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Die «Heimspiele» haben begonnen

An den ersten Konzerten der beliebten «Stadtsommer»-Reihe gab es magische Momente. Es ging aber auch etwas atemlos durch die Nacht.

Thomas Wyss
Brandy Butler & The Brokenhearted in der Bäckeranlage. Foto: Doris Fanconi
Brandy Butler & The Brokenhearted in der Bäckeranlage. Foto: Doris Fanconi

Klar, ein Selbstläufer ist das nie, da muss einiges zusammenkommen, damit das wirklich zündet. Zum Beispiel der lauwarme Sommerabend. Und die zauberhafte Kulisse. In der sich eine fidele Crowd versammelt, die bereit ist, mitzugehen, gar den (Tanz-)Boden unter den Füssen zu verlieren. Ist aber all das gegeben, kann es tatsächlich passieren, das emotionale Feuerwerk, für das die «Stadtsommer»-Gigs bekannt sind.

Ob das am letzten Freitag der Fall war, als die Gratiskonzertreihe mit den Cowboys From Hell und Elina Duni auf dem Platzspitzareal lancierte wurde, wissen wir nicht, da waren wir anderweitig unterwegs. Am Samstag waren wir aber mittendrin, statt nur dabei.

Dieses Liedgut hat Format

Mittendrin auf der Bäckeranlage, die derart gut gefüllt war, dass man bestätigt bekam, was man seit zwei Wochen irgendwie geahnt hatte – dass nämlich ­unanständig viele Zürcher den Sommer 2017 mit Chind und Chegel in der eigenen Stadt verbringen! Ja, und etliche dieser Familien steckten dann um 21 Uhr auf ihrer Picknickdecke noch mitten im Znacht, als sich vorne auf der Bühne ­Singer-Songwriterin Ursina anschickte, mit einer kleinen, aber feinen Band ihr Debütalbum «You Have My Heart» vorzustellen.

Dass die in Disentis aufgewachsene Wahlzürcherin skandinavische Stimmen und Songstrukturen mag – zu ihren Darlings zählen Ane Brun, José Gonzáles oder Efterklang –, war den sphärisch skizzierten Klanggebilden, die sich mal zu elfenhaft verspielten und mal zu trippig verschlauften Arrangements auswuchsen, unschwer anzuhören, und man spürte: Dieses Liedgut hat Format.

Gleichwohl mochte es die Zuhörer, von denen manch einer, durchaus passend zum Sound, ein Marihuana-Stümpchen zwischen den Lippen hatte, nicht vollends in den Bann zu schlagen – was wohl an der doch etwas gar schüchternen Performance von Ursina & Co lag. Eine Feststellung, die unterstreicht: Nicht nur im Sport, auch in der Kunst ist der Druck bei «Heimspielen» um einiges grösser, und das kann zu Hemmungen führen.

Ist mehr wirklich mehr?

Es kann aber auch beflügeln, wie Brandy Butler & The Brokenhearted beim zweiten Gig des Abends demonstrierten. Und dies, obwohl die im zarten Alter von 14 aus Philadelphia nach Zürich übersiedelte Sängerin auf dem Album «The Inventory of Goodbye» die verschiedenen Phasen einer zerbrechenden Liebe und damit ein nicht allzu frohlockendes Thema abhandelt. Doch sie und ihre Band, zu der sich an diesem Abend – wie am «Stadtsommer» üblich – mit Sängerin Annie Goodchild und Violinist Hong Yip auch noch Gäste gesellen, zelebrierten dieses meist in Blues und Soul getünchte Leid zwischen Absturz und Aufbruch mit solcher Innigkeit und Verve, dass gewisse Leute im Publikum gut überdrehten und plötzlich schamanenartige Tänze aufs Kiesparkett legten.

Und doch, muss man sagen, wäre wohl noch mehr möglich gewesen. Was jedoch nicht an den Musikern, sondern am Konzept lag: Dass 2017 pro «Stadtsommer»-Soiree zwei Gruppen auftreten, ist eine Novität, unter anderem der Tatsache geschuldet, dass der Anlass aus Budgetgründen nur noch alle zwei Jahre stattfinden kann. Die Idee, deshalb die Zahl der Künstler zu verdoppeln, ist löblich. Allerdings müssten künftig wohl auch die Rahmenbedingungen angepasst, sprich der Beginn um eine Stunde auf 20 Uhr vorverlegt werden.

So ginge es wahrscheinlich nicht gar so atemlos durch die Nacht (um es, Pardon, mit einer Helene-Fischer-Songzeile zu sagen) wie am Samstag – stattdessen würden magische Momente wie jener, als Brandy Butler die bewegende Geschichte schilderte, die zum grandiosen Stück «The Hardest» führte, wieder genügend Raum und Zeit bekommen.

Nächste Konzerte: 3., 4. und 5. August. www.stadtsommer.ch

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