Die Immobilien-Fee

Nadia Loosli verschickt täglich einen Newsletter mit Zürcher Wohnungsinseraten. Das braucht Nerven.

Nadia Loosli strahlt aus, was Wohnungssuchende oft brauchen: Zuversicht. Foto: Raisa Durandi

Nadia Loosli strahlt aus, was Wohnungssuchende oft brauchen: Zuversicht. Foto: Raisa Durandi

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«Wir sind ein Paar auf der Suche nach einer 3-3,5 Zimmer Wohnung Preis bis 1400fr. Doch uns sind leider die Hände gebunden, wir haben Schulden die man nicht einfach wegradieren kann können Sie uns helfen?»

Dies ist eine Mail, die Nadia Loosli vor einiger Zeit bekommen hat. Helfen konnte sie in diesem Fall allerdings nicht, und das kommt selten vor. Doch die Nachricht kam aus dem Raum Basel, und Looslis Reich ist Zürich. Seit bald 20 Jahren verschickt die 45-Jährige jeden Tag ihr Immomailing mit Wohnungsinseraten. Wer eine Wohnung zu vergeben hat, kann sie in Looslis Newsletter kostenlos ausschreiben – es sei denn, diese ist bereits bei Homegate ausgeschrieben oder kostet ein Vermögen. Im Immomailing landen nur Wohnungen, die mit zwei mittleren Einkommen bezahlbar sind.

Loosli bekommt Einblick in private Probleme, dazu zählen Scheidungen, Depressionen, Geldnot.

Auch wenn sie niemandem eine Wohnung herzaubern kann, so schätzen viele Looslis Ratschläge. Doch, und das ist ihr wichtig, persönliche Betreuung liege nicht drin. «Suchen muss seine Wohnung noch jeder selber», sagt sie und blickt unter ihren dunklen Locken hervor. Sie sitzt in einem Café im Seefeld, während draussen die Fussgänger ihre Mantelkrägen hochschlagen. Das Du hat sie schon vorgängig im Mail angeboten. Loosli strahlt aus, was die Leute, die ihr wöchentlich Mails schreiben, oft am dringendsten brauchen: Zuversicht.

«Als alleinerziehende Mutter eines 4-jährigen Sohnes, ohne Alimente oder sonstige Zuschüsse (befinde mich in Scheidung, habe eine Wohnung, die mich über einen Drittel meines Einkommens kostet, habe keinerlei Rücklagen, bin quasi «Selbstversorgerin» und komme grad so über die Runden mit manchmal etwas Zustupf von Vater und Mutter zum Essen kaufen) suche ich eine 2,5 bis 3-Zimmerwohnung in Zürich für allerhöchstens 1200,- inkl. [...] Falls ich eine Chance habe, bei dir in der Liste Wohnungen zu finden die ich bezahlen kann [...] bezahle ich auch gerne CHF 46,-. Das ist für uns sehr viel Geld, aber es wäre es mir wert.»

Bei solchen Mails setzt sich Nadia Loosli an den Computer und googelt Anlaufstellen, an die sich die Mutter wenden könnte. Sie schreibt der Frau zurück, sie habe auch zwei Buben und wisse, wie anstrengend das manchmal sei («ehrlich, du hast meine ganze Bewunderung»), sie bietet an, die Frau ohne die angesprochenen 46 Franken Anmeldegebühr in ihre Verteilerliste zu nehmen, sie wünsche ihr viel Kraft.

«Ich bin eine 45 jährige zürcherin und bin auch davon betroffen eine wohnung zu suchen in zürich. ich musste schweren herzens meine ruhige, wunderschöne 3 1/2 zr.dachwohnung verlassen. 15 jahre lebte ich glücklich dort und niemals habe ich damit gerechnet, dass ich wieder zügeln muss.....nach dem umzug bin ich in eine schwere depression gefallen und habe aufgrund dessen auch noch meine stelle verlohren.»

