«Dem Stück fehlen die Eier»

Zürcher Musikerinnen und Musiker sagen, was sie vom neuen James-Bond-Titelsong halten. Und wie sie die Aufgabe gelöst hätten.

Sean Connery als James Bond 1964 in «Goldfinger». Foto: Keystone, Everett Collection

Sean Connery als James Bond 1964 in «Goldfinger». Foto: Keystone, Everett Collection

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Die Marketinglawine für den neusten 007-Streifen ist längst losgetreten worden. Bis das 24. Bond-Abenteuer namens «Spectre» am 5. November in den deutschsprachigen Kinos anläuft, wird der Agent mit der Lizenz zum Töten in unzähligen Trailern und Werbespots zu sehen sein und auf Anzeigen und Plakatwänden seine Pflicht im Dienste Ihrer Majestät tun. Der Titelsong ist bereits veröffentlicht worden. Er heisst «Writing’s on the Wall» und wird vom Engländer Sam Smith gesungen. Er spaltet die Gemüter. Die einen sagen: «Grandios, typischer Bond-Song! Endlich mal wieder!» Die anderen sagen: «Schrott im Quadrat!» Was wäre aber, wenn James Bond mal eine Zürcher Musikerin oder einen Zürcher Musiker ranliesse? Wie würden sie sich der Monsteraufgabe ­nähern? Wie würde ihre Version klingen? Eine kleine Umfrage – samt kritischer Stimme aus Bern.

Patrick Eisenmann, Gitarrist und Sänger, Produzent von The Clowns
«Nun, meine Version wäre wohl so etwas wie Teil zwei des Songs geworden, den Jack White zusammen mit Alicia Keys aufgenommen hat. Der ist für mich persönlich der beste Bond-Song ever! Sam Smiths Song fehlen leider in der Stimme, in der Melodie und im Text jegliche männlichen Attribute, die ihn zur Identifikation mit einem Kerl wie James Bond glaubwürdig machen könnten. Kurz gesagt: Es fehlen die Eier. Wäre der Song von einer Frau gesungen worden, hätte es vielleicht halbwegs funktionieren können – obwohl da die Messlatte verdammt hoch liegt.»

Professor André Bellmont, Leiter Lehrgang Komposition, ZHDK
«Hand aufs Herz: Meine Version würde wohl kaum besser klingen. Aus meiner Sicht liegt das Problem bei ‹Writing’s on the Wall› an Sam Smiths Interpretation und nicht unbedingt am Song – und schon gar nicht am hervorragenden Arrangement. Ich hätte den Text für eine Frauenstimme adaptiert. Mir fallen da gleich etliche geeignete Interpretinnen ein.»

Lionel & Diego Baldenweg, Great Garbo, Film- und Werbemusikproduzenten
«Wir finden den Song gut: schönes Arrangement, schön gesungen. Die Wahl von Sam Smith ist ungewöhnlich. Dahinter steht mit ziemlicher Sicherheit eine neue marketingtechnische Ausrichtung. Wahrscheinlich will man damit nun auch ein homosexuelles Publikum ­ansprechen. Wir hätten eine andere Stimme gewählt. Die von Rihanna.»

Patrick Nzezilia alias Piment, Produzent und Rapper
«Miini Version? Trap Style, isch doch logisch. Es goht ums Feeling.»

Valentino Tomasi, eine Hälfte des Houseduos Pacifica
«Ich würde statt dieser – trotz der grossen Stimme – etwas langweiligen Pianoballade etwas Archaischeres, Wuchtigeres mit Pauken, Trompeten und Elektronik, aber ohne die überzitierte 60er- Jahre-Soundästhetik machen.»

Domenico Ferrari, andere Hälfte des Houseduos Pacifica
«Den Auftrag für einen Bond-Song zu ­erhalten, beinhaltet leider wohl auch, die typischen Bond-Song-Klischees einzuflechten. Mein Song wäre jedenfalls roher, elektronischer und hätte ein ­höheres Tempo als der aktuelle. Als Sänger würde ich James Blake bevorzugen, obschon Sam Smith ohne Zweifel ebenfalls sehr talentiert ist.»

Cyril Boehler alias Zwicker, Elektronikproduzent und unter anderem Komponist fürs SRF
«Ich finde den Bond-Song wie auch die ausführlich gestaltete Titelsequenz eine sehr schöne Tradition. Wenn man einen neuen Bond-Song macht, müsste man ein neues Element suchen, das zu den klassischen Elementen passt. Und dann braucht man eine brutal gute Stimme. Hätte ich den Auftrag bekommen, wäre ich nach einer Woche Kopfzerbrechen darauf gekommen, dass das Evelinn Trouble machen müsste. Die Musik dazu wäre für Orchester und Taiko-Ensemble geschrieben. Und der Perkussionist würde im Takt Pistolenschüsse abfeuern. Ach ja: Ich habe übrigens schon als Teenager Vorarbeit geleistet und eine Coverversion gemacht! Ich wäre also prädestiniert für den Job.»

