Die Kunst der schnellen Verführung

Pius Walker, einstiger Shootingstar der hiesigen Werbebranche, greift wieder an. Mit Lutschbonbons und Pralinés.


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Ein kreativer Werber produziert Ideen am Laufmeter. Wie ein Zauberer seine Hasen oder ein Kettenraucher seine Zigaretten zieht er sie aus der Tasche, eine nach der anderen: Ideen, Ideen, Ideen. Er kann gar nicht anders. Schwupps, und schon ist schon die nächste da. Wahnsinn.

Pius Walker, Kopf der Miniagentur Walker im Zürcher Oberdorf, räumt blitzschnell auf mit diesem Bild. «Die Idee», sagt er, als sich Journalist und Werber freitagnachmittags in seinen kleinen, rot gestrichenen Räumen an der Blaufahnengasse gegenübersitzen und sich der aufkommenden Müdigkeit einer langen Arbeitswoche mittels angeregtem Gespräch erfolgreich entziehen, «die Idee als plötzliche Eingebung ist ein Mythos. Meine Arbeit basiert nicht auf genialen Einfällen.» Und dann, nach kurzer Pause: «Ich kenne auch keinen Werber, den ich für ein Genie halte.»

Nun, vielleicht will er ja kokettieren. Vielleicht will er sich menschlicher, simpler, bescheidener darstellen. Von den vielen Preisen und Trophäen ablenken, die hier in der angeblich «kleinsten Werbeagentur der Welt» auf den Regalen und Sideboards stehen. Preise für die erfolgreichste Social-Media-Kampag­ne, Preise für Internetsites, für Mailings, für Plakate. Darunter auch der Preis für den besten Schweizer Werbespot aller Zeiten, ersonnen von Walker, umgesetzt im Jahr 2007 von dem mittlerweile verstorbenen Oscar-Preisträger Anthony Minghella («Der englische Patient») und Hitchcock-Darstellerin Anna Massey.

Werbespot , der verführt

Besagter Spot ist ein Spielfilm von 60 Sekunden Länge. Man sieht eine alte Dame einen Weg entlangschreiten, gesenkten Hauptes den Friedhof betreten, sich einem Grab nähern. Auf ihrem Gesicht steht tiefe Trauer geschrieben, sagen muss sie dazu nichts.

Kaum ist sie am Grab angekommen, eilt von der Seite ein Bote heran und streckt ihr einen Blumenstrauss samt Begleitbrief entgegen. Sie nimmt beides verwundert an, öffnet den Brief. Aus dem Off ertönt die Stimme ihres verstorbenen Ehemannes, der ihr die Zeilen vorliest. Es ist, in der deutschen Fassung, die Stimme von Mathias Gnädinger. Er sagt: «Mein lieber Schatz, ich wusste, dass ich dich heute hier finde, am Tag aller Tage, unserem Hochzeitstag», und gesteht der Leserin seine Liebe – «so wie damals, so wie immer».

Die Kamera wechselt in die Vogelperspektive. Dann wird das Logo des Blumenlieferanten Fleurop eingeblendet. Und der Slogan «The Power of Flowers».

Quelle: Youtube

Ein perfekter Spot. Wer beim Schauen keine Emotionen verspürt, muss ein Eisklotz sein. Ist das ein Geniestreich?

«Eine gute Idee zu haben, ist vor allem viel Arbeit», macht sich Walker wieder ans Relativieren. «Ein Werbespot ist wie ein Eisberg. Ein Erzeugnis, das aus dem Wasser ragt. Aber darunter verbirgt sich ein riesiger Berg an Vorarbeit, an Fragen und Antworten, an Recherche, an Unbedingt-wissen-Wollen.»

So seien dem Fleurop-Spot monatelange Vorbereitungen und unzählige Gespräche mit allen möglichen Angestellten des Unternehmens vorangegangen. Habe man diese Vorarbeit gewissenhaft geleistet, ergebe sich die richtige Idee fast zwangsläufig. «Es kommt auch nicht darauf an, wer sie gehabt hat», sagt Walker. Die Idee zu seinem neusten Spot für den Kunden Fisherman’s Friend, in dem man ein ungewöhnliches Fischerduo bei der Arbeit sieht, habe zum Beispiel Roger Beckett, ein enger Freund gehabt. Wichtig sei es Ideen, als solche wahrzunehmen, weiterzuspinnen und im Team perfekt umzusetzen. Gute Werber seien hartnäckige, interessierte Menschen, die ein Team motivieren können, meint Walker. Zumindest teilweise zähle er sich da auch dazu.

