Zum Hauptinhalt springen

Den bösen Wallisern auf der Spur

Was ist das eigentlich, die Walliser Art? Unser Halt auf der Grand Tour im Obergoms gibt unterschiedliche Antworten auf diese Frage.

War da mal ein Gletscher? Blick vom Furkapass. Foto: instagram bellevuegoestourist
War da mal ein Gletscher? Blick vom Furkapass. Foto: instagram bellevuegoestourist

Vom Tessin ins Wallis ginge es bedeutend schneller über den Nufenenpass. Doch auf der Grand Tour den Gotthard auszulassen, ist etwa so sinnvoll wie Ferien in Rimini ohne Baden im Meer. Also die gepflasterte historische Tremola hoch, geschmeidig über die Pässhöhe gleiten, hinunter auf die Hochebene, und auf halbem Weg ins Tal nicht rechts nach Andermatt abbiegen, sondern links in Richtung Furka.

Damian Zingg, Betriebsleiter der Stiftung Sasso San Gottardo, über «seinen» Berg. (Video: David Sarasin)

Ein Velofahrer hängt sich beim Abstieg von der Furka an mein Heck und verhindert damit den Genuss der eindrücklichen Aussicht aufs Oberwallis. Stattdessen: Soll ich ihn vorbeiziehen lassen und dann auf den Geraden immer wieder überholen? Wenn ich bremse, kracht er dann in mich rein? Ist das alles nicht viel zu gefährlich? Er geht in Deckung und macht Handzeichen, die ich nicht kenne. Erschwerend hinzu kommt ein eher langsames Auto mit Anhänger vor mir. Dabei wäre die Aussicht doch spektakulär. «Maybe I wasn't there», singt Kendrick Lamar im Radio. Schön wäre jetzt, dieser Velofahrer wäre nicht da. Irgendwann überholt er und zieht wild gestikulierend davon.

Endlich im Wallis. Das Land von Kauzigkeit, exotischem Idiom und Raclette-Käse. Als Christian Constantin vor laufender Kamera Rolf Fringer ohrfeigte und ihm, als dieser bereits am Boden lag, noch in den Rücken trat, war die Schweiz empört. Constantin aber entschuldigte die Sache locker flockig damit, dies sei die «Walliser Art». Was ist das also, diese Walliser Art? Dieser Frage nachzugehen, schien reizvoll bei unserem Halt auf der Grand Tour im Obergoms.

Das Obergoms. Zwar aus Skilagern ein wenig bekannt, aber trotzdem hübsch zu beschreiben. Breites Tal, durch das sich wie an einem losen Rosenkranz aufgezäumt Dorf an Dorf reiht. Dunkelbraun kombiniert mit Dunkelgrün. Die Rhone, die hier noch Rotten heisst. Strassen, die so schmal sind, dass immer wieder asphaltierte Ausweich-Ausbuchtungen nötig sind, damit die Autos aneinander vorbeikommen.

Das Internet hält bei der Suche nach der Walliser Art vor allem Rezepte bereit, meistens irgendein Fleisch, das mit Raclette-Käse überbacken ist. Nichts Kompliziertes. Vielleicht gibt es aber in der Nähe von Blitzingen, wo ich im Hotel Castle unterkomme, ein Pub, in dem sich ein paar Typen Constantin-mässig aufs Maul geben und damit die raue Art der Walliser vortrefflich unter Beweis stellen. Dumme Idee.

Trotzdem in die Talstation in Fiesch, das einzige Lokal, das Google bei der Suche «Fiesch» und «Pub» ausspuckt. Es ist ein sonniger Frühabend, ein lauer Wind weht durch den Ort, als schnaufte das von Hitze geplagte Tal lange aus. Auf der Terrasse sitzen Männer in Arbeitsmontur. Eine junge Frau trägt Bier heran. Nach einem Zögern von der Länge eines Biers spreche ich sie an. Die Walliser Art? «Das ist möglicherweise Constantins Art, aber sicher nicht die der Walliser», sagt einer in Töffmontur am Tisch auf die Frage nach diesem Walliser Klischee. Er sagt. «Die Walliser sind vielleicht direkt, manchmal etwas ungeschliffen, aber nicht gewalttätig.»

In Ulrichen, vernehme ich, einem Dorf im oberen Teil des Obergoms, gebe es im Hotel Walser das typische Gomser Raclette, von dem schon der Sternekoch Dietmar Sawyere schwärmte. Ein Telefon und noch einmal mit dem Auto das Tal hoch. Ob man dort auch etwas über die Walliser Art erfährt?

Die Familie des ehemaligen Landwirts und heutigen Besitzers des Hotels Walser, Andy Imfeld, ist seit 1634 im Dorf angesiedelt. Der Titel Einheimischer ist bei ihm gewissermassen eine Untertreibung. «Die Walliser wissen, was es heisst, zu überleben», sagt Imfeld. Das erkläre ihre kämpferische Art. Auch ihre konservativen, manchmal eigenbrötlerischen Ansichten. Beides stehe der Innovation im Tal zwar manchmal im Weg, sagt er. Obwohl, sagt er, es sei gar nicht schlecht, dass das grosse Skigebiet, auf das viele im Tal einst gehofft hatten, nie verwirklicht worden sei. «Man pflegt im Goms einen gemächlichen Rhythmus», sagt Imfeld.

Andy Imfeld trägt einen halben Laib Käse herbei und stellt den Ofen an. Ein Apfelschorle zu bestellen, gehört sich nicht, gibt einem Imfeld indirekt zu verstehen, indem er für den Üsserschwizer Gast und sich je ein Glas Fendant ordert. Der Käse brutzelt bald. Wie muss es denn sein, das Walliser Raclette? «Nicht zu räss, und es darf nicht ausfetten.» Zudem kein Pfeffer oder anderes Gewürz drauf. Er hat recht. Nach einer Stunde hat Imfeld für die Gäste auf der Sonnenterrasse beinahe den ganzen halben Laib streifenweise und in routinierten Bewegungen abgeschabt – ein überaus sinnlicher Vorgang.

Schliesslich gibt mir Imfeld eine CD mit. Darauf enthalten sind neu interpretierte alte Walliser Lieder. Beinahe wären einige von ihnen verloren gegangen, hätten nicht jene 1860 nach Argentinien ausgewanderte Ulricher sie in Übersee konserviert und vor ein paar Jahren wieder zurück ins Dorf gebracht. Gute Geschichte, doch die Musik ist etwas flach geraten. Zu viel Heiterkeit, dabei gehe es doch ums Überleben, wie ich lernte. Zurück beim Parkplatz die Feststellung, dass der «Sport»-Knopf das lässigste Gadget ist an unserem Mazda, den wir zu erwähnen versprachen.

Andy Imfeld über die Zürcher, die Walliser und das richtige Raclette-Feeling. (Video: David Sarasin)

Am nächsten Morgen gibt es noch Zeit für einen Abstecher ins Binntal. Ein Seitental des Obergoms mit 200 Einwohnern und einer derart schmalen Hauptachse, dass gewisse Fahrer fast kriechen. Unterwegs ein aufregender, ziemlich langer Tunnel, der nur jeweils in eine Richtung befahrbar ist. Er mündet in der Siedlung Fäld, die mit dem «kleinsten Dorfplatz der Schweiz» wirbt. Ist diese Sackgasse auch das Ende der Welt? Beim Spaziergang auf die Anhöhe gibt es Indizien dafür, dass dies nicht der Fall ist. Zum einen kreuzen einen dauernd Mountainbiker – er ohne E-Antrieb, sie mit. Gerade so schnell, dass man beim Aufeinandertreffen locker noch ein paar Dinge besprechen könnte. Tut man nicht. Das Postauto, dass einem auf dem steilen Schotterweg kreuzt, holt einem definitiv aus dem Tagtraum von unberührter Landschaft.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch