Der grüne Duden – ein Garten-ABC

Die mit Abstand schwierigste Phase im Gärtnerjahr ist jene zwischen dem Ansäen und dem Ernten. Zum Überbrücken braucht es jede Menge Fachvokabular.

Was mag diese Frau wohl aushecken? Foto: Urs Jaudas

Was mag diese Frau wohl aushecken? Foto: Urs Jaudas

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A wie Automower

Höchst umstritten. Die Drohne unter den Gartengeräten. «Könntest du mal unseren Rasen mähen?» – «Nein, keine Zeit, aber ich würde einen Rasenmäherroboter finanzieren.» – «Dann frag ich lieber jemand anderes.»

B wie Biergarten

Am Anfang des ewigen Bierkreislaufs: in Ittingen ins Drahtgeflecht mit den goldenen Hopfendolden hochschauen. Am Ende: in München ins Blätterdach der riesigen Kastanien hochschauen.

C wie Chinagarten

Unsere protestantischen Vorfahren hätten dies womöglich «Eso-Quatsch» genannt. Oder einfach Unsinn. Der Standort des Chinagartens bei der Blatterwiese, ein Geschenk von Zürichs chinesischer Partnerstadt Kunming übrigens, wurde nach den Regeln der Geomantie definiert. Des Erkennens und Erspürens von guten Plätzen in Raum und Landschaft also. Oder: des Feng-Shui fürs Hochbaudepartement. Obwohl: Dass die Lage im Seefeld direkt am See eine gute ist, hätten die meisten auch ohne Zuhilfenahme von Energieströmen erkannt.

D wie Dünger

Erste Hinweise für die Nutzung von Dünger finden sich bereits in der minoischen Zeit, also mehr als 3000 Jahre vor Christus. Man kann also sagen, dass der Mensch seit mehr als 5000 Jahren auf den Nutzen und die positive Wirkung von – Pardon – Scheisse zählt.

E wie essbare Blüten

Der letzte Schrei, sagt man, seien essbare Blüten. Flieder, Gänseblümchen oder auch Rosen verschönern jeden Gartensalat, leicht zu verdauen und leicht anzupflanzen. Vor allem leicht zu pflücken: einfach von den eigenen ungespritzten Blumen abschneiden (die nicht in der Nähe einer stark befahrenen Strasse wachsen), und zwar an einem warmen, trockenen Morgen, sagt man. Sobald der Tau verdunstet ist, schmecken die Blüten am intensivsten.

F wie Frau Gerolds Garten

Der eigentliche Stadtgarten Zürichs bei der Hardbrücke. Obwohl hier mehr Kies und Staub und Gleise zu sehen sind als Grünfläche und Blumen. Neben einem kleinen Nutzgarten mit Früchten und Gemüse spriesst bei Frau Gerold vor allem die Apérokultur und gedeiht der Feierabendüberschwang. Nach dem Motto: Min Garte isch au din Garte.

G wie grüner Daumen

Warum sagt man eigentlich: Der hat einen grünen Daumen? Hat denn, wer im Garten arbeitet, nicht vor allem Dreck unter den Nägeln? Oder schwitzige Hände unter Handschuhen? Oder aber einfach zehn braune Finger? «Braune Hand» wäre also ein Begriff, der der Sache näher kommen würde. Aber das wäre irgendwie zu mehrdeutig. Also entschied man sich wohl für den grünen Daumen. Thumbs up!

H wie Hochlehner-Auflage Sevilla

Expertinnen und Experten des Gärtnerns wissen: Wer schuftet, muss sich anlehnen, zurücklehnen können. Aber wie? So! Auf der Hochlehner-Auflage Sevilla, rot. Das Möbelgeschäft Jysk schreibt überzeugend dazu: «Die Hochlehner-Auflage Sevilla in feurigem Rot bietet nicht nur eine angenehme Sitzfläche, sondern ist zudem auch noch ein trendiger Hingucker.» Wollen die Expertinnen des Eigengartens nicht vor allem dies – dass jeder hinguckt und staunt? Und Anfänger sind vielleicht froh, sehen die Leute nur die Hochlehner-Auflage und nicht die verdörrten Blumen.

