Die Kalkbreite: Eure Utopie, unser Leben

Eine Siedlung von Gut- und Bessermenschen. Ein österreichischer Dokfilm stellt die Kalkbreite so dar.

Trailer zum Film: Zeit für Utopien. Video: Vimeo


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Geht es um die Umwelt, um unsere Gesellschaft, den Wandel des Klimas und der Welt allgemein, dann gibt es zwei grosse Fragen. Sie betreffen die Zeit. Wann ist Zeit zu handeln? Wann ist keine Zeit mehr? Es sind ausweichende, vermeidende Fragen. Kurt Langbein, ein österreichischer Dokumentarfilmer, beschäftigt sich sicherlich mit diesen Fragen. Nicht so sein neuer Film. Der geht einen Schritt weiter – er benennt das, was wir sonst so gerne vermeiden, verdrängen, auf später verschieben: dass eigentlich schon längst Zeit ist.

«Zeit für Utopien» heisst der Film, er zeigt Menschen in Afrika, in Südkorea, in Deutschland, in Frankreich – und in der Zürcher Kalkbreite. Menschen, die ihre Utopie leben. Oder vorleben, dass das, was als Utopie gilt, eben nicht länger eine solche sein muss – oder darf.

Langbein porträtiert dafür Gutmenschen, setzt sich mit extremen Beispielen auseinander. Wenn das Zürcher Ehepaar Salzmann seinen Entwurf vom Leben vor der Kamera skizziert, wenn Hebamme Helen Ruppert vom Geburtshaus Delphys davon spricht, dass «die Geburten hier in einem Rahmen stattfinden, mitten im Leben, da, wo sie eben auch hingehören», dann stellt Langbein seine Figuren auch ein bisschen über die anderen. Sie sind Exempel des Richtigen, des Besseren. «Wir machen es anders» lautet der Untertitel des Films.

Sorgfältig komponierte Bilder

Die Botschaft des Films bringt Petra Wähning zu Beginn auf den Punkt. Sie war in der Werbung tätig und begann da «über Alternativen» nachzudenken. «Ich war unglücklich, hatte einen Punkt erreicht, an dem ich nicht mehr länger Teil des Problems sein wollte, sondern Teil der Lösung.» Sie arbeitet heute auf einem Ziegenhof, sieht wieder einen Sinn in ihrer Tätigkeit.

Protagonisten im Film: Die Familie Salzmann beim Frühstücken. Bild: PD

Der Film gibt seinen Protagonisten viel Raum und Zeit, die Bilder sind sehr sorgfältig komponiert. Über einen Ökonomen, der Zug fährt und die Schrumpfung der Wirtschaft als einzige Lösung sieht, über das Nachdenken über das «CO2-Konto» eines jeden Menschen, schwenkt der Film zur Kalkbreite. Während der Ökonom im Off über die Klimaziele referiert, fährt ein Tram ins Tramdepot. Die Kamera filmt von oben – wo Familie Salzmann auf der Dachterrasse steht. «Wohnen», wird eingeblendet, «verursacht im Durchschnitt drei Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr. Ein Bewohner der Kalkbreite verursacht weniger als eine Tonne CO2 pro Jahr.» Frieda und Stefan Salzmann setzen sich mit ihrem Sohn an den gelben Gartentisch und frühstücken. «Wir haben eine Auto-Verzichtserklärung unterzeichnet», erklärt Stefan Salzmann weiter – neben dem Tisch steht ein schwarzer Bobby-Car.

Die Nacht senkt sich über die Stadt, Helen Ruppert zündet eine Kerze an. Sie ist Hebamme im Geburtshaus Delphys und findet es «schön», dass sie hier in der Kalkbreite einen Platz erhalten haben. Später wird Ruppert mit ihren Kolleginnen auf der Terrasse sitzen und Zmittag essen, von der «schönen Basisdemokratie» reden, die in der Kalkbreite ebenso gelebt wird wie in ihrem Team. «Haben jetzt alle einen Teller, die einen Teller wollen?», fragt jemand.

Bilder: Das Wohnprojekt Kalkbreite

Selbstverständlich wird Familie Salzmanns zweites Kind später im Delphys zur Welt kommen. Die Kamera begleitet die drei zur Kontrolle. Vater Salzmann zeichnet während des Ultraschalls die Zukunft, die er seiner ungeborenen Tochter wünscht. Kooperation, globale Solidarität sind Schlagworte, Zufriedenheit darüber, Zeit zu haben und Zeit zu teilen und Ideen ebenso. «Gemeinsam etwas zu erschaffen», sagt Salzmann, bereite genauso viel Freude wie materieller Konsum.

Der Film zeigt Beispiele, wie es auch anders geht. Von Menschen, die finden, dass es an der Zeit ist, die Utopien zu leben. Die Schlussszene gehört wiederum der Familie Salzmann. Die Nacht senkt sich über Zürich, ein Tram fährt ins Depot. Ist das ein Geburtsschrei im Hintergrund? Der Abspann läuft – über das Bild der Familie Salzmann, die sich mit ihrem Neugeborenen in den Armen auf einem Bett ausruht.

«Zeit für Utopien», Dokumentarfilm von Kurt Langbein, Österreich 2018, 95 Min. Bis 9. Mai im Kino Houdini (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.05.2018, 11:18 Uhr

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