Loosli bekommt Einblick in private Probleme, dazu zählen Scheidungen, Depressionen, Geldnot. Manche Mails sind tadellos geschrieben, andere strotzen vor Fehlern. Ab und zu steht jemand mit einer Flasche Wein vor Looslis Tür, meist aber kommt keine Antwort. Einige sind gerührt über ihre Unterstützung («mir kommt das Augenwasser»), immer häufiger allerdings reagieren die Leute ungehalten, wenn Loosli nicht die perfekte Wohnung auf dem Newsletter hat. Ist das nicht anstrengend? Nein, sagt sie, und wirkt selber fast verwundert. Um etwas Mut zu machen, dafür nehme sie sich gerne eine Viertelstunde Zeit. Und schliesslich: Es ist ihr Job. Längst hat ihr Immomailing, entstanden aus einem Freundschaftsdienst Ende der Neunzigerjahre, seinen familiären Touch verloren, es ist ein Geschäft, mit dem Loosli neben ihrer Arbeit als selbstständige Grafikerin Geld verdient.

Zürcher sind verwöhnt

Viele Zürcher seien verwöhnt, was ihre Wohnungen angehe, sagt Loosli. Ein Teil ihrer Abonnenten – damit meint sie nicht die Ausgesteuerten, Betriebenen, Alleinerziehenden – suche lediglich etwas Besseres: einen Boden mit Fischgratparkett, keine Kinder in der Nachbarwohnung, eine eigene Waschmaschine. Dabei seien sie oft zu fokussiert, wollten nur auf der rechten Seeseite wohnen oder unbedingt im Kreis 4. Wenn sie dann fragt, weshalb jemand unbedingt in diesem oder jenem Quartier bleiben muss, kommt oft das Argument: die Kinder. «Sehr kurzsichtig», sagt Loosli, «Kinder passen sich häufig schneller an, als man denkt.»

«Ich bin mittlerweile ganz verzweifelt, da bislang keine Rückmeldung für Besichtigungstermin. Würde für die Wohnung mein letztes Hemd geben und ohne Besichtigung per sofort nehmen.»

Wenn sie aufzählt, was sie entmutigten Wohnungssuchenden rät, klingt sie wie eine geduldige Lehrerin: Erweitere deinen Radius, sei aktiv, glaub an deine Chance. Sie spricht in diesen Momenten auch gar nicht nur über Wohnungen. «Manche Leute denken, was sie brauchen, sei eine neue Wohnung», sagt Loosli und winkt einer Bekannten am Nebentisch zu, «doch das Problem liegt ganz woanders.» Manchmal verhindert eine nicht vorhandene Wohnung auch einen Neustart: Einem Häftling, der aus dem Vollzug hätte entlassen werden können, aber keine Wohnung fand, bot Loosli an, ihn bei der Suche zu unterstützen. Er ging nicht auf das Angebot ein.

«Ich bin Sozialarbeiterin für blinde und sehbehinderte Menschen. Die Wohnungssuche gestaltet sich besonders für diese Menschen sehr schwierig. [...] Vor allem ältere Klientinnen und Klienten sind auf direkte Kontakte oder eine Telefonnummer angewiesen.»

Gerne schweift Loosli ab, erzählt Persönliches, spricht über Zürcher Wohnungspolitik. Bei Letzterer gerät sie ins Referieren. Sie empört sich ob des bürgerlichen «Affentheaters» vor zwei Jahren gegen die städtische Hornbachsiedlung im Seefeld, «da bekomm ich sooo einen Hals». Damals erwähnte sie im Immomailing ihr Engagement im Pro-Komitee für die günstigen Wohnungen. Woraufhin sich empörte Abonnenten meldeten, sie hätten für einen Wohnungsnewsletter bezahlt und nicht für politische Werbung. Nadia Loosli wiederum entgegnete, sie lasse sich ihr Schweigen nicht erkaufen, und erstattete den Abonnenten ihr Geld zurück. «Ich sitze nicht auf meinen Mund, nur weil mir jemand 46 Franken zahlt», sagt sie trotzig.

«Ich sitze nicht auf meinen Mund, nur weil mir jemand 46 Franken zahlt.»Nadia Loosli

Wohin soll es mit dem Newsletter noch gehen? Sie würde ihn gerne, sagt Loosli, und ihre Stimme ist jetzt wieder ruhig, wachsen lassen: nicht in eine andere Stadt, aber mehr Wohnungen anbieten. Und eine Einladung an eine Wohnungseinweihungsparty, das wäre auch mal was.

www.immomailing.ch

Erstellt: 25.01.2017, 08:18 Uhr

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