Der kleine Kaffeeriese

Vicafé breitet sich in ganz Zürich aus. Dabei gibt es das Fenster-Café erst seit vier Jahren.

Gründer Christian Forrer mit Melanie Zwahlen, Chef-Barista der Filiale an der Geroldstrasse. Bild: Sabina Bobst

Gründer Christian Forrer mit Melanie Zwahlen, Chef-Barista der Filiale an der Geroldstrasse. Bild: Sabina Bobst

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«Das ist schon erstaunlich», sagt Christian Forrer und stellt seinen Cappuccino-Becher auf den goldenen Absatz auf einem von vielen stählernen Flamingos, die hier im Hinterhof stehen. Man ist in der Geroldstrasse im Kreis 5. Im Quartier hat letztes Jahr eines von Forrers Cafés aufgemacht. Sein sechstes in Zürich. Erstaunlich ist für Forrer in diesem Moment aber nicht der Erfolg von Vicafé, seiner Firma, die innert weniger Jahre auf einen Betrieb mit sieben Filialen und über 70 Angestellten anwuchs, sondern wie sich der Kaffee in der Wahrnehmung der Leute in den letzten Jahren verändert hat. Vom Alltagsgetränk zum Liebhabergebräu mit Dutzenden Varianten und Gourmet-Vokabular fast wie beim Wein. Wer diesen Wandel verstehen will, ist bei Forrer an der richtigen Adresse.

«Die Leute lassen sich nicht mehr alleine mit Café crème abspeisen lassen», sagt er. Bei ihm auf der Karte sucht man diesen schweizerischsten aller Schweizer Kaffees vergebens. Stattdessen gibt es Flat White, Espresso oder Americano. Wer will, kann Letztgenannten zusammen mit Rahm haben, was einem Café crème am nächsten käme. Das Angebot bei Vicafé ist knapp, die Preise mit 3 Franken für einen Espresso fair bemessen. Wer seinen eigenen Becher mitbringt, kriegt noch 50 Rappen geschenkt. Typisch für Vicafé ist auch das Prinzip mit dem Schalter, «dem Feischter» oder dem «Laden in einem ursprünglichen Sinn», wie Forrer sagt. Er nennt das nicht Take-away oder «On the go», das klinge nach minderer Qualität, sondern schweizerisch «Kaffee für underwägs».

Meterlange Schlangen

Nun bilden sich vor diesen Ausgabefenstern, etwa an der Bahnhofstrasse, am Bellevue oder eben im Kreis 5 jeden Morgen meterlange Schlangen. Brav stehen die Pendler an. Auch das ist typisch. Und für Forrer nichts Schlechtes, im Gegenteil. «Die Leute halten kurz inne, gehören für einen Moment zu einer Gruppe, von der alle dieselbe Absicht haben», sagt er. Beides, Schlange und Qualität, gehört für ihn mittlerweile zur Identität seines Geschäfts.

Doch war das nicht immer so. Den ersten Laden mit eigener Rösterei eröffnete Forrer zusammen mit Kurt Lambert im Jahr 2010 in Eglisau im Zürcher Unterland, wo er auch aufgewachsen ist. Und wo er 2010 die einst in Eglisau produzierte Vivi Kola wiederbelebte. Mit Erfolg: Zur Eröffnung kamen 500 Eglisauer, bald gab es Vivi Kola in den Zürcher Bars, das Design passte zum seit vielen Jahren andauernden Retrotrend. Kaffee produzieren war für ihn ein logischer Schritt.

«Geplant war das nicht, aber als wir merkten, dass es funktioniert, machten wir weiter.»Christian Forrer, Geschäftsführer Vicafé

«Kaffee und Kola passen gut zusammen», sagte er sich, als er in Südafrika eine in ein Café integrierte Rösterei besuchte. «Beides ist schwarz, beides enthält Koffein, beides hat eine gewisse Kolonialwaren-Ausstrahlung.» Forrer wusste, dass er so was auch in der Schweiz probieren wollte. Er fragte den Röster in Südafrika, ob er ihm dabei helfen wolle. Er wollte.

Forrer expandierte bald in die Stadt Zürich, wo er 2014 am Goldbrunnenplatz das erste Vicafé eröffnete. Von da an ging es aufwärts. «Geplant war das nicht, aber als wir merkten, dass es funktioniert, machten wir weiter», sagt Forrer.

Dankbar für Starbucks

Third Wave Coffee nennt Forrer den derzeitigen Wertewandel rund um Kaffee. Kaffee als Kennerware und als Lifestyle-Produkt. Am Anfang stand Starbucks, das merkte Forrer schon in den 1990er-Jahren. Trotz der Preise, die bei Vicafé fast halb so hoch sind wie beim Kaffeeriesen, kämen sich die beiden Firmen in Zürich nicht in die Quere. Im Gegenteil. «Wir sind froh, hat sich das Ansehen des Kaffees so verändert. Und Starbucks machte den Anfang.»

«Wir sind froh, hat sich das Ansehen des Kaffees so verändert. Und Starbucks machte den Anfang.» 

Christian Forrer, Gründer Vicafé

Nicht nur was Qualität, auch was Nachhaltigkeit betrifft, seien die Leute heute kritischer geworden. «Die Kunden wollen wissen, woher kommt, was sie trinken», sagt Forrer. Die Kaffeesorten finden die Betreiber bei Recherchen und Reisen in Asien, Afrika und Südamerika. Sie versuchen dabei, langfristige Verträge auszuhandeln. Von den Kaffeereisen inspiriert ist auch das Design der neuen Zürcher Mini-Caféläden, die Dschungel-Tapeten, die stählernen Flamingos im Hof. Dieses Jahr hat Forrer zudem einen Kaffeebauern aus Guatemala in die Schweiz eingeladen, um vor Angestellten und Kunden aus seinem Alltag zu erzählen.

Bald folgt ein Café am Münsterhof

Ein weiteres Café im Zunfthaus zur Meisen am Münsterhof öffnet seine Türen im November. Zwei weitere Standorte in der Stadt sind bereits in Planung. Auch solche in anderen Städten oder im Ausland sind für Forrer nicht ausgeschlossen. «Mal schauen, wohin die Reise geht», sagt er.

Erstellt: 02.10.2018, 11:08 Uhr

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