Das Zürcher Design-Hühnerhaus

Man könnte denken, mit einem Stall sei für einen Architekten wenig zu gewinnen. Falsch gedacht.

Modell Kronenwiese: Ein Stall in reduzierter Huhnform. Bild: Dominique Meienberg

Modell Kronenwiese: Ein Stall in reduzierter Huhnform. Bild: Dominique Meienberg

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Die Methode Hühnerstall wird zu Unrecht verkannt, wenn es ums Aufwerten und Beruhigen von Quartieren geht. Auf der Zürcher Kronenwiese, wo ja seit kurzem eine städtische Siedlung steht, befand sich vor 20 Jahren eine Gassenküche für Drögeler und Randständige. Nur einen Steinwurf vom GZ im Schindlergut-Park.

Diese Nähe führte zu Spannungen, und diese wiederum zur Idee, ein paar Eier legende Vögel könnten helfen, beidseitige Vorurteile zu überwinden. Also beschlossen die engagierten Leute aus dem Quartier, einen Stall auf die Kronenwiese zu stellen. Statt einfach selbst etwas zu basteln, wandten sie sich an einen Architekten.

Nun ist ein Hühnerhaus nicht gerade der Stoff, aus dem Architektenträume gemacht sind. Überhaupt: Das Huhn und die Architektur – das passt schlecht. Die Viecher sind zu nervös und flatterhaft, als dass ihnen ein gut geerdeter Baukünstler viel abgewinnen könnte, was sich in Stahl und Beton übersetzen lässt. Das monströse Pekinger Vogelnest von Herzog & de Meuron lassen wir als Ausnahme gelten, aber Eier ausgebrütet werden darin auch nicht.

Vogelfrei entwerfen

Andererseits hat das Hühnerhaus einen Vorteil gegenüber klassischen Aufgaben: Auf dem Architekten lastet nicht der ganze Kanon der Baugeschichte. Wer ein solches Haus entwirft, ist so frei, wie es ein Mensch mit einem Bleistift sein kann. Da ist nur weisses Papier.

Als das Zürcher Architekturbüro Burkhard & Lüthi 1997 den Auftrag bekam, landete der Job auf dem Tisch von Praktikant Urs Braendlin. Keiner wird damals geahnt haben, dass dieser kleine Bau mehr Publicity erhalten würde als viele andere. Braendlin begann zu zeichnen, angeregt von der Topografie und der Form eines Huhns. Ein früher Entwurf orientiert sich noch sehr eng daran.

Zu welch skurrilen Ergebnissen eine allzu wörtlich verstandene Architektur führen kann, zeigt das berühmte «Big Duck»-Haus, das ein Entenfarmer in der Nähe New Yorks aufstellte: eine riesenhafte Ente aus Zement. Braendlin war raffinierter. Er reduzierte die Hühnerform aufs absolute Minimum.

Hahn musste getötet werden

Als der mit gewelltem Kunststoff verkleidete Holzbau eingeweiht wurde, berichtete der «Tages-Anzeiger» mit Bild. Dekorativ im Vordergrund: ein leibhaftiger Stadtrat. In einem Buch über Kleinarchitektur wurde das schmucke Häuschen gewürdigt als Gebilde «zwischen Skulptur, urbanem Möbel und Architektur». Der Stall wurde aber auch zur Bühne von kleinen Dramen: Mal musste ein Hahn wegen Lärmbeschwerden getötet werden. Ein andermal drang ein Einbrecher nachts ins Haus ein und brachte alle zwölf Hühner um – der Fall wurde nie aufgeklärt.

Schliesslich sollte es auch dem Haus selbst an den Kragen gehen. Weil die Stadt die Kronenwiese überbauen wollte, war es stets ein Bau auf Zeit gewesen. 2014 war es so weit. Die Hühnerfreunde aus dem Quartier wussten zwar von einem möglichen Ersatzstandort: eine mit Gestrüpp überwucherte Parzelle ganz in der Nähe, die keiner nutzte – ausser ab und zu ein Drogenabhängiger, der sich dort in die Büsche schlug. Aber keiner hatte Erfahrungen mit Baueingaben. Eher zufällig erfuhr man vom Freund eines Freundes, Drummer in dessen Band, der selbst mal ein Hühnerhaus gebaut habe – es war Braendlin.

So kam dieser dazu, nach fast 20 Jahren Rettung und Restaurierung seines Baus zu organisieren. Per Kran flog der Riesenvogel davon, verfolgt von einer Kamera von TeleZüri. Am neuen Ort hat er dafür gesorgt, einen zuvor verwahrlosten Platz zu beleben. Soll noch einer sagen, ein Hühnerhaus sei kein dankbarer Job für Architekten.

GPS-Koordinaten: 47.386450, 8.538638

Der etwas andere Bauplan des Kantons: bauzone.tagesanzeiger.ch

Erstellt: 04.12.2017, 10:36 Uhr

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