Zum Hauptinhalt springen

Das Leben, eine 1.-August-Rede

Das Bellevue macht halt in Spiez und nimmt Adolf Ogi mit nach Kandersteg. Unterwegs mit einem Vulkan auf dem Beifahrersitz.

Alt-Bundesrat Adolf Ogi: Ein 76-jähriger Bergler, der vor Kraft nur so strotzt. Foto: Fabienne Andreoli
Alt-Bundesrat Adolf Ogi: Ein 76-jähriger Bergler, der vor Kraft nur so strotzt. Foto: Fabienne Andreoli

Wer einen Tag lang mit Adolf Ogi durch seine Heimat fährt, muss aufpassen, aus ihm keinen Berg zu machen. Sondern «nur» einen Alt-Bundesrat.

Denn: Wenn wir uns fragen, was die Schweiz am Drehen hält, dann haben wir jetzt einige Hinweise darauf, dass es das Bureau Ogi in 3073 Gümligen ist. Es schreibt: «Sie können Herrn Ogi um 9.44 Uhr am Bahnhof Spiez auf Gleis 5 abholen.» Dass es ein prächtiger Tag sein wird, dass der Zug pünktlich einfahren und Adolf Ogi bestgelaunt aussteigen wird – selbstverständlich.

9.44 Uhr breitet er seine Arme aus. Es waren zwar wir, die gewartet haben, aber in Spiez am Bahnhof empfängt nur einer: Adolf Ogi (76) Beruf Alt-Bundesrat. Das Wetter will er anderen überlassen haben, aber wenn der Tagi schon zu ihm komme, dann habe er immerhin dafür gesorgt, dass der Thunersee dort unten eine Spur blauer sei als sonst. Auch wenn er auf den Tagi gerade nicht allzu gut zu sprechen ist – die Nein-Parole zu Olympia, die fuchst ihn. Aber nur eine Viertelstunde lang, dann ist das Thema auf Gleis 5 erledigt, und wir setzen uns für die Lagebesprechung ins Bahnhofbuffet. Ogi bestellt Rivella blau.

Das Leben ist ein rasanter Roadtrip

Die Lage ist folgendermassen: Wir fahren im Auto von Spiez nach Kandersteg, unterwegs treffen wir auf ziemlich alles, was Adolf Ogi, seine Karriere, seine Geschichte, sein Leben ausmacht.

Mitholz, wo im Winter 1947 das Munitionslager in die Luft flog. Ogi war fünf und «hatte das erste Mal richtig Angst». In Kandersteg, vier Kilometer Luftlinie entfernt, 200 Meter höher gelegen, war der Schnee mit einer schwarzen Ascheschicht überzogen. Die neue Skisprunganlage am Anfang des Orts, wo das Engagement Ogis für den Sport sichtbar ist.

Die Höh über Kandersteg, wo Ogi jeden Morgen hochsteigt, um über seine Heimat zu schauen, auf sein Hauptwerk, die Neat. Wo wir auf Strassen hochfahren, die sein Vater in den Wald baute. Wo der Gesamtbundesrat im Regen frühstückte und sich alle, weil der Schirm nicht ausreichte, einen Güselsack über die Schultern legten.

Die Bundesrat-Adolf-Ogi-Strasse

Vorbei an seinem Geburtshaus und seinem Wohnhaus gleich gegenüber. Im Garten flattert eine Schweizer Fahne.

Zum Gasthaus Ruedihus, wo Ogi mit seinem Stab die Teilprivatisierung der SBB andachte, die Privatisierung der PTT, wo er Prinz Charles, König Albert und Kofi Annan zum Essen hinbrachte und schliesslich im Dezember 2000 vom Bundesrat Abschied nahm.

Dann nach hinten ins Gasterntal, diesem Kraftort Ogis, wo die Alpenfaltung sichtbar ist, wo er immer wieder sich und seiner Bedeutung gewahr wird. Alt-Bundesrat, nicht Berg. Und zum Schluss schreiten wir noch die Bundesrat-Adolf-Ogi-Strasse ab. So wie 1993 François Mitterrand. «Hier landete der Helikopter. Dort stand die Küchenbrigade. Mitterrand verlangte nach einer heissen Schokolade und einem Stück Emmentaler Käse.»

Kandersteg, sein Nullpunkt

«Geländeorientierung» auf der Höh, auf 118 m ü. K. (Meter über Kandersteg). M ü. K. und m u. K. (Meter unter Kander­steg), das sind eigentlich die massgebenden Einheiten für Ogi. Bern: 638 m u. K. Die UNO in New York: 1160 m u. K. Das Blüemlisalp­horn: 2491 m ü. K.

