Davon könnte Zürich etwas lernen

Der Stadt Zürich fehlt es an nichts? Falsch. Wir haben eine Wunschliste mit Dingen erstellt, die wir gern aus anderen Städten importieren würden.

Das Blitzschach gehört zu den New Yorker Spezialitäten – in Zürich ist diese Spielform leider noch nicht verbreitet. Foto: Richard Green (Alamy)

Das Blitzschach gehört zu den New Yorker Spezialitäten – in Zürich ist diese Spielform leider noch nicht verbreitet. Foto: Richard Green (Alamy)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie verreisen demnächst? Wie wunderbar. Sie werden in fremde Welten eintauchen, den Puls anderer Städte fühlen und sich an köstlich anders schmeckenden Speisen laben. Genau deswegen werden Sie sich auch vorzüglich erholen. Sie werden sich an Attraktionen erfreuen, welche die Feriendestination so verführerisch machen und derentwegen Sie auch an besagten Ort gereist sind. Bestimmt haben Sie sich in der Ferne auch schon gefragt, warum Zürich den einen oder anderen dieser Vorzüge nicht hat. Kleinigkeiten, versteht sich, keine Happenings wie eine zweite Street-Parade oder so. Zürich hat ja schon wahnsinnig viel, und ja, Zürich muss nicht alles haben. So sind Fla­mencodarbietungen in einem andalusischen Keller gefühlt immer besser als hier, weil es dort einfach hinpasst.

Trotzdem finden wir, dass es einige Attraktionen gibt, die sich in Zürich gut machen würden und mit wenig Aufwand umsetzbar wären. Eine Auswahl.

Karaoke im FreienBerlin

Was macht mehr Spass, als am Sonntagnachmittag etwas für die ganze Familie zu tun? Und was eignet sich dazu besser als singen, Karaoke singen? Und zwar draussen. Genau das gibt es in Berlin jeden Sonntagnachmittag im Mauerpark. Joe Hatchibans Idee hat den Nerv der Zeit getroffen, vielleicht auch, weil sie so einfach ist: Laptop, Mikrofon, zwei Verstärker und Batterie genügen. Hatchiban lud die Ausrüstung 2009 auf sein Lastenrad und machte an verschiedenen Orten in der Stadt halt. Im Amphitheater des Mauerparks, wo sich die Leute sonntags nach dem Flohmarkt­besuch tummeln, fand er die meisten freiwilligen Sänger, und so blieb er dort. Bis zu 1500 Menschen sitzen jeweils auf den ansteigenden Stufen und applaudieren den Sängern unten im «Ring». Genau diese Sonntagnachmittagsattraktion würde herrlich zu Zürich passen. Warum nicht damit den unternutzten Pavillon im Platzspitz-Park beleben? Da würden einem die Zuschauer zudem nicht von oben herab, sondern von unten herauf zujubeln. Und falls es doch abfallend sein soll, dann vielleicht auf der Kollerwiese in Wiedikon. Die Leute sitzen am Hang, unten auf der Wiese wird performt. Wer wagts? Ev Manz

Gruften und GräberGenua

Gewiss, Zürich hat wunderschöne Friedhöfe. Doch sind sie nichts im Vergleich zum Staglieno in Genua. Die grandiose Totenstadt aus Arkaden, Kolonnaden, mehrstöckigen Urnennischen und Familiengruften in der Grösse von Einfamilienhäusern erstreckt sich über eine Fläche von 100 Hektaren. Sogar eine eigene Buslinie hat der verwinkelte Gottes­acker. Die Kunstfertigkeit der Steinmetze, die den Carrara-Marmor zu filigransten Grabskulpturen formen, ist atemberaubend. Nichts lässt einen so wohlig erschaudern wie der Besuch besonders finsterer Gruften im Untergrund. Zwar müssten die Familiengärten am Susenberg für die Nekropolis weichen. Doch man stelle sich den herrlichen Genuss vor, die Staglieno-Grandezza an den Zürichberg zu versetzen und zwischen weinenden Engeln aus Marmor und Efeu-umrankten Pilastern auf den funkelnden See und die Alpen am Horizont zu blicken. Eine unschlagbare Kombination. Tina Fassbind

