Die Hölle sind die anderen

Es gibt wenig Schlimmeres als Mitmenschen, die sich in Restaurants nicht zu benehmen wissen. Ein paar Geschichten aus dem Fegefeuer – genannt Nachbartisch.

Wenn der benachbarte Tisch samt Gästen zum fremden Planeten wird: Ein Restaurant aus der Vogelperspektive. Foto: Paco Romero (Getty Images)

Wenn der benachbarte Tisch samt Gästen zum fremden Planeten wird: Ein Restaurant aus der Vogelperspektive. Foto: Paco Romero (Getty Images)

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Das grosse Schweigen

Als kinderloses Paar geht man gerne ausserhalb der Hauptsaison in die Ferien. Das ist weiter nicht spektakulär. Interessant ist eher, dass auch Hundertschaften von Pensionierten diesen Trick kennen, also teilt man sich, ganz egal, wie abgelegen die Ortschaft ist, in der man verweilt, jeweils Strandabschnitt, Altstadtpromenade oder Restaurant. So sitzt man dann als vergleichsweise junges Paar in diesem an Pensionierten vollen Speisesaal in einem Bed & Breakfast irgendwo in einem Land, in dem es auch im Oktober noch warm genug ist, um zu baden.

Das wäre weiter nicht schlimm, das Problem ist nur: Um einen herum schweigen alle. Sodass man die Reibung der Kieferknochen beim Kauen hört. Mucksmäuschenstille, derart penetrant, derart lange und derart unverschämt, dass man beginnt, immer grössere Schlücke vom (ausgezeichneten) Wein zu nehmen. Und sich irgendwann wie manisch Geschichten zu erzählen beginnt, nur um diese grau melierte, wohlrasierte, kurz behemdete, von der Südsonne leicht gerötete, aber eben auch unheimlich schweigsame Atmosphäre irgendwie abzuwenden. Und um ja nicht verwechselt zu werden. Denn die Hölle, das sind in diesem Fall ganz eindeutig die anderen. (dsa)

Das ungepflegte Tischgespräch

Natürlich stellen sich immer auch Fragen beim Betrachten der Tischnachbarn. Ganz automatisch quasi. Bei einer Männergruppe etwa, alle Mitte 40, Typ KMU-Chef, mit Bäuchen und grauen Haaren, in ein lebendiges Gespräch verwickelt. Man fragt sich zum Beispiel, wie die so zueinander stehen. Ob sie verheiratet sind oder nicht. Was sie hier in dieses Hotel in St. Moritz (3 Sterne) bringt, was sie im Ort machen und: über was sie wohl so reden.

Letztgenannte Frage beantworteten sie nach einigen Gläsern Wein ungefragt selber. Die drei beginnen nämlich ebenso selbstverständlich wie lautstark Pufferfahrungen auszutauschen. Nein, die ist längst nicht mehr im La Boum . . . Dazu trinken sie Wein und essen Kartoffelstock. Man ist angewidert ob der Spezies Mensch generell und im Speziellen ob diesen Männern, und man versucht nun, sich nichts mehr zu fragen, sondern eher aktiv wegzuhören. Weil dies nicht gelingt, tauscht meine weibliche Begleitung ihre Zuhörerinnen- in eine Akteurinnenrolle, steht auf und geht zum Nachbarstisch. «Grüezi, Sie dürfen natürlich sprechen, worüber Sie wollen, aber könnten Sie das vielleicht etwas leiser tun?»

Die Männer sind verdattert, wissen zuerst nicht, wie sie reagieren sollen. Ihre Antwort schliesslich ist eine blanke Lüge: «Wir haben gar nicht über Puffs geredet.» Und wir fühlen uns trotzdem besser. (dsa)

Wenn die Nachbarn ausrasten

Am Rande von St. Moritz gibt es in einer alten Baracke ein alternatives Restaurant, das gleichzeitig auch Halligalli-Schuppen ist. Warum es das gibt, ist nicht klar. Wahrscheinlich will man den Reichen in der Ortschaft auch ausserhalb der 5-Stern-Ästhetik etwas bieten, mutmasst man. Wie auch immer, klar ist, dass man hier als Zürcher, wenn unvorbereitet, ziemlich ins Staunen gerät. Diese Vermengung von Geld und prolligem Spass gibt es bei uns nicht, zumindest nicht an für alle zugänglichen Orten.

