«Die Erstdiagnose in der Klinik lautete: Narzissmus»

Florian Burkhardts führte ein Leben zwischen Hollywood und Burghölzli. Nun hat «Electroboy» seine Geschichte literarisch aufgearbeitet.

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Kann das wirklich sein? Ist dieser in elegantem Schwarz gekleidete, aufgeräumt wirkende Mittvierziger, der uns hier Cola Zero nippend gegenübersitzt, um über sein neues Buch und das musikalische Comeback zu reden, tatsächlich der Florian Burkhardt aus Marcel Gislers 2014 erschienenem Dokfilm «Electroboy»?

Also jener getriebene Typ, dem wir in einem Mix aus Mitleid und Voyeurismus zwei Stunden lang zugeschaut haben, wie er 1996 aus dem beengenden Elternhaus im Luzerner Hinterland ausbricht, nach Los Angeles flieht, um Hollywoodstar zu werden, stattdessen aber ein begehrtes Fotomodell wird, das für Labels wie Dolce & Gabbana, Gucci und Prada läuft und posiert? Der auf dem Karrierehöhepunkt aussteigt, sich mit seiner ersten Liebe, einem einfachen Bauernbub, ins Landei-Idyll zurückzieht, verlassen wird und den Schmerz «erstickt», indem er für Zürichs damals trendigste Werbeagentur ein Videokunstportal kreiert?

Und dabei so krass überdreht, dass er 2001 mitten im HB eine heftige Panikattacke erleidet, monatelang mit Angstzuständen in der Wohnung hockt, bis er sich selbst ins Burghölzli einweist? Der, obwohl nach der Psychotherapie noch labil, 2004 die «Electroboy»-Partyreihe lanciert, mit dem Ziel, der Technoszene den visuellen Overkill zu verabreichen? Und der sich schliesslich mit grad mal 32 aus der Öffentlichkeit verabschiedet, weil er wegen der pathologischen Angststörung nicht mehr in der Lage ist, einer geregelten Arbeit nachzugehen – und darum sein Leben nun mit einer bescheidenen Invalidenrente bestreitet?

Warum tun Sie sich das nochmals an?
Was meinen Sie?

Rampenlicht, Medienrummel und Stress – all das, was damals im Jahr 2001 zum Zusammenbruch führte.
So extrem ist es diesmal nicht. Ich habe Lesungen gemacht, dazu kam letzte ­Woche die Taufe des Songs. Und die ­Medienanfragen sind überschaubar.

Und die Angststörung? Haben Sie diese überwunden?
Nein, die ist immer noch da. Ich habe sie dank den vielen Medikamenten, die ich täglich nehmen muss, einigermassen im Griff. Aber sobald ich vors Publikum ­treten und lesen muss, werde ich sehr nervös. Ich muss dann versuchen, einfach ans Produkt zu denken, dann gehts. Aber Freude habe ich nicht daran, es ist immer eine Gratwanderung.

«Ich habe den Promi-Status nie gesucht.»

Also doch die alten Muster!
Ich glaube, ich habe mittlerweile eine Art Schutzhaltung. Ich bin Einzelgänger, kommuniziere gern per Mail, halte überall den nötigen Abstand . . . Es ist ein ­Leben in der sicheren Schutzblase.

Das klingt fast ein wenig nach einem Romanautoren-Klischee.
(lacht) Tatsache ist: Ich hatte gar nie die Idee, ein Buch zu schreiben, das war alles Zufall. Ich habe von Matthias Landwehr, dem Literaturagenten von Christian Kracht und Florian Illies, ein Mail bekommen. Er meinte, er habe den Film über mich gesehen und finde, in meinem Leben stecke Literatur. Bei einem Kaffee in Berlin hat er mich schliesslich vier Stunden bearbeitet, ich solle ein Buch schreiben. Ich dachte, ich schaffe es eh nicht, ein Buch zu schreiben.

