Das Zeitalter der Eierstockpresse

Ein Romanerstling blendet in die Epoche der grossen Nervenärzte. Geschrieben hat das unterhaltsame Gruselstück Vera Buck, eine junge Deutsche, die in Zürich lebt.

Kann nicht kurz schreiben: Die junge deutsche Autorin Vera Buck. Foto: Reto Oeschger

Kann nicht kurz schreiben: Die junge deutsche Autorin Vera Buck. Foto: Reto Oeschger

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Che heisst das Café im Zürcher Seefeld. Vera Buck, die in der Nähe wohnt, ist bereits da, einen Chai Latte mit Sojamilch vor sich, eine Frau von 28 Jahren, unverbrauchtes Gesicht, blonde Haare, offenes Lachen. Die ersten Minuten des Treffens drehen sich um ihre deutsche Jugend. Sie ist in Paderborn geboren, also in Nordrhein-Westfalen. Der Vater ist Polizist. Hauptkommissar Buck.

Das klingt nach Krimi. Womit sich zu «Runa» überleiten lässt. «Ist das Buch ein Krimi, Frau Buck?» Sie wehrt ab: «Es bewegt sich zwischen den Genres.»

«Runa», Bucks Erstling, ist tatsächlich vieles gleichzeitig. Historischer Roman, der im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts spielt. Gothic Novel über medizinische Menschenexperimente in düsteren Kellern. Codeknacker-Story um eine schwer zu entziffernde Schrift. Melodram einer keimenden, von einer Krankheit überschatteten Liebe. Thriller, der zur Leiche einer französischen Adelsfrau führt. Pariser Stadtroman mit Exkursen nach Zürich.

Charcots legendäre Vorlesungen

Und vor allem ist das Buch Wissenschaftshistorie im Unterhaltungsformat. Es beleuchtet eine Epoche, in der Hirnforscher, Psychiater, Neurologen im Zentrum der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit stehen als Verkörperer des Fortschritts. Zwei Hauptfiguren treffen sich in der berühmten Pariser Klinik Salpêtrière: der junge Schweizer Mediziner Jori Hell, der nach der Grundausbildung in Zürich eine Doktorarbeit schreiben will. Und Docteur Jean-Martin Charcot, der berühmteste Nervenarzt seiner Epoche.

Hell ist erfunden, Charcot hat es gegeben, seine halböffentlichen Vorlesungen sind legendär. Neben Studenten und Arztkollegen kommen Journalisten, Schauspieler, Schriftsteller: tout Paris. Charcot lässt Liegen mit festgezurrten Frauen herbeikarren, die einen apathisch, die anderen tobsüchtig; die Salpêtrière ist zu einem guten Teil eine psychiatrische Anstalt. Vor Publikum hypnotisiert Charcot eine Hysterikerin oder schildert Behandlungen, die aus heutiger Sicht gruselig anmuten. Mit einer Ovarienpresse übt man Druck auf die Eierstöcke aus, was helfen soll, wenn eine Patientin oft ausrastet.

Über eine 17-jährige Patientin sagt Charcot: «Als sie zu uns kam, war sie nicht mit all den Blumen und Bändern behangen, mit denen sich die Hysterikerinnen so gern herausputzen. Aber lassen Sie sich nicht von dieser Schlicht­-heit täuschen, meine Herren, in der jungen Frau steckt eine Hysterikerin par excellence.»

Die Macht eines Mädchens

Autorin Buck hat den Jargon der Zeit recherchiert. Sie las sich ein in die Pro­tokolle von Charcots Vorführungen. Sie studierte aber auch, in der Zentralbib­liothek Zürich, Schriften des Zollikers Eugen Bleuler, Direktor der Klinik Burghölzli. Zu ihm gleich mehr – und vorerst die Erklärung, um wen es sich bei Runa handelt: um ein neunjähriges Mädchen in der Salpêtrière, das eine seltsame Macht ausübt, obwohl es gefesselt und eingeschlossen ist. Die Pflegerinnen sehen in ihr eine Art Dämonin. Und die Ärzte scheuen vor ihr zurück, weil Runa keine Furcht vor den Therapietorturen zeigt, keine Gefühle verrät und überhaupt jede Kommunikation verweigert; sie bewahrt sich eine Art Freiheit.

