Das taugen Fussball-Heftli zur WM-Vorbereitung

Wo holt man sich das Fachwissen für den qualifizierten Trash-Talk im Hinblick auf die WM 2018 in Russland? Teil 1 unseres Tests.

WM 2018: Wer sich einen Sommer lang als Fussballexperte ausgeben will, muss früh mit den Vorbereitungen beginnen. Bild: Ballesterer/Bravo Sport

WM 2018: Wer sich einen Sommer lang als Fussballexperte ausgeben will, muss früh mit den Vorbereitungen beginnen. Bild: Ballesterer/Bravo Sport

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Die Plaudertasche
«Bravo Sport»

Zahlen und Fakten

«Bravo Sport» erscheint im 2-Wochen-Rhythmus, kostet 4.70 Franken und hat einen Umfang von rund 60 Seiten. Die verkaufte Auflage (Stand Januar 2018) beträgt 50 861 Exemplare. Thematisch steht der Fussball im Epizentrum, es gibt aber auch Berichte über den ­US-Sport (NBA, NFL), die Formel 1, Handball, Tischtennis oder Web- und Game-News. Wie bei der Standard-«Bravo» findet man im Heft Sticker, Handy-Skins und Poster von Stars und Sternchen.

Angepeiltes Publikum

Das Magazin richtet sich eindeutig an die Jugendlichen. Das zeigt sich an der Sprache («Ronaldos geilste Buden»; «Ausgeliehener Jovic rockt – kauft diesen Knipser»), an den diversen spekulativen Hitlisten und Gerüchten, an Lifestyle- und «Stars privat»-Themen; unter anderem darf Real-Captain und «Mega-Swagger» Sergio Ramos seine Garderobe, seine Familie und seine Tattoos präsentieren, zudem gibts eine «Baby Top 5», in welcher der «CR7-Zwerg» oder der «Mini-Schweini» vorgestellt werden. Eingebettet ist all dies in ein turbulentes Layout mit Wildstyle-Typografie, und die Bilder gibts in allen möglichen Grössen und Schnitten.

Coolness-Faktor

Bei haptisch veranlagten Teenagern (notabene beider Geschlechter), die zwar gern Playstation und so weiter spielen, aber mit einem altbackenen Ding wie einem Heftli doch noch etwas anzufangen wissen, dürfte der Coolness-Faktor beträchtlich sein: «Bravo Sport» ist eine Plaudertasche in Magazinform, aktuelle und künftige Stars werden im besten Boulevardstil abgefeiert und inszeniert, die Aufmachung ist schrill und Fanzine-mässig, es hat Witziges und Kompetitives (also Wettbewerbe) drin.

Möglicher Werbeslogan

«Crazy mahazy!»

Titelchancen

Da die WM in Russland auf verschiedenen Ebenen ein Thema ist, ist «Bravo Sport» in diesem internationalen Fussballmagazinvergleich ein Platz im Halbfinal durchaus zuzutrauen.

Die Nabelschau
«Rotweiss»

Zahlen und Fakten

«Rotweiss» wird von einem kleinen Team im Auftrag des Schweizerischen Fussballverbands realisiert. Es erscheint monatlich (und unter dem Titel «Hop Suisse» auch auf Französisch), kostet am Kiosk 8 Franken und umfasst knapp 60 Seiten. Ergänzt wird die Print- durch eine vorzu aktualisierte Onlineausgabe mit Archiv (www.rotweiss.ch). Angaben zur Auflage waren nicht zu finden.

Angepeiltes Publikum

Das angenehm ruhig gestaltete Magazin ist, nomen est omen, natürlich eine Nabelschau, sprich es zielt thematisch auf Fans der Schweizer Nationalmannschaften ab – jawoll, Plural, neben Berichten rund um die A-Nati und deren im In- und Ausland aktiven Stars hats auch Artikel zu Akteurinnen der Frauen-Nationalmannschaft (die zumindest in der hier präsentierten Ausgabe tollerweise auch von Journalistinnen verfasst sind) sowie zu den verschiedenen Juniorenteams mit drin. Es ist ein Magazin von Profis (unter anderen wirkt Tamedia-Fussball­experte Peter M. Birrer mit) für Profis, also für eine fachkundige Leserschaft, die Wert auf eine sachlich formulierte und gut verständlich Sprache legt.

Coolness-Faktor

D Schwiizer Nati und Coolness-Faktor, das lässt sich auch im 21. Jahrhundert nicht vereinen. Und wenn man dann im Heft eine Humorseite namens «Fuchs & Haas» entdeckt, schwant endgültig ­Böses. Doch weit gefehlt! Der Dialog ist zwar durchaus böse – aber auf gescheite, witzige Art. Cool ist auch die Rubrik «Footuro» (mit den Cracks der Zukunft) oder Nerdiges wie die Kurzporträts von Kleinvereinen à la FC Perlen-Buchrain.