Wie haben Sie es dennoch geschafft?
Ich war mal kurz im Sportjournalismus tätig, später gab ich ein Fanzine heraus. Vor ein paar Jahren konnte ich für «Watson» eine Kolumne schreiben, wobei mir die dortige Autorin Simone Meier wichtige Kniffs zeigte. So kam ich immer besser rein, hatte immer mehr Freude. Gut war, dass ich mein Tempo verfolgen konnte, ohne Druck. Ich bin ein langsamer Schreiber, ich folge und vertraue stets der Melodie, die ist mir wichtig.

Auch wenn Sie das Schreiben nicht gesucht haben: Helfen die Bücher, Ihren verlorenen Promi-Status ein wenig zu kompensieren?
Ich weiss, dass ich das Image eines Narzissten habe. Doch während meiner Zeit in Hollywood habe ich alle Interview­anfragen abgelehnt. Auch bei den «Electroboy»-Partys blieb ich meistens im Hintergrund. Ich habe den Promi-Status nie gesucht. Ich war immer dann bereit, in die Öffentlichkeit zu gehen, wenn es einem Projekt half, sonst habe ich es bleiben lassen.

Video – Trailer zu «Electroboy»

Dann sind Sie gar kein Narzisst?
Die Erstdiagnose in der Psychiatrischen Klinik lautete Narzissmus. Doch alle folgenden Befunde stellten das infrage. Ich nenne es Ego. Das braucht auch, wer eine Doktorarbeit schreibt . . . Oder wer als Journalist arbeitet.

Damals, in Ihrer Blütezeit, wenn man es so nennen will, waren Sie für Aussenstehende wirklich eine Art öffentlichkeitsscheues Phantom. Spannender aber ist die Frage nach Ihrer eigenen Selbstwahrnehmung dieser Zeit. War die realitätsnah?
Sie war absolut realitätsfern. Ich habe in Hotels gelebt, ich bin all diesen Celebrities vorgestellt worden, die mir nichts bedeutet haben. Mir machte es nie Eindruck, mit David La Chappelle rumzuhängen. Ich habe mich in dieser Szene gar nicht ausgekannt. Das ist heute übrigens noch genauso: Mich interessiert ein guter Zürcher Bäcker ebenso sehr wie eine Berühmtheit in Los Angeles.

Trotzdem sagten Sie im Film: «Klar gehe ich nach Hollywood, klar werde ich ein Star.» Sie waren von der Scheinwelt eben doch fasziniert.
Ich bin im Buch ja sehr ehrlich. Ich verglich mich damals mit Jesus, der jetzt in Hollywood auftaucht, um River Phoenix zu ersetzen, der kurz zuvor gestorben war, im «Viper Room». Da ging ich selbstverständlich auch hin, und auch ich bin da auf dem Boden gelegen – bis mich die Security auflas und rausbegleitete. Die total krankhafte Selbstüberschätzung, ja – aber die Celebrities haben mich trotzdem nicht gross interessiert.

War diese Selbstüberschätzung letztlich der Schlüssel zum Erfolg?
Der enorme, leicht naive Glaube an mich selbst hat schon sehr viel ermöglicht. Es war jedoch nicht mein Ziel, berühmt zu werden, ich wollte mich vor allem selber umsetzen. Nach 21 Jahren elterlichem Gefängnis wollte ich alles ein- und aufholen, was in der jugendlichen Fantasie geblüht hatte. Weil ich so wenig Kontakt zur Aussenwelt gehabt hatte, dachte und plante ich mein Leben wie nach einem Drehbuch. Deshalb heisst mein Roman «Das Gewicht der Freiheit»: Plötzlich hatte ich alles und fragte mich: Und nun?

Das passt zur heutigen Welt, in der es von Selbstdarstellern wimmelt.
Ich habe mich vor beiden Büchern gefragt, ob das Thema überhaupt jemanden interessieren und einen Mehrwert haben könnte.

Einmal Model, immer Model: Florian Burkhardt weiss auch Jahrzehnte nach der Catwalk-Karriere, wie man richtig posiert. Foto: Samuel Schalch

Und was ist dieser Mehrwert?
In Berlin wohnte ich im Prenzlauer Berg, da war der Mehrwert täglich ersichtlich, durch Helikoptereltern, die ihre Kinder mit Helmen ausstatten, ins Yoga schicken, sie überhaupt so krass überfürsorgen, dass die Kinder fast daran ersticken. Das ist eins zu eins meine Geschichte. Und beim neuen Buch haben Sie es bereits erwähnt: Mehr Freiheit, Optionen und Möglichkeiten als heute gab es vielleicht noch nie. Da im Prinzip also alle alles machen könnten, muss, wer Erfolg will, immer präsent, kompetitiv und toll sein. Völlig absurd, der Begriff «narzisstische Gesellschaft» passt bestens.

Und damit wären wir auch bei den sozialen Medien.
Was mich fasziniert: Die Leute erachten Konsum als etwas Kreatives, sie meinen, allein die Auswahl mache sie zu Stars, nach dem Motto: «Ich bin, was ich habe.» Ähnlich bei Facebook: Wer produziert da wirklich interessante Inhalte? Es ist vornehmlich ein Durcheinanderwirbeln existierender Banalitäten.

Als ehemaliger Internetpionier sind Sie da fast zwangsläufig präsent.
Ich hab ein Facebookprofil, auf dem ich Lesungen oder die CD-Taufe teile, nur ein Mal, ich will niemanden nerven. Aber ein Hirsch im Social-Media-Bereich bin ich nicht, ich bin da ziemlich out.

«Wir sind jetzt halt alte Säcke, die durch die Freude an der Sache angetrieben werden.»

In Anbetracht, dass Sie früher quasi den Zeitgeist mitformten, ist das eine sehr erstaunliche Aussage.
Ich war nie der Typ, der überlegt hat, was wohl als Nächstes kommt. Ich mache einfach das, worauf ich gerade Lust habe. Ohne einen Kumpel, der mir das Internet gezeigt hatte, wäre ich nie auf die Idee gekommen, etwas damit zu machen. Ich war also damals nicht bewusst am Puls der Zeit und bin es heute nicht.

Sie waren gar nicht der Trendsetter, als der Sie stets dargestellt werden?
Wenn ich von etwas begeistert bin, möchte ich es gerne teilen. Das galt für alles, was ich machte, das war meine Rolle. Ich wollte einfach integer sein.

Auch «Electroboy» war eine Ihrer Rollen – passt das Pseudonym noch zum heutigen Florian Burkhardt?
Ich hatte eine Liste mit anderen Pseudo­nymen, doch Produzent Luk Zimmermann wollte «Electroboy», weil man das kennt. Für mich steht im Vordergrund, überhaupt mit ihm arbeiten zu dürfen; Erfolg oder nicht, das war kein Thema. Für Luk aber ist die Platte nicht nur Spass, sondern auch Business, darum war ich mit dem Wunsch einverstanden.

Die Single klingt wie Electro-Pop aus den Nullerjahren.
Es ist Musik, die mir etwas bedeutet. Wenn ich mit meinem jungen Lebenspartner darüber rede, komme ich mir aber schon vor wie ein Relikt. Dazu passt, dass der damalige Technopapst Arnold Meyer die Promo-Arbeit macht und François Chalet ein Cover kreierte, das alle Grafiktrends negiert. Wir sind jetzt halt alte Säcke, die weniger durch ultimativen Ehrgeiz als in erster Linie durch die Freude an der Sache angetrieben werden. Das find ich cool. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.02.2018, 15:23 Uhr

«Das Gewicht der Freiheit»

Burkhardts neuer Roman

In seinem zweiten autobiografischen Roman «Das Gewicht der Freiheit» (Wörterseh-­Verlag) erzählt Florian Burkhardt von seinen wilden Abenteuern in Hollywood, in der Modebranche und als «Electroboy» in Zürichs Partyszene, aber auch vom Zusammenbruch, dem Aufenthalt im Burghölzli und den Jahren der Zurückgezogenheit. Parallel zum Buch wurde die mit Luk Zimmermann (Ex-Lunik) produzierte Single «Nur eine Maschine» veröffentlicht, für die Grafik-Altmeister François Chalet das Cover gestaltete. (dsa/thw)

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