Ist Runa krank? Für die Ärzte der Salpêtrière scheint das klar. Jori Hell kommt auf die Idee, man könnte das Kind heilen, indem man sein Hirn operiert, bestimmte Teile abtrennt oder entfernt. Sein beruflicher Ehrgeiz paart sich mit einem privaten Ansinnen. Gelingt die Operation, bekommt er den Doktortitel, hat ihm Charcot zugesichert. Dann kann er nach Zürich reisen und vielleicht Pauline helfen, seiner grossen Liebe.

Pauline Bleuler: die Schwester von Eugen Bleuler, der zur Grossfigur der Psychiatriegeschichte wurde, indem er die Schizophrenie beschrieb, die auch «Morbus Bleuler» hiess. Im Roman ist er Joris Freund; wichtiger freilich ist seine Schwester, auch sie samt einem seelischen Leiden historisch verbürgt. In Rückblenden erzählt Buck von Jori Hells Liebe zu der fragilen jungen Frau, der man Zwangsjacken, kalte Bäder, Essig­einreibungen zumutet; nachts gipst man ihr die Hände ein, weil man eine «onanistische Psychose» wittert.

Klingt das wild? Bucks Erstling ist ja auch ein massives Buch von 600 Seiten. Dass der Parisroman immer wieder mal ein Zürichroman ist, hat damit zu tun, dass sie seit längerem in Zürich lebt. Ihr Freund studierte hier und blieb, sie zog nach. Fünf Jahre hat sie an «Runa» gearbeitet, schön brav von morgens acht bis abends sechs Uhr; einzig ein kleines Pensum an einer Schule, wo sie Fremdsprachigen Deutsch beibringt, lenkte sie ab. Sie begab sich in die Salpêtrière, wo sie sich auf der Suche nach Archivmaterial oder dem Klinikplan von 1884 – dem Jahr, in dem der Roman spielt – mit der französischen Bürokratie herumschlug.

Buck ist ganz schön herumgekommen: Journalistikstudium in Hannover, Stipendienaufenthalte in Frankreich, Spanien und Italien, Scriptwriter-Kurs in Honolulu, auch das ein Stipendium: «Ich wählte den absurdesten Ort, der möglich war.»

Die Spur in den Untergrund

Eine besonders kuriose Figur sei noch erwähnt: der frühere Polizeiinspektor Lecoq, der deutlich an den Monsieur Lecoq in den Krimis von Emile Gaboriau anklingt. Lecoq ist eine Art Privatdetektiv wider Willen. Er glaubt fest an eine Mode-Idee seiner Zeit, nämlich, dass man einen Verbrecher an der Körper­haltung und bestimmten Gesichtsmerkmalen erkennen kann. Der Blick in den Spiegel hat ihm gezeigt: Er ist selber ein Verbrecher.

Dieser skurrile Lecoq, der wähnt, böse zu sein, und es doch nicht ist, jagt einer Geheimschrift nach. Jemand hat mancherorts in Paris rätselhafte Kritzeleien hinterlassen. Der Leser ahnt, dass Runa dahintersteckt. Die Spur führt in den Untergrund, in die Katakomben von Paris, wo Ärzte mit Kindern grässliche Experimente anstellen.

Die Sache mit der Geheimschrift erinnert an Dan Brown und seinen Bestseller «Sakrileg». Den möge sie nicht, sagt Buck. Und: «Filme inspirieren mich ohnehin mehr.»

Klug und doch naiv

Wenn man an diesem Buch etwas kritisieren will, dann dies: Einzelnen Figuren wird sehr viel zugemutet, so muss Jori Hell gleichzeitig einen guten Menschen verkörpern und den medizinischen Ehrgeizling spielen; er ist ein kluger Kopf und doch ein Naivling, der erstaunlich spät erkennt, wie Ärzte in seiner Umgebung jede Ethik preisgeben.

Die Sprache hingegen ist weitgehend souverän, und die Bilder sind stark. So heisst es über die Stadt, in der die Geschichte vorwiegend spielt: «Die Nachmittagssonne hing wie ein schwefelgelber Gallenstein über der Stadt, halb verdeckt vom Dampf und Russ der Züge, die am Bahnhof ankamen und weitere Ladungen Menschen in ein schon menschensattes Paris karrten, ein übersättigtes Paris.»

Doch, dies ist ein Roman, dessen Schauplatz man hört, sieht, riecht. Dass er zum Wälzer wuchs, hat seine Logik. Als Vera Buck sich im Printjournalismus versuchte, störte sie, dass der Platz dort stets begrenzt ist. «Ich kann nicht kurz schreiben», sagt sie.

Vera Buck, «Runa». Limes, 608 Seiten, 28.50 Fr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2015, 18:20 Uhr

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