diesem Freitagmorgen nicht bloss ein gern gesehener Gast, sondern so etwas wie eine Heldin. Blond, elegant im Auftritt, umschwärmt von den vornehmlich männlichen Mitgliedern der Abteilung «Züri am See». Transportunternehmer, Gartenbauer, Karosserie­spengler, Schreiner, Psychologe, PR-Berater, Getränkeimporteur. Am Frühstücksbuffet hält sie sich zurück, Orangensaft, Birchermüesli, die Werbung für BNI lässt sie ebenfalls andere machen.

Zum Beispiel Björn Frischknecht, Direktor des Chapters «Züri am See», Herr über eine Serviceglocke und Geschäftsführer eines Informatikunternehmens. Telefonie über das Internet ist sein Kernthema, gewisse Mitglieder würden ausserhalb von BNI kaum mehr akquirieren, sagt Frischknecht. 1450 Franken kostet die Mitgliedschaft im Jahr, Mehrwertsteuer und die wöchentlichen Frühstücke exklusive, dafür gilt in jedem Chapter Branchenexklusivität. Und «wenn man sich nicht allzu ungeschickt anstellt: eine Menge Aufträge». Empfehlungsmarketing lautet das Zauberwort. Jeder kennt einen, der eine Küche bauen, der einen Garten nach den Regeln von Feng-Shui umgestalten oder den Nachwuchs über Lernfaulheit hinweg coachen kann. Und vor allem: für den er die Hand ins Feuer legen kann. Auf der Seite der Auftraggeber macht das ebenfalls Sinn. Derjenige, der empfiehlt, hängt mit drin.

Glocke, bitte!

Die Serviceglocke. Sie sorgt für Ruhe im Saal. Später signalisiert Frischknecht damit jeden Ausbruch aus der straffen Struktur. Wer bei BNI mittun will, tut gut daran, auf den Punkt zu kommen. 60 Sekunden stehen jedem Mitglied bei jedem Treffen zur Verfügung, um sich und seine Firma vorzustellen, sein Angebot zu formulieren, seine Kernkompetenzen herauszustreichen. Das Ritual soll den Unternehmern helfen, sich über ihre Positionierung im Klaren zu werden. Eine Präsentation nach der anderen, manche spontan, andere auswendig gelernt oder abgelesen. Das ist grosse Unterhaltung. Und weil man sich dessen bei BNI bewusst ist, erhält die beste Kurzpräsentation am Ende der Sitzung einen «Oscar». Gewinnen wird ihn heute eine Frau, die sich mit einer Taschenlampe vergleicht.

Als Erster verliert der Gipser den Faden – als er ihn wieder findet, schellt die Serviceglocke. Nächster. Maler, Elektriker, Wirt, Bekleidungs- und dann IT-Fachmann. Der Spediteur verkauft sich in Reimform. Danach spielt er mit dem Nachbarn zu seiner Rechten ein fiktives Kundengespräch nach. 60 Sekunden können lange sein. Serviceglocke, bitte! So geht das weiter. Reinigungsunternehmer, visuelle Kommunikatorin, psychologischer Berater, Fotograf, Versicherungsfachmann. Rechtsanwältin. «Ich bin eure Taschenlampe», bietet die Juristin sich an. Sie wolle erst Licht in die Schubladen der anwesenden Gewerbler und dann in die darin verstauten Vertragswerke bringen.

Jede Woche wird abgerechnet

Am Ende der u-förmigen Tischreihe sitze ich. Wie allen anderen stehen auch mir 60 Sekunden zu, um mein Geschäftsmodell zu erklären, auf meine Stärken und meine Einzigartigkeit hinzuweisen. Was ich gesagt habe, ist zum Glück schnell vergessen: Nach mir spricht Danja Hermetschweiler. Zentralschweizer Dialekt, laute Stimme, gewinnender Auftritt. Sie weist stolz auf den Erfolg von BNI hin, «euer Erfolg!», ruft sie in den Saal. Andere vor ihr haben ­Lacher geerntet, Danja erhält für ihren Speak Applaus.

Dann wird abgerechnet – genau, B für Business. Jede Empfehlung, jeder generierte Auftrag, jeder Franken Umsatz wird notiert. Allein an diesem Morgen sind es mehr als 30 Empfehlungen, der verdankte Umsatz beläuft sich auf 144'000 Franken. Das geschieht nicht im Stillen, sondern vor der ganzen Runde. Die Botschaft: Das bringt etwas. Oder ­gemäss dem Slogan der Organisation: «Wer gibt, gewinnt!» Gleichzeitig macht ein Karteikästchen mit Visitenkarten die Runde. Damit man beim Empfehlen nicht mit leeren Händen dasteht.

Mit etwas Verspätung gehen die Mitglieder des Chapters «Züri am See» kurz vor 9 Uhr zur Arbeit; 8.30 Uhr wäre das Ziel. Das ist die Idee von BNI: vor der ­Arbeit das Netzwerken, «deshalb der frühe Beginn, die straffe Organisation», sagt Björn Frischknecht, der Mann mit der Serviceglocke. Die Verabschiedung fällt freundschaftlich aus. Fast alle wollen noch schnell einige Worte mit Danja Hermetschweiler wechseln. Sie schaut manchmal drein, als wünsche sie sich Frischknechts Serviceglocke vor sich auf dem Stehtisch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.10.2015, 09:34 Uhr

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