Zum Hauptinhalt springen

Die Langstrasse als Patientin

Kann man Städte entwickeln, ohne sie zu verteuern? In den Kreisen 4 und 5 wollen das zwei ETH-Professoren ausprobieren.

Das ungewöhnliche Projekt: «Soziale Denkmalpflege» an der Langstrasse.
Das ungewöhnliche Projekt: «Soziale Denkmalpflege» an der Langstrasse.
Urs Jaudas

Alfredo Brillembourg und Hubert Klumpner sind Notärzte für Städte. Sie reisen um die Welt und verschreiben Rezepte gegen urbane Leiden.

Einen hügeligen Slum in Caracas erschlossen die Architekten mit einer Gondelbahn, dazu liessen sie einen grossen Pool hineinbauen. Den Besetzern der Hochhaus-Bauruine Torre David (ebenfalls in Caracas) halfen sie, die Stromund Wasserversorgung zu verbessern. Mit den Bewohnern eines Slums in Kapstadt entwarfen sie günstige und ökologische Häuschen. In ihrem neuen Buch schlagen die beiden 101 kleine Eingriffe vor, um das krisengelähmte Athen wiederzubeleben.

Derzeit beschäftigen sich Brillembourg und Klumpner mit einer ungewöhnlichen Patientin. Sie leidet nicht an Gewalt und Elend. Das Gegenteil ist das Problem im Zürcher Langstrassenquartier: Hier gibt es zu viel Geld. «Seit Jahren findet eine Verdrängung der ärmeren Bevölkerung statt. Die Europaallee beschleunigt diese Entwicklung, die so ähnlich in vielen westlichen Städten abläuft», sagt Brillembourg. Gemeinsam mit Klumpner hat der 56-Jährige den «Urban Think Tank» gegründet, beide sind Professoren für Städtebau an der ETH. Für ihre Projekte haben die zwei schon mehrere Preise erhalten.

Bei der Diagnose Gentrifizierung wollen es Brillembourg und Klumpner nicht belassen. Wie in Caracas oder Athen suchen sie nach Auswegen. Das Ziel sei eine «inklusive Stadtentwicklung»; eine, die Wandel und Verdichtung erlaubt; eine, die trotzdem niemanden aus der Wohnung drückt.

Dafür brauche es eine Art «soziale Denkmalpflege», sagt Brillembourg. Jene Bewohner, die schon lange im Langstrassenquartier leben, jene Menschen, die den Ort zu dem gemacht haben, was er ist, sollten einen Sonderstatus erhalten. «Man muss nicht nur die Häuser schützen, sondern auch ihre Bewohner und die Atmosphäre, die sie erzeugen», sagt Brillembourg. Bisher hätten die Zürcher Behörden vor allem darauf hingewirkt, die Langstrasse sauber und ruhig zu bekommen.

Die Ladenbesitzer haben Angst

Um ein Quartier zu bewahren, muss man wissen, woraus es besteht: aus welchen Häusern, welchen Menschen, welchen ungeschriebenen Regeln. Deshalb haben Brillembourg, Klumpner und ihre Mitarbeiterin Rebecca Looringh van Beeck zehn Architekturstudenten die Langstrasse untersuchen lassen. «Learning from Langstrasse» hiess das Seminar. Der Titel verweist auf das Buch «Learning from Las Vegas» (1972). Darin testeten Robert Venturi und Denise Scott Brown neue Methoden aus, um jenes flüchtige Etwas einzufangen, das jede Stadt einzigartig macht.

Ein Semester lang sind die Studierenden ausgeschwärmt ins Langstrassenquartier, haben fotografiert, befragt, aufgezeichnet, kartografiert. Dabei legten sie ein Verzeichnis aller Vergnügungslokale an oder versuchten, die Rotlichtetablissements in Typen zu ordnen. Sieben verschiedene Ausprägungen stellten die Studierenden fest, von offensichtlichen Prostitutionskomplexen bis zur diskreten Kontaktbar.

Auch die Geschäfte haben die Studenten untersucht, dabei arbeiteten sie zwei Grossgruppen heraus: zuerst jene Läden, die zum Verein Tribeka gehören. Zu diesem haben sich vor allem jüngere, Design-orientierte Geschäfte zusammengeschlossen, aber auch alteingesessene Bars wie das Xenix machen mit. Die zweite Gruppe besteht aus allen anderen Betrieben, den Coiffeurstudios, kleinen Supermärkten, Telefonständen, Imbissbuden.

Die Tribeka-Läden befänden sich mehrheitlich in Schweizer Besitz, sagt Looringh van Beeck, die zweite Gruppe sei «kulturell vielseitiger». In diesen Läden hielten sich zu den untersuchten Zeiten deutlich mehr Menschen auf. Auch von aussen lassen sich die zwei Gruppen unterscheiden. Während Tribeka-Läden an ihren Fassaden gern auf Grau und Schwarz setzen, wählen die anderen buntere Farben. «Zudem haben wir bei den Nicht-Tribeka-Geschäften eine viel grössere Angst vor der Kündigung des Mietvertrags festgestellt. Sie fühlen sich akut bedroht», sagt Rebecca Looringh van Beeck.

Die Vielfalt auf engstem Raum habe die Studierenden beeindruckt, auch jene, die aus dem Ausland stammen. Manche habe der Kreis 4 an asiatische Grossstädte erinnert, sagt Looringh van Beeck. Auch sie selber, aufgewachsen im südafrikanischen Kapstadt, und Brillembourg, geboren in New York, teilen die Langstrasse-Begeisterung. «Das darf Zürich nicht verlieren.»

Jede Meinung zählt

Brillembourg verweist gerne auf Jane Jacobs. Die New Yorkerin verhinderte in den 50er-Jahren den Bau einer Autobahn, für die man unzählige alte Häuser in Downtown hätte zerstören müssen. «Nur dank Jacobs’ Rettungstat ist New York heute, was es ist. Vor einem solchen Kippmoment steht auch Zürich mit dem Kreis 4», sagt Brillembourg.

Sein Ansatz zur fortschrittlichen Kreis-4-Bewahrung heisst: zuerst alle Beteiligten zusammenbringen, mit allen Betroffenen reden, mit der Prostituierten ebenso wie mit dem Hauseigentümer. Nur so finde man heraus, was die Leute wirklich wollten. «Städte lassen sich nicht allein mit einem Ingenieuransatz am Schreibtisch planen. Die Ideen müssen von unten kommen.»

Eine Vorstellung davon, wohin es gehen könnte mit dem Kreis 4, hat Brillembourg aber bereits. Vertikaler soll er werden. Und vernetzter. Man könnte im ganzen Quartier eine höhere Bebauung erlauben. Als Tausch für die Aufstockung müssten Eigentümer den Geschäften im Erdgeschoss ein Bleiberecht garantieren. Auch das Steigen der Mieten müssten sie im Gegenzug einschränken. Die «Luftrechte» über den Häusern soll man separat kaufen können, um über mehrere Dächer hinweg Projekte umzusetzen, eine Rooftop-Bar zum Beispiel. Brillembourgs Stadtidee entsteht durch viele kleine Eingriffe, woraus sich eine eher anarchistische Ästhetik ergibt.

Eine solche liegt weit in der Zukunft. Derzeit prüfen Brillembourg und Klumpner, wie sie weiterfahren wollen in der Behandlung der Patientin Langstrasse.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch