Der Personal Trainer, dein Freund und Gegner

Der Charakter einer Stadt verrät sich in ihren Gyms. In Zürich trifft man auf Edel-Gyms mit freundlichen Trainern – mit weniger freundlichem Training.

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Die Mentalität einer Stadt zeigt sich in vielem: den Clubs, den Bars, den Restaurants. Und seit wir modernen Zeitgenossen alle im Grunde hobbylos sind und diese Lücke mit Sport und Bewegung füllen, sind auch die Gyms zu Orten geworden, in denen sich der Charakter einer Stadt spiegelt. Typisch für Zürich sind Hochglanz-Gyms, wo Möchtegern-Models und Insta-Stars ihren wertvollen Schweiss absondern. Unverzichtbares Accessoire eines Edel-Gym ist der Personal Trainer.

Früher das Privileg von Stars und Celebrities, berichten heute gewöhnliche Bekannte beim Apéro ganz beiläufig von eigenen Personal Trainern. Und weil ich herausfinden wollte, ob das wirklich einen Unterschied macht, liess ich mich zu einem Probetraining in den Nextlevel-Sportsclub mitschleppen – natürlich in der vollen Überzeugung, das eigentlich nicht nötig zu haben, weil ich ja sowieso alles, was mein Training angeht, schon bestens zu durchschauen meine.

Ich wurde eines Besseren belehrt. Personal Trainer sind in der Regel gut gebaute und gut gelaunte Kerle, erkennbar an den Klientinnen im Schlepptau. Mit diesen legen sie Ziele fest, stellen Trainings- und Ernährungspläne zusammen, begleiten das jeweilige Workout. Im Grunde funktioniert das Ganze als eine Art Placebo. So wie man sich schon viel besser fühlt, sobald ein Arzt auftaucht, bewirkt die Anwesenheit eines Personal Trainers – ja, was? Ich würde gern sagen, dass man sich fit und dynamisch fühlt. Oder in den richtigen Händen. Das kommt wohl ein bisschen auf den Charakter an. Wenn man tickt wie ich, will man den Personal Trainer vor allem beeindrucken. Und das kann ganz schön anstrengend werden.

Personal Trainer Max ist als Mensch so freundlich wie ein Käsebrot. Sein Training war es weniger. Oder vielleicht war es nicht nur das Training, sondern einfach der Umstand, dass Max zu sympathisch ist, als dass man ihn enttäuschen möchte. Wir trainierten kaum eine Stunde, aber diese Stunde hatte es in sich: Es gab ein Ganzkörpertraining, unterteilt in Supersets: abwechselnd Klimmzüge und Squats, Bankdrücken und Lounges, und wenn Ihnen diese Begriffe nichts sagen: Danach ist man ziemlich fertig. Zwischendurch für eine Minute an die Rudermaschine, wobei ich mich so verausgabte, dass die Lichter in meinem Oberstübchen gefährlich flackerten.

Nach knapp 60 Minuten kroch ich zwar nicht aus dem Gym. Ich schritt aufrechten Hauptes um die nächste Ecke und brach erst dort zusammen. Danach brauchte ich zwei Tage, bis ich wieder normal gehen konnte. Also ein perfektes Training.


Michèle Binswanger ist Autorin beim «Tages-Anzeiger», liebt Sport und Trainingsphilosophien. Wöchentlich schreibt sie die Work-out-Kolumne und postet regelmässig auf diesem Instagram-Kanal.

Erstellt: 10.10.2019, 17:02 Uhr

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