Das Zürcher Schuhcafé ist am Ende

Nach fast 30 Jahren schliesst Marco Bloch seine Schuhläden. Trotz der treuen Kundschaft rentierte das Geschäft mit italienischen Qualitätsschuhen immer weniger.

Das Schaufenster hat ausgedient: Marco Bloch im Schuhcafé an der Badenerstrasse. Bild: Sabina Bobst

Das Schaufenster hat ausgedient: Marco Bloch im Schuhcafé an der Badenerstrasse. Bild: Sabina Bobst

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«Wottsch en Kafi?» Die Frage war Begrüssung und Ritual zugleich, wenn jemand die Schuhcafés beim Bezirksgebäude oder beim Münsterhof betrat. Bald wird man diesen Satz nicht mehr hören.

Marco Bloch, der vor 29 Jahren das Schuhcafé gegründet hat, schliesst nächsten Monat die beiden Filialen. Er macht daraus kein Geheimnis: «Totalausverkauf/ Wir schliessen», steht auf den Schaufenstern. Es gibt 20 Prozent, und natürlich rennen ihm die Kunden jetzt den Laden ein. «Einige sind hässig, dass wir zumachen», sagt Bloch. Aber so sei es nun mal. «Der Aufwand und die Anstrengungen sind immer grösser geworden – ohne Aussicht auf eine Erholung.»

Die Kunden verhalten sich anders

Schon vor zehn Jahren, als die globale Krise im Detailhandel spürbar wurde, ahnte auch Marco Bloch, dass die nächste Zeit wohl nicht mehr so einfach würde wie die zwanzig Geschäftsjahre davor. «Es gab schon in den Neunzigerjahren Krisen, aber das Verhalten der Kunden war grundsätzlich anders. Sie waren interessiert, trugen mit Stolz nach dem Einkauf unsere Taschen durch die Stadt», sagt er. Davon könne man heute nicht mehr ausgehen. Und auch die jungen Kunsthistorikstudentinnen, die ihn früher bestürmten, um Schuhe verkaufen zu können, gibt es heute nicht mehr. «Die jungen Leute wollen heute in einer Bar arbeiten.»

Jahrelang ist der italophile Schuhhändler durch Italien gereist, nach Milano, in die Marken, in die Toskana, nach Neapel und Apulien. Touren vom Norden bis an die Stiefelspitze, immer auf der Suche nach den besten Fabrikanten. Das Ziel: den Zürcher Kundinnen und Kunden coole Schuhe nach Hause zu bringen. Schuhe, die man lange tragen kann und die nicht verleiden. «Ich könnte jeden Hersteller sofort auf dem Handy anrufen und würde ihn ohne Navigerät finden», sagt Bloch. Man spürt, wie wichtig ihm diese persönlichen Kontakte sind.

Schuhe, die man lange tragen kann und die nicht verleiden: Auslage im Schuhcafé. Bild: Sabina Bobst

Die direkte Beziehung, sei es zu Geschäftspartnern oder zu seinen Kunden, sei immer die Basis des Schuhcafés gewesen, erklärt Bloch. Doch ausgerechnet damit wurde es in den letzten Jahren immer schwieriger. Die Leute, beobachtet Bloch, würden nicht mehr aus dem Tram schauen, sondern nur noch aufs Handy. Ein Schaufenster als Visitenkarte, das habe genauso ausgedient wie ein Laden selbst. «Der beste Shop ist heute bekanntlich das eigene Handy», sagt Bloch. Drei Klicks – und der Wunschschuh ist im Netz bestellt. Oder man fliegt schnell zum Shopping nach Berlin oder New York und deckt sich dort mit neuer Ware ein.

Die Zeiten, als damalige Szene-Geschäfte wie das Schuhcafé als kuratiertes Kompetenzzentrum für Lederschuhe und als Showroom für Trends genutzt wurden, die Zeit der Mundpropaganda, sie ist längst vorbei. Heute zeigen Influencer auf Instagram, was gekauft werden muss. Und natürlich ist auch die damals revolutionäre Idee eines Schuhladens mit Kafi nichts mehr Neues.

«Ich jedenfalls kenne kein kleines Geschäft, das mit einem zusätzlichen Webshop durchgestartet ist.»Marco Bloch

Viele Veränderungen, sagt Bloch, müsse er wohl auch unter dem Thema «der Lauf der Dinge» abbuchen. So sind seine Kundinnen und Kunden heute nicht mehr 20 und 30, sondern eher 45 bis 60 Jahre alt; eine jüngere Klientel ist nicht nachgewachsen. Zumal Bloch nie beliebige Markenschuhe ins Sortiment aufgenommen hat. Im Schuhcafé gab es keine Uggs, keine Converse-Stoffschuhe, keine Adidas. «Da war ich immer konsequent», so der Schuhhändler. Und selbst wenn er vor fünfzehn Jahren begonnen hätte, einen Webshop und ein paar Jahre später einen lässigen Instagram-Kanal aufzubauen, glaubt Bloch, hätte sich der Aufwand nicht gerechnet. «Ich jedenfalls kenne kein kleines Geschäft, das mit einem zusätzlichen Webshop durchgestartet ist.»

Erschwerend kam für den Ladenbesitzer wohl auch dazu, dass er mit dem mittleren Preissegment um die 200 Franken ein schwieriges Feld beackerte. «Das muss man erst mal investieren wollen, auch wenn man weiss, dass das Produkt gut ist. Im Zweifelsfall geht jemand mit diesem Betrag wohl eher dreimal essen.»

So viele Espressi wie nur möglich

Auch die Situation der Hersteller hat sich in den letzten Jahren verändert: Weil nicht nur die Leute in Zürich, sondern auf der ganzen Welt weniger qualitativ hochwertige Lederschuhe einkaufen, wird in Italien auch immer weniger produziert. Um sein Sortiment zusammenzukriegen, musste Bloch also doppelt so viele Fabrikanten aufsuchen. Diese wiederum versuchen vermehrt, ihr kleiner gewordenes Sortiment über einen eigenen Webshop gleich selbst an die Kunden zu bringen.

Bitter wirkt Marco Bloch keine Sekunde, wenn er über all diese Entwicklungen berichtet. «Ich will nicht als Gescheiterter dastehen, der verzweifelt ist und aufgeben musste», sagt er. «Ja, ich höre auf, weil es zunehmend schwierig wurde. Aber es ist jetzt auch gut so. Dreissig Jahre muss mir mal jemand nachmachen.» Er schwärmt mehrfach von seiner treuen Kundschaft, ohne die er wohl nicht so lange geblieben wäre.

Was nachher kommt, lässt Marco Bloch offen. Auch ist noch nicht spruchreif, wer in die beiden Filialen zieht. «Ich will vorerst meine ganze Energie ins Schuhcafé-Finale stecken und in meinen Läden noch so viele Espressi trinken wie möglich.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2019, 10:30 Uhr

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