Linnéa Racine alias Evelinn Trouble, Rockstar
«Meine Version würde klingen wie ‹One Shot One Kill› auf dem neuen Dr.-Dre-Album – und nicht wie dieses Gesülze von Sam Smith.»

Christian Weber, Kontrabassist Extraordinaire
«Ich würde Rob Halford von Judas Priest singen lassen und hinten eine Big Band nach einem Arrangement von Van Dyke Parks von Trent Reznors Elektronik vergiften lassen. Daraus sollte dann ein schöner Slow resultieren, so wie ‹Thunderball› von Tom Jones oder ‹Goldfinger› von Shirley Bassey.»

Fabio Friedli alias Pablo Nouvelle (Berner Neuzuzüger), Produzent
«Sorry, hatte keine Zeit, um mich eingehend mit Sam ‹Bond› Smith auseinanderzusetzen. Ich war aber zufällig im selben Studio in London, als er den Song aufgenommen hat. Er hat eine Wahnsinnsstimme, keine Frage! Aber der Song ist mir viel zu pathetisch. Und: Komm mal auf den Punkt, Sam! Es fehlt irgendwas, das nach 2015 klingt. Irgendein radioheadmässiger Chrümscheli-Beat oder so.»

Anna Känzig, Singer-Songwriter
«Ich würde Sam Smith durch Hannah Reid von London Grammar ersetzen! Ihre Stimme hat die nötige Dramaturgie und geht unter die Haut. Ausserdem beherrscht sie diesen Sprung in die Kopfstimme genauso gut wie Sam Smith.»

Fabian Sigmund alias Fai Baba, Blues-Satan
«Der Song ist scheisse. Ein totaler Flop. Wie die Filme ist auch die Musik mal gut, mal schlecht. Wenn ich mir die Bond-Titelstücke der Sixties anhöre, klingt das nach superschön instrumentierten und produzierten Soundtracks. That’s what I like the best.»

Daniel Bachmann alias Skor, Rapper
«Ich würde als Erstes in die S-Bahn nach Küsnacht steigen und Tina Turner aus dem Ruhestand zurückholen. Der besorg ich einen düsteren Beat und mache sie zur neuen, besseren, fieseren Version von Rihanna. Den Rap-Part übernimmt G. I. John – auch er endlich zurück aus dem Ruhestand.»

Verena von Horsten, Songwriterin
«Es gibt nur wenige gute Bond-Titelsongs. Die meisten Songwriter sind bei dieser Art Aufgabe derart verängstigt, dass sie sich auf die sichere Seite begeben: grosse Melodien, dramatisches Gehabe und pompöses Getue. Das ist alles uninteressant. Die wenigen, die bei sich geblieben sind und das Bestmögliche rausgeholt haben, sind Paul McCartney mit ‹Live and Let Die›, Jack White und Alicia Keys mit ‹Another Way to Die› oder Duran Duran mit ‹A View to a Kill›. Und so würde ich es auch machen: Nicht versuchen, eine Form auf einen Song zu stülpen, sondern aus dem menschlichen Universum schöpfen – der Seele. Alles andere ist Fliessbandschrott.»

Jules Muff alias Jimi Jules, House-Produzent
«Was ist denn das für eine Frage? Arbeitest du jetzt bei der ‹Schweizer Illustrierten›? Ich würds so machen:

Intro: trrrrrschhhrr.

Hauptteil: nznznz.

Outro: nzznzz.»

Ephrem Lüchinger, Pianist, Produzent Heidi Happy
«Für einen Bond-Song würde ich mit Boris Blank zusammenarbeiten wollen. Er schreibt die besten Bond-Songs, obwohl es noch keiner in einen Film geschafft hat. Das sollte man ändern. Als Gastrapper würde ich Edward Snowden fragen. Und den Gesangspart übernähme Nina Hagen.»

Doch was würde Boris Blank selber ­machen, würde ihn denn die Anfrage ­ereilen? Nichts. Der Auftrag würde ihn nicht mal erreichen. Er ist derzeit gerade offline: In Amsterdam am Raven, wie uns Yello-Manager Peter Vitzthum ausrichten liess.

Erstellt: 19.10.2015, 18:15 Uhr

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