Zum Hauptinhalt springen

In Zürichs Entschleunigungsmaschine

Im Café Schober scheint seit Jahrzehnten die Zeit stillzustehen. Doch das Straussenleder verrät etwas anderes.

Nicola Brusa
So reichhaltig Dekor und Vitrinenauslagen in der Conditorei Schober sind – ohne Gäste wirkt sie dennoch trostlos. Foto: Urs Jaudas
So reichhaltig Dekor und Vitrinenauslagen in der Conditorei Schober sind – ohne Gäste wirkt sie dennoch trostlos. Foto: Urs Jaudas

9.08 Uhr

Caramelisieren ist eine heikle Angelegenheit. Einige Tropfen Wasser, angemessene Hitze und Geduld machen aus dem körnigen Zucker eine zähe Masse. Von einem Moment auf den anderen zieht die Kelle braune Fäden aus dem Granulat, das sie eben noch vor sich her und zur Seite geschoben hat. Dieser Moment hat etwas Magisches.

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Zuckerkorn, das in dieser Welt da draussen nur so herumgeschoben wird. Die wohlige Wärme des Lebens, wo ist sie geblieben? Und dann plötzlich überrollt einen diese Wärme, ein Schwall, ein Gutsch, ein Tsunami überkommt einen, es ist fast so, als hätte man auf der mittleren Etage eines Schokoladenbrunnens schnell den Schokoladenschwall (keine zartbittere, eher so 60-Prozent-Peru-Kakao-Milchschokolade) durchschritten.

Zeit wird zäh, und ich, das Zuckerkorn, bin Teil eines grösseren Ganzen. Golden-braun, warm, süss. So, ziemlich genau so ist es, wenn man an einem gewöhnlichen Morgen in das Schober in der Zürcher Altstadt eintritt. «Conditorei Th. Schober» steht an der Glastür zum Paradies. Harfenklänge empfangen den Gast – und machen das, was das Schober am besten kann: Es nimmt den Gast aus der Zeit. Man steht vor dieser Vitrine und denkt: Incroyable, welche Köstlichkeiten Frankreich für Gott bereithält. St. Honoré etwa oder riesige Meringues. Die Caramelisierung beginnt vor dieser Vitrine bei den Schuhen, Zehen werden zu zähem Caramel, die Füsse zu heben, ist nun ein Kraftakt.

9.12 Uhr

Es gibt Leute – und da wären wir am Ursprung dieser Idee, Cafébesuche zu protokollieren –, die gehen jeden Morgen in dasselbe Café, in «ihr» Café, wo sie sich jeden Morgen an denselben Platz setzen, dasselbe Heissgetränk konsumieren, dieselbe Zeitung lesen und um dieselbe Zeit wie am Vortag «ihr» Café wieder verlassen. Im Schober gibt es diese Leute um 9.12 Uhr offenbar nicht. Das Café ist beinahe leer, und man überlegt sich einen Moment, was es mit «meinem», «seinem», «ihrem» Café auf sich hat. Weshalb kann man sich nicht entscheiden, ob man das nicht mehr möchte (wenn man ein «eigenes» Café hat) oder ob man das auch möchte (wenn man eben kein «eigenes» hat)?

9.17 Uhr

Das Schober, das ist eines jener Cafés, in denen man sich nach Möglichkeit immer an denselben Platz setzt. Selbst dann, wenn man nur selten dort ist. Mein Platz ist auf der gepolsterten Bank ganz ­zuoberst. Das rote Straussenleder, mit dem diese überzogen ist, wird langsam spröde und rissig. Fährt man mit den Fingern den Rissen nach, kann man den Lauf der Zeit fühlen, man muss es sich bloss vorstellen wollen. 1874 übernahm Theodor Schober senior das Haus.

Gegenüber im hohen Raum mit dem reichen Stuck und den schweren Kronleuchtern steht eine kleine Bar mit elegantem Warenlift. In den beiden Kaffeemühlen hat es keine einzige Bohne.

Meine Bestellung: das Schober-Frühstück und ein kleines Birchermüesli ohne Rahm. Die Bedienung im klassischen Gewand der Serviertochter eilt auf modernen, weichen, leisen Sneakers herbei und verschwindet ebenso geräuschlos, wie sie gekommen ist.

9.20 Uhr

Sind es diese Schuhe, Nike Air, welche die Caramelisierung des Personals verhindern? An den Wänden sind die Gemälde, mit Bergen, Viadukten, Pyramiden, Minarett, noch nicht mal richtig bestaunt worden, da wird das Bestellte schon aufgetragen. Unten, in der mittleren Ebene, der Samt-Höhle, machen sich nun weitere Gäste breit. Es wäre der ideale Ort, Mittelsmänner und -frauen anzuwerben. Das viele Samt schluckt die Worte, kaum haben sie den Mund verlassen. Vorne an der Treppe steht ein Flügel, an dem man sich so einen Beethoven mit weisser Lockenperücke gut vorstellen kann. Eine Zeit lang sitze ich noch ganz alleine auf dieser langen roten Bank in der Mitte. Selbst das schönste, prunkvollste, reichste Café der Stadt hat leer etwas Trostloses. Grosse farbige Ostereier, Hasen auf den Podesten, Teppichläufer auf den Treppen, üppig dekorierte Schaufenster machen das einen Moment lang auch nicht besser.

9.28 Uhr

Was genau macht dieses Birchermüesli hier aus? Ein bisschen mehr Zitrone als Zucker vielleicht? Oder schmeckt man den Gegensatz zur Deko? Einst sass ich hier neben einem der besten, wenn nicht dem besten Birchermüesli-Esser der Stadt. Damals wurde es in hohen, verzierten Gläsern serviert, mit diesen langen Löffeln. Der Mann löffelte das Birchermüesli in einen Tempo, dass einem schwindelig wurde. Dazu hob er das Glas leicht an, kippte es ein wenig, fasste den Löffel ganz hinten und schaufelte das Birchermüesli (mit Schlagrahm) mit aus dem Ellbogen rotierenden Bewegungen in den Mund. Er tat dies – im Unterschied zu Donut- oder Hotdog-Wettessern – in keinster Weise barbarisch, sondern mit der dem Könner eigenen Eleganz. Der Laden war voll, wären wir nicht in einer derart stilvollen Umgebung gesessen, wir hätten applaudiert, die anderen Gäste wären eingestiegen, Standing Ovations für den Mann am Tisch 4 (von rechts gesehen).

9.42 Uhr

Langsam füllt sich das Schober auch auf der dritten Etage. Der Ort, «cosy & atmospheric decor» (Tripadvisor) steht in ­manchem Reiseführer. Züritüütsch wird hier kaum gesprochen, ­Englisch umso mehr. Der Lärmpegel nimmt überproportional zu den ­Leuten zu. Die schweren Vorhänge, die hier mal hingen, hätten dem entgegengehalten, so ist es plötzlich einen Hauch zu laut. Die Arie aus dem Lautsprechern ist nur noch in Fetzen zu hören. Langsam werde ich wieder Zucker.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch