Die Figuren galten als verschollen – bis zu diesem Zufall

Just im Moment, als im Zürcher Seefeld die Transportkiste geöffnet wurde, kam ein Mann vorbei und löste ein Rätsel um die bekannte Dadaistin Sophie Taeuber-Arp auf.

«Isöö» (Senfkraut-Katsina), sie repräsentiert Wildkräuter (links) und «Angwusnasomataqa» (Krähenmutter) im Hopi-Hochzeitskleid (rechts). Fotos: Markus Roost

«Isöö» (Senfkraut-Katsina), sie repräsentiert Wildkräuter (links) und «Angwusnasomataqa» (Krähenmutter) im Hopi-Hochzeitskleid (rechts). Fotos: Markus Roost

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«Ich glaube, der Trieb, die Gegenstände, die wir besitzen, zu verschönern, ist ein tiefer, ursprünglicher. Ein Beispiel hierfür scheinen mir die Indianerfrauen, die schwer arbeiten müssen und doch ihre Kleidungsstücke mit den reichsten Mustern aus Vogelfedern und Stachelschweinborsten verzieren.»

Diese – hier ein wenig verknappt wiedergegebene – Passage stammt aus einem Text von der bekannten Dadaistin Sophie Taeuber-Arp mit dem Titel «Bemerkungen über den Unterricht im ornamentalen Entwerfen», den die bekannte Schweizer Dadaistin während einer Tätigkeit als Lehrkraft an der Kunstgewerbeschule Zürich 1922 verfasste. Darin beschäftigte sich die damals 33-jährige Künstlerin mit dem visuellen Vokabular und der Wirkung von Formen, andererseits aber auch mit den zentralen Aspekten der Farbtheorie – und dabei, wie oben gesehen, auch begeistert mit indianischen Quill- und Federarbeiten.

Die Faszination der gebürtigen Davoserin für das Kunstschaffen der sogenannten Native Americans hatte unterschiedliche Ursprünge: Zum einen war es die verspielte Neugier der weltoffenen Dada-Bewegung für die «andersartige» Kunst aussereuropäischer Gesellschaften und Kulturen. Mit dieser erarbeitete man neue Ausdrucksformen, parodierte aber auch gestandene Traditionen des Bürgertums – was auch Taeuber-Arp beeinflusste. Der andere Referenzpunkt dagegen war persönlicher Natur: Wie Fotografien aus dem Jahr 1904 belegen, hatte die jugendliche Sophie eine Wand ihres Zimmers mit fotografischen Reproduktionen von Indianern, Federschmuck, Messern und Tomahawks ausgestattet. Durchaus möglich, dass dies eine Folge jenes in Nordamerika und Europa ums Jahr 1900 aufkommenden Trends war, das Eigenheim mit Indianerbildern und indigenen Artefakten zu schmücken (was in etwa vergleichbar war mit der hüben wie drüben anno 1950 losbrechenden Modewelle der polynesischen Tiki-Kunst).

Sophie Taeuber-Arp und Erika Schlegel in den Maskenballkostümen. Foto: Fondation Arp

Man schrieb das Jahr 1925, als Sophie Taeuber-Arp in der Bibliothek des 1916 von Emma und Carl Gustav Jung und dem Ehepaar McCormick-Rockefeller gegründeten Psychologischen Clubs Zürich, in dem ihre Schwester Erika Schlegel tätig war, auf zwei indianische Katsina-Figuren stiess, die C. G. Jung von einem Besuch bei Pueblo-Indianern mitgebracht hatte. Solche «Ritualpuppen» wurden von den Indianervölkern im Südwesten der Vereinigten Staaten anlässlich von feierlichen Zeremonien als Nachbildungen von Ahnen- und Naturgeistern aus Holz geschnitzt und verziert. Die schlichte, aber doch markante Ästhetik der beiden kleinen Figuren – einer «Isöö» (Senfkraut-Katsina) und einer «Angwusnasomataqa» (Krähenmutter) – zog die Künstlerin derart in den Bann, dass sie auf Basis von deren Mustern und Ornamenten mit ihrer Schwester Erika zwei Kostüme für einen Maskenball herstellte, den sie gemeinsam besuchten.

Derweil diese zwei Unikate, die heute im Privatbesitz sind, als Dauerleihgabe im Aargauer Kunsthaus zu bestaunen sind, galten die Vorlagen, sprich C. G. Jungs Katsina-Figuren, als verschollen; ob sie überhaupt noch existierten, konnte niemand mit Gewissheit sagen.

Fundort Ferienhaus

Dies war auch dann noch der letzte Wissensstand in der internationalen Kunstszene, als das im Zürcher Seefeld beheimatete Nordamerika Native Museum – kurz Nonam – im Frühling dieses Jahres die Ausstellung «Katsinam. Wolkenvolk und Ahnengeister» zu gestalten begann.

Wenige Tage vor der Eröffnung wurde dann auch eine Replika von Sophie Taeuber-Arps Senfkraut-Katsina-Kostüm angeliefert. Just im Moment, als die eindrückliche Transportkiste geöffnet wurde, kam zufällig ein Mitarbeiter der städtischen Dendrochronologie (Jahresringforschung) hinzu, deren Labor sich im selben Gebäude befindet. Als Nonam-Kuratorin Heidrun Löb, umringt von ihrem Team, beim Anblick des Gewands ihr Bedauern darüber äusserte, dass nach all den Jahren noch immer nichts über den Verbleib von Jungs Katsinas bekannt sei, räusperte sich der Dendrochronologe. Er sagte zur totalen Verblüffung der Anwesenden, er wisse sehr wohl, wo sich diese zwei indianischen Figuren befänden – nämlich im Ferienhaus im Bündnerland, das seit 1964 seinem Familienzweig gehöre und in dem er seit Kindheit ein- und ausgehe.

Der Clou war, dass es sich bei diesem Mann um einen Nachfahren von Jung handelte (er möchte hier nicht mit Namen genannt sein) – der als Mitglied der «Stiftung der Werke von C. G. Jung» auch von Recherchen vernommen hatte, die sich mit der Bedeutung der besagten Katsinas beschäftigten. Der ganze Kunstschatz des renommierten Psychiaters wird dieser Tage im Buch «The Art of C. G. Jung» publik gemacht.

«Es fühlt sich fast so an, als hätte man unabsichtlich den Heiligen Gral gefunden», sagt Kuratorin Löb lachend am Telefon. Fakt jedenfalls ist: Nun, rund sieben Monate nach dieser glücklichen Fügung, sind die zwei VIFs (Very Important Figures) bis am 11. Januar im Nonam zu sehen – und zwar erstmals überhaupt zusammen mit dem Kostüm, das sie inspiriert haben.

«Katsinam. Wolkenvolk und Ahnengeister», bis März 2019. Nonam Seefeldstrasse 317, 8008 Zürich. www.nonam.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2018, 11:58 Uhr

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