Auf 118 m ü. K. reicht das Panorama über die Bire links, die Wildi Frau, das Morgenhorn, die Wyssi Frau, das Blüemlis­alp-, das Oeschinen- und das Fründe- zum Doldenhorn. Mit 11 war «das Döfi» mit seinem Vater auf dem Blüemlisalphorn. Zwei Stunden hackte der Vater Tritte ins blanke Eis für den Abstieg vom Morgenhorn. Zwei Stunden, das hat dem Sohn imponiert, diese Beharrlichkeit, diese Stärke, dieser Wille. Überhaupt der Vater, das grosse Vorbild, das ihm vorgelebt hat, was Werte sind, was Ethik ist. 70-mal musste Adolf senior als Bergführer Gäste auf das Blüemlisalphorn begleiten, um Adolf junior die 4900 Franken für eines von drei Jahren an der Ecole Supérieure de Commerce in La Neuveville zu finanzieren.

Herr Ogi, was ist für Sie Heimat?

Heimat kommt aus dem Herz, aus der Erfahrung, aus dem Erlebten. Ich schöpfe aus der Heimat und aus dem Glauben zu mir.

Worin gründet diese Energie?

Mein Vater war nie müde, nie schlechter Laune. Er hat mir gezeigt: Wenn man will, kann man eine unglaubliche Kraft entwickeln. Bergsteigen ist eine gute Metapher auf das Leben: Man braucht Mut, Kraft, Wille, Durchhaltevermögen, man muss sich der Herausforderung stellen.

Als Belohnung, möchte man ergänzen, geht es bergauf. Zumindest im Leben des Adolf Ogi, des Dr. h. c. mult., dem es nicht gereicht hat für die Sekundarschule Frutigen – trotz ausschliesslich Sechsern im Zeugnis an der Primarschule Kandersteg. Dem immer vorgehalten wurde, nichts studiert zu haben, kein Akademiker zu sein, der für Akkusativfehler und seine unmittelbare Art belächelt wurde. «Alle mögen Adolf Ogi, alle ausser Otto Stich», hiess es in einer Sendung des Schweizer Fernsehens. In derselben Sendung wurde Ogi «Alpenphilosoph» genannt, das hat ihm gefallen. Der Stich also, der seine ganze Energie gegen den Ogi verwendet hat. Der Stich, der die Landesregierung als Gremium von sechs Bundesräten und einem Skilehrer bezeichnet hatte.

Nun sitzt dieser Skilehrer auf dem Beifahrersitz, vorzustellen als ein gut aussehender, 76-jähriger Bergler, der vor Kraft nur so strotzt. Die Stimme, die Art und Weise, wie er spricht: typisch Ogi. Da sitzt ein Vulkan, und der spuckt eine 1.-August-Rede nach der anderen aus. Parliert, appelliert, explodiert, insistiert. Wir quälen das Auto die staubige enge Strasse hoch zum Gasterntal.

Weshalb verstehen Sie das Volk so gut?

Weil ich mich nie verstellt habe, mich nie angebiedert habe. Ich bin allen immer auf Augenhöhe begegnet. Ich glaube, ich hatte einen guten Riecher. Für das Volk und für das Machbare. Da war sie hilfreich, die andere Art. Die Art des Ogi, die mir oft vorgeworfen wurde.

Legendär ist Ihre Neujahrsansprache im Jahr 2000 mit dem Tanndli.

Ich fragte meinen Stab nach Ideen. Die, die kamen, hielt ich für untauglich. Sie lachten mich im Gegenzug für meine Idee vor dem Lötschbergtunnel aus.

Sie liessen sich nicht davon abhalten.

Die Reaktion verunsicherte mich schon. Ich fragte meinen Freund Art Furrer: Was meinst du? – Frag Kurt Felix! – Also rief ich Kurt Felix an.

Was meinte Kurt Felix?

Machen!

Die Rede war ein riesiger Erfolg.

Die Tanne wurde Opfer dieses Erfolgs. Sie starb, weil ihre Äste als Souvenir abgebrochen wurden.

Wir essen im Waldhaus vorne im Gas­terntal. Eine einfache Beiz, umgeben von majestätischen Bergen. Links und rechts senkrechte Wände. Die Gesteinsschichten hier oben lagen einst auf dem Meeresgrund (mehr als 1170 m u. K.), hier wird sichtbar, welche Kräfte am Werk waren vor Millionen von Jahren, weshalb von Alpenfaltung gesprochen wird. Die Schichten liegen wie Stoffbahnen übereinander. «Die Berge», sagt Ogi, «waren vor uns hier und werden auch nach uns noch hier sein. Das relativiert.» Links das Doldenhorn, rechts das Balmhorn, dazwischen: Berg Ogi.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch