Der glutenfreie Irrsinn

Lebensmittelunverträglichkeiten sind das Statussymbol unseres Jahrzehnts. Und eine Geissel für die Gastronomie.

Mit oder ohne? Auch Pancakes haben es in sich.

Mit oder ohne? Auch Pancakes haben es in sich. Bild: Brett Stevens/Getty Images

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Eine Nachricht aus Irland zauberte mir in dieser Woche ein Lächeln ins Gesicht: Da soll es doch tatsächlich einen Wirt geben, der sich gegen die grassierende Hysterie in Sachen Lebensmittelunverträglichkeiten stemmt. Paul Stenson, so der Name des mutigen Mannes, lasse in seinem Café nur noch glutenfreie Kost zubereiten, wenn die Kundschaft ihre Glutenunverträglichkeit mittels eines ärztlichen Attests nachweisen könne.

«Heute Morgen», so berichtete Stenson auf der Facebook-Seite seines Lokals, «fragte uns eine junge Frau, ob wir auch glutenfreie Pancakes im Angebot hätten. Als wir sie dann fragten, ob sie unter Zöliakie leide, wusste sie noch nicht einmal, was das Wort bedeutet, und bestellte dann ganz gewöhnliche Pancakes mit Gluten drin.» Der Schluss, den der Cafébetreiber zog, ist deshalb simpel: «Leute, die noch nicht einmal wissen, worum es sich bei Gluten handelt, sollen verdammt noch mal zur Vernunft kommen und normale Speisen essen wie alle anderen auch.»

Die Zahl der Meldungen ist explodiert

Bevor Sie sich jetzt fürchterlich aufregen und dem widerborstigen Mister Stenson die Pest oder ein Multipack Lebensmittelunverträglichkeiten an den Hals wünschen, gemach! Die ganze Geschichte ist nur ein gut geplanter Marketing-Gag. Stenson fiel in der Vergangenheit wiederholt mit provokativen Posts auf. Und wenn Sie ihm versichern können, dass Sie tatsächlich unter Zöliakie leiden, wird er Ihnen wohl auch ein glutenfreies Menü servieren.

Eines aber ist sicher: Die Zahl der in Restaurants und Cafés gemeldeten Lebensmittelunverträglichkeiten ist derart explodiert, dass man sich schon fragen muss, ob es da mit rechten Dingen zugeht. Oder anders ausgedrückt: Lebensmittelunverträglichkeiten sind das Statussymbol unseres Jahrzehnts, vorausgesetzt, man leidet nicht wirklich unter ihnen. Denn dann ist das wirklich kein Spass.

Doch wir wollen in diesem «Züritipp»-Gastroblog ja schimpfen und nicht verständnisvoll sein. Daher nun eine Statistik, die unsere Argumentation stützt: Von hundert Menschen, die von ihrem Hausarzt mit Verdacht auf Laktoseintoleranz zu einem Spezialisten geschickt werden, sind nur zehn tatsächlich betroffen. Selbst Mediziner finden, dass Unverträglichkeiten zu stark problematisiert würden.

Besonders absurder Fall

Köche und Restaurantleiter – vor allem in der Spitzengastronomie – berichten von Besuchern, deren Unverträglichkeitslisten so lang seien, dass man meinen könnte, sie hätten den Freihandbuchbestand der Zürcher Zentralbibliothek abgeschrieben. Besonders absurd ist der Fall einer Amerikanerin, die behauptete, sie sei derart allergisch gegen alle erdenklichen Metalle, dass sie nichts, aber auch gar nichts zu sich nehmen könne, das mit Metall in Berührung gekommen sei.

Der mit dieser schwierigen Kundin konfrontierte Koch erfüllte seinen Auftrag bei allem Misstrauen, das er hegte, pflichtbewusst. Auch wenn es ihn irritierte, dass die Dame nicht besorgt war, als er ihr sagte, dass ja auch das Trinkwasser aus einer metallenen Leitung komme. Ärgerlich wurde er erst, als Madame zum Dessert eine Sorbetauswahl bestellte. Auf den Einwand, die Glace sei in einer Maschine aus Metall hergestellt worden, antwortete sie nur: «Macht nichts, man muss ja auch mal eine Ausnahme machen können.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.09.2016, 13:57 Uhr

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