Sein teuerster Flop

Dass es ihm nicht an Motivation fehlt, kann man mit Sicherheit sagen. Walker, heute 45, gründete seine Agentur bereits vor 14 Jahren. Damals, eben zurückgekehrt von Werbeabenteuern in Deutschland und England und eben erst Vater geworden, empfingen er und seine damalige Frau ihre Kunden noch in der gemeinsamen Wohnung. Die Pampers wurden vorher eiligst versteckt.

Zwei Jahre später, nach einigen erfolgreichen Kampagnen, bezog die Agentur ihre heutigen Räume. Die Devise: Nie mehr als zehn Leute beschäftigen. Derzeit sind es sieben, fünf davon Frauen. «Ich kann einfach besser mit dem anderen Geschlecht», meint er.

Überhaupt ist er ein Lebemann, ein Geniesser, ein Beobachter, ein Fragensteller. Einer, der gern sitzen bleibt, gern Nachtisch bestellt, gern Kultur geniesst und intensiv diskutiert. Einer, der so ­enthusiastisch ist, dass er auch mal hochrot anläuft. Oder sich verspekuliert. Wie damals, 2009, als er die Idee hatte, neben seiner florierenden Agentur in Zürich noch ein Unternehmen in Shanghai zu gründen. Ein Unternehmen, bei dem Geschäftsreisende einen individuellen Touristenführer für ihre Destination mieten konnten.

Erst nur in China, dann, nach und nach, auf der ganzen Welt. Und er wollte das alles allein stemmen, hin- und herjetten zwischen China und der Schweiz, fünf, sechs Werbekunden betreuen und gleichzeitig ein Unternehmen aufbauen. «Mir kam damals gar nicht in den Sinn, dass das vielleicht meine Kapazitäten übersteigen könnte», sagt er heute.

Quelle: Youtube

Ein paar Jahre hat er durch diesen Fehler verloren, ausserdem viel Geld und einen hervorragenden Kundenstamm. Unter anderem, weil die Schweizer Klatschspalten damals fälschlicherweise berichteten, er lasse die Schweiz und das Werbegeschäft hinter sich.

Mehrere Hunderttausend Mal

Heute konzentriert er sich wieder auf die Verführung. Und es gelingt ihm wieder: Für den Fotobuchhersteller Ifolor inszenierte er erst eine wilde Wikingerschlacht, dann eine emotionale Rückblende in die Jugend eines alten Pärchens, für die Swiss Music Awards Trophäen, die wie Fondue-Brotstücke im Mund verschwinden, für Fisherman’s Friend besagtes Fischerabenteuer. Werbemassnahmen, die unterhalten. Spots, die man nicht als störend, als aufdringlich wahrnimmt. Spots, die den Alltag der Konsumenten zu bereichern scheinen, wie die Social-Media-Parameter zeigen. Bereits in der ersten Nacht wurde der Spot für Fisherman’s Friend 400'000-mal angeklickt, Zehntausende Mal auf den Social-Media-Plattformen geteilt. «Wenn die Leute einen Werbespot ihren Facebook-Freunden zeigen wollen, dann haben wir etwas richtig gemacht.»

Bleibt an diesem Freitag die Frage: Wo wollen Sie jetzt hin, Pius Walker? Zurück unter die 50 besten Werbeagenturen der Welt? – «Erst einmal nach Hause. Ich war lange weg gestern. Kennen Sie die Junior Boys? Tolle Band, tolles Konzert.» Schon wieder kokettiert er.

«Nein, im Ernst: Ich will eintauchen in neue Welten. In die Welt der Marken, für die ich arbeite und noch arbeiten werde. Ich will kleine Pralinés produ­zieren, die den Leuten den Tag versüssen.» Bevor wir das Gespräch beenden, schaut er nach, wie oft der neue Spot seit Gesprächsbeginn weiterverbreitet worden ist: mehrere Tausend Mal. «Das ist es! Darum gehts!», ruft Walker. Sein ­Praliné wird geschluckt.

Erstellt: 03.03.2016, 19:11 Uhr

Der Zürcher Werber Pius Walker in seinem Büro an der Blaufahnengasse. Foto: Doris Fanconi

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