Eine Blitzpartie SchachNew York

New York, Union Square, raus aus der U-Bahn, da sind sie. Verlotterte, unrasierte Männer aller Hautfarben und Länder in Wohlfahrtsklamotten. Jeder hat vor sich einen Klapptisch, darauf das Brett, die Figuren sauber aufgereiht, die Uhr bereit. Für schnelle Schachspieler ist dies das Paradies: Leute, die stets ready sind für eine Blitzpartie. Man wählt sich einen Gegner und denkt: Das muss zu machen sein, der Typ sieht aus wie frisch aus der Anstalt. An der Art, wie er mit Weiss ein aggressives Königsgambit aufs Brett bringt, merkt man allerdings bald: Der Typ ist alles andere als blöd, sondern ein Halbgenie. Vermutlich ein Armenier aus der alten Sowjetschule. Oder ein Autodidakt aus dem Ghetto mit den wildesten Crashideen. Dann ist das Spiel fertig, und man hat verloren und der eigene Einsatz, fünf Dollar oder so, verschwindet in der fremden Tasche. Und man will nur eines: wieder spielen und den Kerl mit der Bierfahne doch noch schlagen. Eine Schachvisite am Union Square gehört für mich zu jedem New-York-Besuch. Thomas Widmer

Zahnstocherweise GlückBarcelona

Natürlich würde sich ein Park Güell in Zürich gut machen, aber fast ebenso viel Gaudi hätten wir mit einer baskischen Bar im Stile Sagardis, wie es sie in Barcelona einige gibt. Zischend schiesst der Txakolin aus grossem Abstand eingeschenkt in die Gläser, und seine erfrischende Säure steigt in die Nase, bevor man das Glas angesetzt hat. Und dann beginnt rundum der Reigen der Pinchos, die frisch zubereitet herumgereicht werden. Kalte und warme Häppchen auf Zahnstocher – eben Pinchos – gespiesst. Fisch, Pilze, Crevetten, Gemüse kunstvoll auf dunklen kernigen und knusprigen hellen Brotschnitten, auf säuerlichem Pumpernickel oder Tortillascheiben serviert. Ein Schlaraffenland für Häppchen-Liebhaber. «Eines geht noch rein und vielleicht noch eines von diesen, oh, diese dort sehen spannend aus, und hast du schon von denen versucht?» Am Schluss werden die Zahnstocher gezählt – 1 Euro das Stück zahlten wir bei unserem letzten Besuch. Für 1 Franken pro Zahnstocher wäre das Häppchen in Zürich direkt ein Schnäppchen. Helene Arnet

Ein Restaurant für einen TagHelsinki

Von wegen «könnte man umsetzen» – manchmal kann mans ja einfach probieren: Ich habe mit zwei Kolleginnen vor drei Jahren eine tolle Stadtinitiative aus dem Norden nach Zürich importiert. Der in Helsinki gegründete Restaurant-Day, der dort alle drei Monate stattfindet, sollte bald auch bei uns die Menschen erfreuen. Das Prinzip: Alle, die Lust haben, eröffnen für einen Tag oder Abend im Park, auf der Strasse, auf dem Balkon oder in der Wohnung ein Restaurant, das jeweils auf einer Website verzeichnet ist. Da Helsinki für diesen Tag sämtliche Gastrogesetze aufhebt, braucht man an diesem Tag auch keine spezielle Bewilligung. Der Restaurant-Day, mittlerweile von touristischem Wert, ist im hohen Norden ein voller Erfolg. Da lernt man nicht nur neue Leute und Privatwohnungen kennen, sondern die Esskultur einer ganzen Stadt. Genau das also wollten wir nicht nur kopieren. Nein, das haben wir so kopiert. Doch nach der ersten Ausgabe – immerhin meldeten sich etwa 15 Leute mit eigenen Restaurants an – gaben wir bereits wieder auf. Die Zürcher Gastropolizei tauchte auf, es hagelte Warnungen und Mails mit Gesetzen – so wie das in der Schweiz halt so läuft. Wir hatten aufgrund all dieser Auflagen und Gesetze bald keine Lust mehr, weiterzumachen. Seither fliege ich wieder lieber nach Helsinki. Claudia Schmid

Erstellt: 09.07.2015, 19:14 Uhr

Artikel zum Thema

Schreckliche Ferien

Keine Erholung, dafür ständig Streit und kein Geld: Erinnerungen an Ferien, die man besser vergessen hätte. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

1000-Sterne-Hotel: unterwegs mit dem Zelt

Outdoorfeeling pur! Alena Stauffacher, begeisterte Bergsportlerin, erzählt von ihren Camping-Erfahrungen.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Spielvergnügen: Kinder spielen in einem 20'000 Quadratmeter grossen und zwei Kilometer langen Maislabyrinth bei «Urba Kids» in Orbe, Waadt. (22. August 2019)
(Bild: Laurent Gillieron) Mehr...