Am Nachbarstisch sass nun erstens eine Grossfamilie, dem Aussehen nach indischer Herkunft, die freizügig Getränke bestellte, hauptsächlich Champagner und Wodka, ansonsten aber wenig auffiel. Daneben sass zweitens an einem langen Tisch eine Gruppe junger, gelfrisierter Einheimischer. Sie grölten Fussballfangesänge, sodass man sich überlegte, aufzustehen und sie freundlich zu bitten, die Lautstärke etwas zu drosseln.

Wie lächerlich das gewesen wäre, zeigte sich fünf Minuten später, als der Mann hinter der Bar die Musikanlage aufdrehte und «We Will Rock You» durch die Hütte pumpen liess, als wären wir beim Soundcheck im Wembley. Das Essen stand erst gerade auf dem Tisch, doch ans Reden war längst nicht mehr zu denken. Die Nachbarn standen zu dem Zeitpunkt auch schon auf den Stühlen, tanzten, klatschten und sangen. Nicht nur der Nachbarstisch, nein, das ganze Restaurant verwandelte sich in eine Festbude.

Es gab nun nur noch mit- oder heimgehen. Wir entschieden uns – verschämt und gleichzeitig angewidert – für das Zweite. Die Betreiber bemerkten, dass wir nicht vorbereitet waren auf dieses Spektakel, und offerierten uns Wein, Wasser und Kaffee. (dsa)

Männer und Fleisch – gefährlich

Es gibt in der Stadt viele Fleischlokale. Zwei davon kenne ich am Paradeplatz, eines in der Binz und ein ganz neues am Hottingerplatz. Diese Restaurants ziehen Männergruppen magisch an. Männer und Fleisch sind eine impulsive Kombination. Und da erlebt man dann auch mal eine Gesellschaft, die einen Polterabend bei argentinischem Rindsfilet zelebriert und bei dieser Gelegenheit alles, was nicht Mann ist, ebenfalls zum Fleisch zählt. Oder die Anwälte, die einen gewonnenen Fall oder so feiern mit einer guten Flasche Wein und dann zu bluffen beginnen. Zuerst mit Erfolgen bei Verhandlungen, dann mit Erfolgen auf dem Golfplatz, dann mit Erfolgen bei Frauen, dann mit Erfolgen beim Sonderzubehör ihres neusten Autos.

Oder Kollegen und Kolleginnen aus der Bank, die über Mittag im Verhältnis 3 zu 1 im Restaurant aufkreuzen, mehr als ein Kilo Fleisch ordern, die Bedienung für den Weintipp auslachen («Es darf dann schon auch ein etwas teurerer sein!») und dann zuhanden der einen Bankerin und by the way zuhanden der Mitgäste die Welt, durchsetzt mit englischen Begriffen, erklären. En Guete! (bra)

Das Erklärungsvakuum

Im Zug, da gibts am Fenster diese Tischchen. Und so gelten auch die Gespräche, die man im Lauf einer Zugfahrt aufschnappt, als Tischgespräche. Die Frage, die sich der gewohnte Pendler stellt: Finden solche Gespräche immer statt oder immer nur dann, wenn er die Kopfhörer vergessen hat? Item. Da ist dieser Walliser, ein Mann von Welt (mit Nischensprache), der zwei älteren Damen die moderne Welt erklärt. «Internet im Zug? Lausige Qualität, bringts nicht. Arbeiten im Zug? Unmöglich. Ein bisschen mailen, klar, aber arbeiten? Ha!»

So dreht sich dieses Gespräch im Kreis. Ha! Oder die Dame, die einen Gynäkologen braucht. Besser eine Gynäkologin. Und ihren Bekanntenkreis auf der Suche abtelefoniert. Und ihr Problem beschreibt. In allen Facetten. Wäre man ein Telemediziner, man könnte sicher eine erste Diagnose stellen. Ja, es juckt! Aber Telemediziner gibt es keine im Zug. Die könnten dort ja nicht arbeiten. Ha! (bra)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2018, 13:17 Uhr

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