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Das Wohnmobil aus Stein

Die Villa Windegg stand einst am Paradeplatz. Aber dann liess die Besitzerin sie quer durch die Stadt verfrachten – aus Gründen, die erstaunen.

Villa Windegg: Einst Ort von Festen mit Künstlern und Filmstars. Foto: Doris Fanconi
Villa Windegg: Einst Ort von Festen mit Künstlern und Filmstars. Foto: Doris Fanconi

Man könnte an der Bellerivestrasse 10 über den Zaun schielen, weil man sich für Promis interessiert. In dieser Villa direkt an Zürichs Seepromenade hat unter anderem Oskar Ronner eine Adresse, Industrieller und einst grösster Privataktionär von Nobel Biocare. Andererseits: Diese Firma macht Zahnimplantate, das ist vom Glamourfaktor her nicht ganz ­Tina-Turner-Niveau.

Man könnte auch auf die Idee kommen, die Villa sei architektonisch aufregend. Es ist ja ganz schmuck, dieses Zitat früherer Epochen, wie das 1867 Mode war. Und dann dieses Türmchen, das laut «Hier! Hier!» ruft. Andererseits: Architekt Ferdinand Stadler mag in Zürich ein Pionier seines Fachs gewesen sein, aber als Vertreter des Historismus war er mehr Imitator als Innovator. Auch wenn die Villa Windegg für Stadlers Verhältnisse ein gewagtes Werk war mit ihrem unorthodoxen Grundriss und dem damals modernen Mansardendach.

Stein für Stein abtransportiert

Nein, was dieses Haus aufregend macht, ist etwas anderes. Eine hinreissende Verrücktheit, die ganz und gar unzürcherisch scheint. Erinnern Sie sich noch, was die Schweiz vor ein paar Jahren für ein Tamtam daraus gemacht hat, als das ehemalige Direktionsgebäude der Maschinenfabrik Oerlikon verschoben wurde? Es ging damals um gerade mal sechzig Meter. Nun, die Villa Windegg wurde im Jahr 1910 um mehr als einen Kilometer verpflanzt. Vom Paradeplatz ans Seeufer. Und das nicht etwa, um ein bedrohtes Baudenkmal vor der Zerstörung zu retten: Das Haus war damals gerade mal 40 Jahre alt. Sondern quasi aus einer Laune heraus, weil die Hausherrin keine Lust mehr hatte, am Paradeplatz zu wohnen. Die damals 58-jährige Mina Schwarzenbach liebte zwar die Bahnhofstrasse, aber sie hatte genug vom Lärm der elektrischen Trams – so die Familienlegende.

Die Schwarzenbachs waren damals so etwas wie die Rockefellers von Zürich. Minas Ehemann Robert hatte aus der väter­lichen Seidenfabrik in Thalwil den weltweit bedeutendsten Betrieb der Branche gemacht: Einen globalen Konzern oder ein «Welthaus», wie das damals hiess, mit 13'000 Angestellten und Fabriken in Europa und den USA.

Schwarzenbach war aber keiner jener Manager heutiger Prägung, die von früh bis spät im Büro sitzen und der ganzen Welt erzählen, dass sie nicht mehr als drei Stunden Schlaf brauchen. Sein Grundsatz war: «Tags Arbeit, abends Gäste.» In der Villa am Paradeplatz gab es am Samstagnachmittag Musik. Schwarzenbach und seine Frau empfingen dort gerne Künstler, darunter Hochkaräter wie den Komponisten Johannes Brahms. Die Villa war ein Fixpunkt im Zürcher Gesellschaftsleben.

Man kann sich vorstellen, dass es dort leiser wurde, als Robert Schwarzenbach 1904 starb. Dass man die Trams plötzlich besser hörte. Auf jeden Fall traf Mina Schwarzenbach wenige Jahre danach den Entscheid, aus ihrem Haus ein Wohnmobil zu machen. Stein für Stein, Balken für Balken wurde nummeriert, abgetragen und am neuen Ort wieder aufgebaut. Der seriösen NZZ war dieses verrückte Unterfangen damals kaum eine Zeile wert, aber dank dem Zünfter und Hobbyhistoriker Ulrich Mahler wissen wir, dass das damals für die Stadt eine ziemliche Sensation war.

Nach dem Tod der Witwe Schwarzenbach im Jahr 1942 wurde die Villa verkauft. Sie blieb aber im Gespräch, denn es zog der Kino-Baron Willy Wachtl ein, der dort filmreife Empfänge gehalten haben soll und Stars wie Rita Hayworth nach Zürich brachte. Bis heute lockt die Villa grosse Namen an: Schokoladen­könig Ernst Tanner (Lindt & Sprüngli) kaufte sie vor zwei Jahren für seinen Sohn – laut «Bilanz», damit dieser einen anständigen Arbeitsort hat, wenn er sich dereinst selbstständig macht. Und sollte es Tanner Junior in Zürich zu eng werden, kann er die Villa ja mitnehmen.

GPS: 47.360373, 8.548058

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