Möglicher Werbeslogan «Hopp Schwiiz Kanada, Unterhose abe­laa!» (diesen lustigen, aber sinnentleerten Zweizeiler sangen wir in der Primarschule auf dem Pausenplatz . . . wieso, weiss ich allerdings nicht mehr).

Titelchancen Ist gut auch gut genug? Tja . . . wir stellen die gleiche Prognose wie der Nati in Russland: Aus nach der Vorrunde.

Die Wundertüte
«Ballesterer»

Zahlen und Fakten

Mit dem Begriff «Ballesterer» wurden früher in Österreich technisch versierte Fussballspieler beschrieben. Das Magazin dieses Namens wurde im Jahr 2000 ins Leben gerufen. Es erscheint 10-mal pro Jahr, hat einen Umfang von 70 bis 80 Seiten, eine Auflage von 20'000 Stück – und mit 11 Franken einen satten Preis (der jedoch jeden Rappen wert ist).

Angepeiltes Publikum

«Magazin zur offensiven Erweiterung des Fussballhorizonts»: Eine Charakterisierung, die zeigt – das ist kein Lesestoff für den dauerbreiten Stadion-Mob, das ist die Lektüre für geistreiche Leute, die Fussball als gesellschaftsrelevanten Faktor und als emotionales Kulturgut betrachten – und die sich grad darum über eine Story wie «Frauen in den Fankurven» (Ultraszene inklusive), eine Satire über Pep Guardiola, eine Grafik über europäische Städte ohne Topclubs oder über die Einschätzung eines Psychiaters freuen, der sich mit dem Geständnis von Arsenal-Profi Per Mertesacker beschäftigt, der im März erzählte, er sei am Erfolgsdruck fast zerbrochen.

Coolness-Faktor

Was aus Wien und demzufolge aus der Stadt mit der allerhöchsten Lebensqualität kommt, ist derzeit per se angesagt. Unabhängig davon verfügt der «Ballesterer» aber auch über eine unbezahlbare Unique Selling Proposition: Er weiss nämlich auf fast jeder Seite zu überraschen – und das ist heutzutage wohl das Coolste, was überhaupt möglich ist.

Möglicher Werbeslogan

«Ich denke, also sing ich!»

Titelchancen

Am 17. Mai erscheint die «Ballesterer»-Ausgabe zur Fussball-WM, für die wir an dieser Stelle den Befehl «Kaufen!» ausgeben. Wie aber sieht es in unserem Contest der Fussballmagazine aus? Da das verspielte Produkt aus Wien eine ähnliche Wundertüte ist, wie es afrikanische Mannschaften an WM-Turnieren sind, ist ein ernsthafter Tipp unmöglich – wir vermuten ein hochdramatisches Out in der Nachspielzeit des Halbfinals.

Das Mondäne
«FourFourTwo»

Zahlen und Fakten

«FourFourTwo» ist benannt nach einer verbreiteten taktischen Aufstellung. Es existiert seit 1994, wird in England produziert und in 16 Sprachen übersetzt, darunter Polnisch, Thailändisch und ­Vietnamesisch (die deutsche Ausgabe indes wurde 2008 wieder eingestellt). Das Heft kostet 11.90 Franken und hat über 100 Seiten, aktuelle Auflagezahlen sind nicht verfügbar.

Angepeiltes Publikum

Das Magazin ist aber nicht nur kostspielig, es vereint auch viel Fachkompetenz, was zu einem stattlichen Selbstbewusstsein führt (was man in der aktuellen Nummer bereits auf der Titelseite erkennt, wo steht: «Your World Cup Starts Here»). Anders gesagt: «FourFourTwo» ist ein mondänes Produkt für Freaks, die eigentlich alles Dramatische und Essenzielle aus den letzten 60 Fussballjahren zu wissen glauben – und die dank dieser Lektüre letzte blinde Flecken ausmerzen oder kleine Retuschen vornehmen können . . . oder die es schlicht mögen, in einzigartigen Fotos zu versinken oder wieder mal eine packende «Dieguito»- oder «Gazza»-Geschichte zu lesen, die nicht von Abgründen, sondern von den Heldentaten handelt.

Coolness-Faktor

Klar ist es prima vista nicht allzu speziell, Teil einer Fussballmag-Community zu sein, die auf dem halben Erdball Anhänger hat . . . ausser, ja, ausser die Publikation ist das Mass aller Dinge – und darum auch in der Position, Awards wie den «FFT100» zu verleihen, der jährlich die 100 besten Spieler der Welt benennt.

Möglicher Werbeslogan

«You’ll never talk alone»

Titelchancen

Ein dickes Heft voll mit englischem Fussballjargon? Da stellt sich die berechtigte Frage, ob man damit bis zur WM-Eröffnung am 14. Juni tatsächlich durch ist. Das ist ein Handicap, das womöglich dafür sorgen könnte, dass «FourFourTwo» (trotz der zweifellos richtigen Taktik) bereits nach der Vorrunde die Segel wird streichen müssen.

Erstellt: 02.05.2018, 20:55 Uhr

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