I wie Ikea-Tischli

Es wackelt, sobald man leicht mit dem Knie dran stösst, es war billig, saubillig, und bleicht nun seit Jahren auf diversen Balkonen von Studenten-WG aus, geschmückt mit Aschenbecher und festgesetzter Kaffeetasse von jenem Morgen, als man mal wieder richtig früh aufstehen und den Tag nutzen wollte, der so schön begann (lange her). Es ist das einzige Gartenmöbel, das man sich leisten konnte, und Vorbote des Spiesserlebens mit eigenem Garten, das man einst führen wird. Doch, du auch! Wir alle.

J wie Jäten

Eine ehrliche Tätigkeit mit Bodenhaftung, bei der man oft kniet, oft robbt und sich die Hände schmutzig macht; bei der man die Unterseite des Lebens sieht, den Blick für das Kleine übt, Erde riecht, Regenwürmer beobachtet, Ameisenstrassen umlenkt; eine Tätigkeit, bei der man unterscheidet zwischen Wünschenswertem und Minderwertigem, zwischen Schönem und Störendem und dann ins Grübeln gerät, in ein grundsätzliches: Was ist schon schön, was stört denn eigentlich, wo fängt alles an, wo geht alles hin? Et cetera.

K wie Kies

Wie fremd die Welt des Gartenbaus für jene ist, die nur am Rande damit zu tun haben, zeigen folgende Kieselstein­sorten, die neben 40 anderen bei Bau?+?Hobby erhältlich sind: Kies Granito Montofano, Glitterstone schwarz, getrommelte Steine im Netz, Dekorkies Bianca Carrara, Rundkies 655, Jura Gold, Dekosplit Gotthard.

L wie Lustgarten

Das Wort Lust in Lustgarten bezieht sich auf Vergnügen und nicht auf körperliche Erregung. Doch selbst Vergnügen empfinden längst nicht alle Besucher des Lustgartens Berlin. Auf Tripadvisor kommen 23 Prozent der Bewertungen nicht über ein «befriedigend» hinaus, und auch dieses bezieht sich leider nicht auf einen körperlichen Zustand. Das sind also die Argumente dieser doppelten Lustfeinde: «nichts Spezielles», «zu viele Sünneler auf der Wiese», «nichts mehr als eine Schale und Brunnen in der Mitte des Parks». Die wahren Lustkiller sind aber natürlich die Kommentatoren und nicht die Kommentare.

M wie Marihuana

CBD-Stecklinge sind quasi das Gemüse der Saison. Noch nie war die Nachfrage so gross wie in diesem Jahr.

N wie Neophyten

Eine Pflanze mit einer eigenen Website: www.neophyt.ch. Wörtlich übersetzt bedeutet Neophyten: neue Pflanzen. Eigentlich sind die Neophyten, einst aus Amerika eingeführt, friedlich. In der Schweiz gibt es 550 Arten, die sich gut integriert haben. Aber es gibt auch die bösen, die «invasiven» Neophyten, welche die einheimische Flora verdrängen, gesundheitsschädigend sein können und Bachufer destabilisieren. 10 Prozent der Neophyten, die in der Schweiz vorkommen, sind Problempflanzen – die Kevins unter den Pflanzen.

O wie Ortoloco

Genossenschaft von ambitionierten Hobbygärtnern. Eigentlich Hobbybauern. Sie bewirtschaften immerhin 1,4 Hektaren Ackerland und versorgen rund 6000 Menschen mit Gemüse. Sie wollen auch ein Abo? Die Warteliste 2019 steht Ihnen offen.

P wie Pikieren

Dass physische Nähe nicht immer wünschenswert ist, lässt sich nicht nur im Tram, sondern auch an der Pflanzenwelt ablesen. Ebenso dass Entwurzelung nicht in jedem Fall etwas Schlechtes ist. Zusammengefasst sind diese quer zueinander in der Landschaft stehenden Erkenntnisse in der Tätigkeit des Pikierens: des Verpflanzens von jungen Setzlingen, um den Abstand zu vergrössern. Man kann einiges lernen von den Pflanzen. Die Frage ist, was.

Q wie Quadratwurzel

Potenzieren, Wurzel ziehen. Eine der potentesten Wurzeln da draussen: die Bambuswurzel. Ihre Rhizome durchdringen mühelos Teichfolien, sie nehmen Nachbars Garten unterirdisch ein oder durchtreiben Kellerwände. Da hilft nur: eine speziell dicke Plastikfolie.

R wie Rattan

Rattanpalmen liefern einen beliebten Rohstoff für Korbmöbel. Wie man die Halme zum Flechten biegt? Am besten feucht oder unter Dampf. Über Rattanmöbel lässt sich vorzüglich streiten. Ebenso vorzüglich lässt sich an ihren Halmen herumknübeln.

S wie Spross

Der Spross ist überall auf der Welt ein kleiner Trieb. Zart, verletzlich, liebesbedürftig. Der Spross ist in Zürich vor allem ein Gärtner. Die Spross-Gruppe beschäftigt rund 160 Mitarbeiter, besitzt Immobilien und eine wohltätige Stiftung. Und ja, sie schwenkt stetig die Giesskanne mit Geld über den Grasshoppers. Im Moment spriesst dort ausser Zwietracht aber nicht viel.

T wie Terrassencenter

Das Terrassenhaus ist: Egoismus in Beton und Glas. Für die wenigen drinnen ist es fantastisch, für die vielen draussen eine Katastrophe. Leider sind Terrassenhäuser sehr beliebt – und so verschandeln sie ganze Hügelzüge, Limmattäler und Seebecken in diesem Land. Da ist natürlich klar, dass die Gartencenter diese Menschen explizit ansprechen: mit einem Terrassencenter, einer Ecke für Leute mit Aus-, aber ohne Einsicht.

U wie Urban Gardening

Urban Gardening = Guerilla Gardening = Maurice Maggi. Maggi, 1955 geboren, gilt als «Blumenrebell» (NZZ), weil er in Zürich in der Nacht heimlich Samen streute und mittlerweile der Vater von unzähligen Malven ist, die an den Strassenrändern blühen. Der gelernte Landschaftsgärtner ist ein Schweizer Pionier von Urban Gardening. 2014 hat er das Kochbuch «Essbare Stadt» herausgegeben, das 70 vegetarische Rezepte mit Pflanzen aus der Stadt versammelt.

V wie Versailles, der Garten von

Sollte man vielleicht mal besuchen. Es gibt zahlreiche Gründe dafür: 830 Hektaren Fläche (1162 Fussballfelder), 200 000 Bäume, 200 000 jährlich gepflanzte Blumen, 50 Brunnen, 620 Wasserstrahlen, 5570 Meter grosser Kanal.

W wie Wintergarten

Manchmal noch fährt man durch die Wintergärtli-Schweiz. Man fühlt sich dann in der Vergangenheit, denn der Trend ist abgelöst: durch die Loggia.

X wie Xenogamie

Anderes Wort für Fremd- oder Kreuzbestäubung von Blüten. Worttrennung: Xe|no|ga|mie. Grammatik: die Xenogamie; Genitiv: der Xenogamie, Plural: die Xenogamien.

Y wie Y-Chromosomen

2012 haben Forscher an der Weissen Lichtnelke nachgewiesen, dass auch Pflanzen über Geschlechtschromosomen verfügen: Silene latifolia bildet männliche (XY) und weibliche (XX) Blüten aus.

Z wie Zwerg

Zum Gartenzwerg lässt sich Folgendes sagen: Er ist maximal 69 Zentimeter gross, trägt eine Zipfelmütze, einen Bart und ist männlich. Viel spannender ist, dass er ein indirekter Nachfahre der sogenannten Schmuckeremiten ist. Dies waren Menschen, die sich wie Ausstellungsobjekte in extra für sie eingerichtete Nischen in riesigen Gärten reicher Adliger setzten und sich verhielten wie Einsiedler. Körperpflege war für sie verboten. Sie waren im 18. Jahrhundert vor allem in England verbreitet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.05.2018, 20:26 Uhr

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