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Die Irritation sorgt für «magische Momente» an den Porny Days

Um zu verdeutlichen, wieso es das Festival in Zürich braucht, greift Veranstalterin Talaya Schmid auch zu handfesten Methoden.

Talaya Schmid hat das Sexfilmfestival Porny Days gegründet. Foto: Fabienne Andreoli
Talaya Schmid hat das Sexfilmfestival Porny Days gegründet. Foto: Fabienne Andreoli

Was macht Talaya Schmid eigentlich genau? Diese Frage stellt sich einem beim Betrachten ihrer Social-Media-Kanäle. Zu sehen gibt es dort unter anderem: ein Bild, das sie in eine Art Ledergstältli gekleidet zeigt, um ihre Hüften gebunden ein Penis aus Plastik. Oder Schmid, wie sie sich auf den Knien eines jungen Mannes räkelt. Oder ein nackter Männerhintern, auf den sie vor Publikum mit einer Peitsche klatscht. Aber auch selbst gestrickte, bunte Vulvas in Übergrösse zum An-die-Wand-Hängen sind zu sehen. Was möchte uns diese junge Frau damit sagen?

Eine Teilantwort liefert sie beim Gespräch im Zürcher Kosmos. Sie bittet den Schreiber, die Ärmel hochzukrempeln und mit der flachen Hand darauf zu klatschen. Nach einiger Zeit soll er den Arm umfassen und fest daran drücken. Und schliesslich darauf blasen. «Und, fühlt es sich anders an?», fragt sie. Genau darum gehe es im Kern bei allem, was sie tue. Sich spüren, seinen Körper anders wahrnehmen.

Die wache, eloquente, auch etwas scheu wirkende Schmid spricht im Verlauf des Gesprächs gerne in Möglichkeiten. Sie sagt Sätze wie: «Wir müssen mehr über Sex sprechen.» Der bestimmte Ton, mit dem sie spricht, sagt zudem: Es gibt noch einiges zu tun.

Deshalb die eingangs erwähnten Performances, deshalb die Vorträge und die gestrickten Vulvas. Deshalb die viele Zeit, die Schmid der Sexualität widmet. Deshalb auch die Porny Days, das experimentelle Filmfestival mit Sex als Überthema, das seit sechs Jahren einmal im Jahr in Zürich über die Bühne geht. Und das sie zusammen mit zwei Freunden aus einer spontanen Laune heraus gegründet hat. Zu den Organisatoren gehört auch Dario Schoch, er ist Co-Leiter und kümmert sich um die Filmauswahl.

Es geht darum, eigene Grenzen auszuloten

Bei den Filmen, den Darbietungen, aber auch an den Partys gehe es im Kern nur darum, so explizit und befremdend sie teilweise sein mögen, sich selber kennen zu lernen. Seine Grenzen auszuloten und zu erkennen, was mit einem passiert, wenn solche überschritten werden. Was Irritation in einem auslösen kann. Das Ziel ist unbescheiden: ein besseres Leben.

Sex Positivity heisst der geläufige Begriff dazu. Er beschreibt grob gesagt das Feiern einer enttabuisierten Sexualität. Ganz egal, welche Facetten sie annimmt. Gelingt das, übertrage sich das auch auf den Alltag, ist sich Schmid sicher.

An der Schule würden das die Kinder nicht lernen, sagt Schmid, es fehlten die «Weiterbildungsmöglichkeiten». Mit ihrem Festival will sie diesen Leerraum füllen. Der Trend ist international bekannt. In Deutschland werden entsprechende Anlässe von Zehntausenden besucht. Auch die Porny Days wuchsen in den sechs Jahren ihres Bestehens stetig. Fanden an immer mehr Orten gleichzeitig statt und werden von einer immer heterogeneren Gruppe Menschen besucht.

Mit dem Festival wuchs auch Schmids eigener Erkenntnisschatz. «Ich habe in den Jahren, in denen ich die Porny Days mache, viel über mich gelernt», sagt sie.

Pornografie als Spiegel der Gesellschaft

Ihre Auseinandersetzung mit Sexualität hat Schmid in den letzten Jahren den Status der Expertin eingetragen. Sie hält Vorträge und spricht im Fernsehen darüber, in welchem Korsett speziell die Frauen noch immer gefangen seien. Man könne das am gewöhnlichen Porno erkennen, der in der Regel von Männern für Männer gemacht sei.

Ähnliche Diskussionen gibt es schon seit den Siebzigerjahren. Dank Aktivistinnen gelangten sie an die Oberfläche. Schmid sieht sich in einer Traditionslinie mit den Aktivistinnen von damals. Die Porny Days sind heute das, was einmal das Verbrennen von BHs war. Durch Provokation sollen Diskussionen entfacht werden. Leute sollen sensibilisiert werden. Es gibt noch immer viel zu tun.

Einige der Darbietungen an den Porny Days können durch ihre explizite Art irritieren, das weiss Schmid. Die meisten Performances sind fürsie aber «symbolisch, zärtlich, künstlerisch». «Jeder soll sich getrauen, mitzumachen, auch scheue Menschen». Sie nimmt selber auch an den Aufführungen teil. Für Schmid entstünden gerade in der Irritation, welche die Besucher des Festivals erlebten, und sei sie noch so klein, jene «magischen Momente».

Das Gespräch mit Schmid galoppiert. Sie spricht rasch und wohlformuliert. Trotz ihres unermüdlichen Einsatzes: Geld verdienen tut sie damit nicht. Mit den Porny Days schreibe sie höchstens eine schwarze Null. Daneben arbeitet die studierte Künstlerin deshalb an der F+F als Dozentin.

Antworten auf die eingangs gestellte Frage lieferte Schmid in der Stunde des Gesprächs viele verschiedene. Sie wirft aber vor allem noch mehr Fragen auf.

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