Der Eisenformer

Plötzlich wurde Bruno Staub selber zu einer dieser seltsamen Attraktionen: Er schmiedet Eisen wie im Mittelalter. Wir haben ihn an ein Spektakel begleitet.

Auch am Greenfield Festival 2017 hatte Bruno Staub einen Auftritt. Video: Martin Bürki


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Bruno Staub lässt den Blasebalg sinken, und augenblicklich lodern die Flammen in der Esse wieder hoch. Das unför­mige Eisenstück am Ende seiner Zange beginnt orangerot zu glimmen, wird für kurze Zeit weich und beweglich. Auf dem Amboss verwandelt der Schmied das glühende Stück mit wenigen gezielten Hammerschlägen in einen Zelt-hering. Ein junger Besucher des zweitägigen Mittelaltermarkts im solothurnischen Wolfwil schaut interessiert zu. «Weshalb sind seine Hände voller Russ?», fragt der Kleine seinen Vater, mit dem er vor der Showschmiede steht. Dem Erwachsenen ist derweil eher die mittelalterliche Gewandung des Schmiedes einen zweiten Blick wert.

Schmied Staub hatte als gelernter ­Sanitärinstallateur nie Eisen im Feuer, bis er 2007 einen Grundkurs im Schmieden belegte. «Es war das Coolste, was ich je gemacht habe», sagt der Stadtzürcher. Da sei seine Liebe zu diesem Handwerk aus ihm «herausgekitzelt» worden.

Für ihn zählen die Leidenschaft und das Trainieren der nächsten Generation: Bruno Staub am Mittelaltermarkt in Wolfwil. Bild: Dominique Meienberg

Es war ein Arbeitskollege, der ihm dann von den Schaudarstellern ­erzählte, die in ihrer Freizeit die finsteren Jahrhunderte hochleben lassen. Sein erster Besuch an einem solchen Mittelaltermarkt sei seltsam gewesen: Da begegnete er bereits vor dem Eingang einem Betrunkenen in Ritterrüstung. Es gab so seltsame Attraktionen wie eine ­Truppe, die «Handauflegen für eine Brustvergrösserung» bewarb, oder ein Scharfrichter, der Momente auf seiner Streckbank anbot. «Nicht in meinen Träumen hätte ich mir vorstellen können, dass es so was gibt», sagt Staub. Doch habe er auf seinem Rundgang auch viel beeindruckende, vom Mittelalter inspirierte Handwerkskunst entdeckt, gesehen, wie Schalen getöpfert, wie Löffel geschnitzt und Felle verarbeitet werden. Und natürlich, wie Schwerter geschmiedet werden. «Ich war plötzlich interessiert daran, die alten Techniken der Schmiederei zu erlernen.»

Eine mittelalterliche Familie

In der Bibliothek und im Internet informierte sich Staub über das Frühmittelalter – übte alles, von der Herstellung von Schwertern und Messern bis zu alltäglichen Gegenständen wie Fackelhalterungen oder die Kleiderhaken in seiner Werkstatt. Nicht für alles gibt es eine Anleitung aus der damaligen Zeit: «Einige Techniken bleiben eine Annäherung an das ursprüngliche Handwerk», sagt Staub, und damit müsse man leben. Doch sei der Spielraum des Möglichen riesig und gebe ihm die Chance, seiner Kreativität freien Lauf zu lassen. Vor seinem ersten Auftritt als Schau­darsteller an einem Mittelaltermarkt war Staub nervös: «Die Truppen, die ihr Handwerk zeigten, wirkten von aussen wie ein Insiderclub», sagt Staub. Seine Sorgen waren unbegründet: Die Stimmung vor Ort habe ihn dann eher an ein Familienfest erinnert: «Es ist ein herzliches Miteinander.» Das zeigt sich auch an diesem Tag in Wolfwil. Viele, die an seinem Stand vorbeiziehen, rufen ihm ein «Hoi, Schmidi» zu.

Die Mittelalter-Familie in Wolfwil. Bild: Dominique Meienberg

Seine mittelalterlichen Freunde sind auch schon als Retter in der Not eingesprungen: Beispielsweise damals, als sein selbst gebautes Wikingerzelt einem nächtlichen Gewitter nicht mehr standhielt. Im Zelt pflegt Staub während eines Markts nämlich auch zu übernachten. «Eine Textnachricht in unserem gemeinsamen Chat genügte, und in den frühsten Morgenstunden halfen mir Leute beim Wiederaufbau», sagt Staub, der schliesslich 2015 seine eigene Schmiede- und Schlosserfirma grün­dete. «Rund die Hälfte meines Umsatzes stammt heutzutage aus diesen Mittelaltermärkten.»

Eisenformer mit Herz

Von seiner neu entdeckten Liebe zeugt auch Staubs selbst gezeichnetes Logo: Nebst seinem Namen, «Der Eisenformer», prangen unter einer lodernden Flamme ein Hammer, Symbol fürs Handwerk, ein Kreuz, Erinnerung an den christlichen Glauben, und ein Herz, Zeichen für die Liebe zu seinen Mitmenschen und die Freude am Weitergeben seines Wissens an andere. «Es ist die Balance dieser drei Elemente, die mich antreibt», sagt Staub. Rund ein Dutzend Mal im Jahr zieht es ihn an Mittelaltermärkte. Da gehe es ihm dann besonders darum, eine Stimmung zu erzeugen, sagt Staub und versteckt sogleich den knallroten Feuerlöscher hinter Holzablagen und wilden Fellen. So ist es einzig ein Holzkistchen mit den Symbolen von Kreditkartenfirmen, das an diesem Tag anzeigt, in welchem Jahrhundert wir uns gerade befinden.

Natürlich gehören auch die Ritterkämpfe an einen Mittelaltermarkt. Ob wohl Staub das Schwert geschmiedet hat? Bild: Dominique Meienberg

www.eisenformer.ch. Nächstes Mittelalterspektakel und Highland-Games: ab 1. August in Fehraltorf.

Erstellt: 29.07.2019, 12:59 Uhr

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